Erkennen etliche Mängel im Coventya-Antrag: Ingo Achtelik (v.l.), Christa Dreyer-Achtelik, Rüdiger Maas und Dieter Schluckebier. - © Andreas Frücht
Erkennen etliche Mängel im Coventya-Antrag: Ingo Achtelik (v.l.), Christa Dreyer-Achtelik, Rüdiger Maas und Dieter Schluckebier. | © Andreas Frücht

Gütersloh Sicherheitsrisiken verschwiegen? Kritik an Plänen für größeres Gefahrstofflager

Umweltschützer und Nachbarn werfen dem Chemie-Unternehmen Coventya vor, Sicherheitsrisiken zu verschweigen - mittlerweile liegen rund 380 Einwendungen gegen dessen Ausbauplan für das Gefahrstofflager vor

Ludger Osterkamp
16.05.2019 | Stand 16.05.2019, 06:46 Uhr

Gütersloh. Die Sorgen wegen des geplanten Ausbaus der Firma Coventya am Stadtring Nordhorn nehmen zu. Mittlerweile liegen der Bezirksregierung rund 380 Einwendungen dagegen vor. Bei einem Pressetermin hielten Naturschützer und ein Anwohner dem französischen Chemiekonzern vor, Sicherheitsrisiken zu verschweigen. Sie fordern höhere Sicherheitsauflagen und eine Umweltverträglichkeitsprüfung. Die Coventya GmbH lagert und produziert Spezialchemikalien, die man für das Galvanisieren etwa von Eisen, Stahl und Zink benötigt. Wie berichtet, will das Unternehmen für 3,4 Millionen Euro seinen Gütersloher Standort ausbauen. Es will ein neues Gefahrstofflager mit einer Kapazität von 1.080 Tonnen bauen, seine Verwaltung erweitern und ein neues „Technikum" (Prüf- und Experimentierlabor) einrichten. Weil der Betrieb, der schon jetzt der oberen Klasse der Störfallverordnung unterliegt, wesentlich mehr toxische Stoffe lagern will, braucht er eine Genehmigung nach Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSch). Ergebnis: Coventya-Antrag weist etliche Mängel auf Die Kritiker sind der Meinung, dass die Bezirksregierung diese Genehmigung nach aktuellem Stand verweigern sollte. Der Coventya-Antrag erfülle die Voraussetzungen nicht. Sie berufen sich auf die Stellungnahme eines Gutachters, den die Gemeinschaft für Natur- und Umweltschutz (GNU) beauftragt hat. Dieser Gutachter heißt Oliver Kalusch und ist Mitglied der Kommission für Anlagensicherheit, die als Regierungsberater beim Bundesumweltministerium angesiedelt ist. In seinem 20-Seiten-Papier kommt Kalusch zu dem Ergebnis, dass der Coventya-Antrag etliche Mängel aufweist. So seien die Beschreibung der Anlagen und des Betriebes lückenhaft. Zentrale Aspekte des Sicherheitsberichtes fehlten oder würden in Form pauschaler Aussagen abgehandelt. Die Szenarien für Störfälle seien unvollständig, der Schutzabstand etwa für Ammoniumnitrat sei weder berechnet noch berücksichtigt. Zu schwammig? Weiterer Vorwurf: Statt einer abschließenden Liste der gefährlichen Stoffe seien lediglich Sicherheitsdatenblätter exemplarischer Stoffe und Gemische beigefügt worden. Auch Kalusch, 1972 Mitbegründer des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz, hält es für nicht nachvollziehbar, dass die Bezirksregierung auf eine Umweltverträglichkeitsprüfung verzichtet habe. Denn: Es sei nicht auszuschließen, dass die Coventya-Erweiterung „erhebliche nachteilige Umwelteinwirkungen" haben könne. Dieter Schluckebier von der GNU wirft der Firma mangelnde Transparenz vor. Es sei unverständlich, dass sie nicht im Vorfeld eingeladen und ihre Erweiterungsabsichten bekannt gemacht habe. „Wir haben den Eindruck, Coventya wollte sich klammheimlich durchmogeln." Ingo Achtelik (GNU) erkennt in dem Antrag „eine große Schwammigkeit". Es fehlten elementare Angaben etwa zu einzelnen Gefahrstoffen und zu tatsächlichen oder potenziellen Gemischen. Zudem gehe aus den Unterlagen nicht hervor, ob eine Steigerung der Produktion und eine breitere Produktpalette vorgesehen sei. Abstände werden offenbar nicht eingehalten Am Beispiel Ammoniumnitrat, ein laut Achtelik gefährlicher, toxischer Stoff, sei erkennbar, wie vage die Angaben Coventyas seien. Ammoniumnitrat sei einer Stoffgruppe einer bestimmten