Arnd Jaskulla wundert sich, dass nach der Schließung der zweiten Hausarztpraxis in Friedrichsdorf niemand von der Stadt bei ihm angeklopft hat. - © Andreas Frücht
Arnd Jaskulla wundert sich, dass nach der Schließung der zweiten Hausarztpraxis in Friedrichsdorf niemand von der Stadt bei ihm angeklopft hat. | © Andreas Frücht

Gütersloh Ärzte-Mangel in Gütersloh: Dieser Doktor hat sich selbst geholfen

Arnd Jaskulla ist der letzte Hausarzt in Friedrichsdorf. Er wundert sich, dass von der Stadt noch niemand bei ihm angeklopft hat, um nach einer Lösung zu suchen. Trotzdem gibt es Grund zur Zuversicht.

Rainer Holzkamp
13.05.2019 | Stand 13.05.2019, 13:43 Uhr

Gütersloh. Mit einigem Unverständnis hat der einzige verbliebene Hausarzt in Friedrichsdorf die Darstellung der Stadt zu der Misere in der medizinischen Versorgung am Ort zu Kenntnis genommen. „Mit uns, die wir hier die Versorgung leisten, hat von der Stadt bis heute niemand gesprochen. Da ist überhaupt nichts passiert", sagte Arnd Jaskulla, der in einer Art kleinem Ärztehaus an der Marktstraße mitten im Dorf seine Praxis betreibt. Er finde das merkwürdig. Wie am Freitag berichtet, hatte Jörg Möllenbrock vom städtischen Fachbereich Ratsangelegenheiten und Bürgerdialog im Hauptausschuss mitgeteilt, dass in Friedrichsdorf eine der beiden Hausarztpraxen wegen Ruhestands der Inhaberin geschlossen und ein Nachfolger nicht in Sicht sei. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, können aber nichts versprechen." Die Situation hat sich inzwischen verbessert In Wirklichkeit hat sich die Situation inzwischen bereits verbessert, allerdings nicht dank des Engagements von Behörden. „Das geht allein auf Eigeninitiative zurück", sagte der Internist. So arbeitet seit dem 1. April Dr. Ursula Meyer bei ihm in der Praxis mit. Als erfahrene Chirurgin (zuletzt St.-Vinzenz-Krankenhaus in Wiedenbrück) absolviere die 54-Jährige derzeit die letzten Monate ihrer Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin in der Friedrichsdorfer Praxis. Er selbst habe voriges Jahr diese Facharztausbildung gemacht, um überhaupt weiterbilden zu können. „Zahlreiche Patienten aus der früheren Praxis von Frau Dr. Venjakob haben bei uns an der Tür gekratzt", so Arnd Jaskulla gegenüber der NW. „Wir haben bislang bereits die Hälfte übernommen, das sind über 500 Patienten." Mehr gehe aber nicht. 300 junge Ärzte sollen jährlich ihr Abschlusszeignis erhalten Er hoffe, dass Ursula Meyer später fest bei ihm einsteige. In dem Fall wäre die Versorgung im Ort für die nächsten zehn, zwölf Jahre gesichert. Und dann trage mit Sicherheit die bald anlaufende Medizinerausbildung an der Universität Bielefeld Früchte. Wie berichtet, sollen dort später bis zu 300 junge Ärzte jährlich ihr Abschlusszeugnis erhalten. Die Schließung der Praxis Venjakob sei lange absehbar gewesen, sagte Jaskulla, der früher in einer Gemeinschaftspraxis mit insgesamt drei Kollegen quasi nebenan in der Bielefelder Windflöte gearbeitet hat und sich nach wie vor im Palliativnetz Bielefeld engagiert. Niemand bringe den Mut auf, sich als Einzelkämpfer in der leerstehenden Praxis niederzulassen. Wegen der höheren Flexibilität gehe der Trend eindeutig hin zu größeren Arzt-Gemeinschaften. Hinzu komme, dass die alten Praxis-Räume an der Schubertstraße alles andere als barrierefrei sind. Kollegin hat sich Richtung Innenstadt orientiert Er selbst habe schon vor geraumer Zeit versucht, eine neue Praxispartnerin zu bekommen, berichtete Jaskulla. Eine Kollegin habe bei ihm sogar probegarbeitet, sich jedoch letztlich Richtung Innenstadt orientiert. Die Rahmenbedingungen, als Partner in eine Gemeinschaftspraxis einzusteigen, seien ohnehin nicht einfach. Insofern seien die Kassenärztlichen Vereinigungen nicht ganz unschuldig an dem Ärztemangel. Wegen ständiger Plausibilitätsprüfungen der Abrechnungen sei beispielsweise seine frühere Praxispartnerin vor einiger Zeit genervt abgesprungen. „Sie wollte das nicht mehr mitmachen und arbeitet jetzt als Medizinerin beim TÜV."

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