Gefahrenkategorie („H 271 – kann Brand oder Explosion verursachen") zugeordnet worden; 16,8 Tonnen von Stoffen dieser Kategorie darf Coventya lagern, aber ebenso gut könnten es auch ausschließlich 16,8 Tonnen Ammoniumnitrat sein. Da sich die Genehmigungsfähigkeit stets an der Maximalmenge orientiert, würde das laut Kalusch-Gutachten bedeuten, dass der Abstand zum nächsten Wohnhaus 281,7 Meter und zum nächsten öffentlichen Verkehrsweg 187,8 Meter betragen müsste. Beide Abstände halte Coventya nicht ein: Die erste Wohnsiedlung liege nur 220 Meter entfernt, die Bahnstrecke gar nur 30 Meter, deren Personengleis 60 Meter. „Danach wäre das Vorhaben unzulässig", urteilt Gutachter Kalusch. 380 Züge passieren täglich die Strecke, sagte der Anwohner und Einwender Rüdiger Maas. Menge von 1.500 Tonnen Ohnehin reiben sich Gutachter, Naturschützer und Nachbarn daran, dass Coventya dreierlei außer Acht lasse: Zum einen die Menge von Einzelstoffen, zum zweiten die Betrachtung der Gesamtmenge, zum dritten die Gefahr, die aus absichtlich oder (in Folge von Störfällen) unabsichtlich entstehenden Gemischen erwachsen könne. Aktuell, so Achtelik, hantiere Coventya nach Einschätzung der GNU mit einer Menge von 1.500 Tonnen – diese hohe Menge resultiere aus der Just-in-time-Produktion, die gemäß den (möglicherweise veralteten) Unterlagen von 1992 eine Lagerdauer der Betriebsstoffe von bis zu 72 Stunden vorsehe. Im Antrag sei nun angegeben, diese Gesamtlagerkapazität auf 2.517 Tonnen steigern zu wollen. „Für uns drängt sich daher die Frage auf, inwieweit Coventya beabsichtigt, seine Produktion zu steigern. Doch dazu macht die Firma keine Angaben." Je höher die vorgehaltene Menge, so die Befürchtung der Kritiker, desto größer die Gefahren. Sorge bereitet den Kritikern ferner der Umstand, dass Coventya zu wenig auf das Gefahrenpotenzial der sogenannten Brandgase eingehe. Deren Risiken würden unterschätzt. Vom Stoff Dimethylaminoethanol beispielsweise, eine entzündbare Flüssigkeit, könnten bis zu 54 Tonnen verbrennen und als giftiges Brandgas in die Luft gelangen; abhängig von den Windverhältnissen, könnte es sich weit ausbreiten. „Da werden die Anwohner zu Versuchskaninchen" Dass Coventya in seinem Antrag versäumt habe, die sicherheitsrelevanten Anlagenteile (jene mit besonderen Stoffen oder besonderen Funktionen) zu beschreiben, ist ein weiterer Vorwurf der Kritiker. Reichlich Gefahrenpotenzial schlummere auch in dem geplanten neuen Technikum mit den Versuchslaboren. Dort, so Christa Dreyer-Achtelik, würden Produkte hergestellt, deren Gefährlichkeit noch gar nicht abzuschätzen sei: „Da werden die Anwohner dann zu Versuchskaninchen." Anwohner Maas, dessen jahrhundertealter (Nebenerwerbs)-Hof rund 300 Meter von Coventya entfernt liegt, sagte, er fühle sich mittlerweile äußerst unwohl mit einem solchen Nachbarn in der Nähe. Kürzlich habe das Unternehmen im Umkreis von tausend Metern einen Flyer mit der Überschrift „Aus Verantwortung für Ihre Sicherheit" verteilt. Dieses Schreiben enthält Informationen über Maßnahmen bei einem Störfall. Es trage, so Maas, keineswegs zur Beruhigung bei. „Unter anderem sind dort Radien gezogen. "Erwartung, dass Firma alles tut, was für unsere Sicherheit wichtig ist" Dort wird deutlich, dass öffentliche Einrichtungen wie die Grundschule Nordhorn, der Sportplatz Ostfeld und der Epiphanias-Kindergarten sehr nah liegen und schnell betroffen sein könnten." Zu lesen, dass man bei einem etwaigen Alarm rasch ins Haus gehen, alle Türen und Fenster schließen, Heizung und Belüftung abstellen solle, mache Angst. Maas: „Wir haben daher zu Recht die Erwartung an die Firma, dass sie alles tut, was für unsere Sicherheit wichtig ist." Am Mittwoch, 22. Mai, werden die Bedenken der Einwender erörtert. Der öffentliche Termin, angesetzt von der Bezirksregierung, beginnt um 10 Uhr im großen Saal des Rathauses.

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