Am kommenden Montag verabschiedet sich das 26. Königliche Artillerie-Regiment. - © Andreas Frücht
Am kommenden Montag verabschiedet sich das 26. Königliche Artillerie-Regiment. | © Andreas Frücht

Gütersloh Kommentar zu Gütersloher Briten-Wohnungen: "Teilerhalt statt Totalabriss!"

Rainer Holzkamp
11.05.2019 | Stand 10.05.2019, 13:50 Uhr

Gütesrloh. Die Gründe bleiben rätselhaft, aber es erweist sich ein ums andere Mal aufs Neue, dass Gütersloh ein besonderes Gen innewohnt: das Abriss-Gen. Als Beleg dient nicht allein der Umstand, dass in der Stadt ein Marktführer der deutschen Abbruchbranche beheimatet ist und tagaus, tagein wirtschaftlich erfolgreich die Baggerschaufel schwingen lässt. Auch die lange Liste dessen, was mal war, aber schon lange nicht mehr steht, ist ein weiteres Indiz für diese Gen-Theorie. So ist das alte Rathaus wohl das berühmteste Opfer einer regelrechten Welle geworden, die in den 1970er Jahren historische Bausubstanz reihenweise hinweggefegt hat. Und es hat nicht aufgehört. Seit einigen Jahren verschwinden immer wieder markante Gebäude aus dem Stadtbild, um modernen Komplexen Platz zu machen. Immerhin wird darüber jetzt gestritten und nach Wegen gesucht, künftig das zu erhalten, was wirklich erhaltenswert ist. An beidem herrscht arger Mangel Unterdessen kündigt sich seit einigen Monaten eine neue Welle an.Mit der Umwandlung der beiden britischen Kasernen und der Nachnutzung des Wohnraums in den bis vor kurzem von den Soldaten und ihren Familien bewohnten Häusern droht der Totalabriss. Tabula rasa zugunsten neuer Flächen für die Industrie und für die Schaffung günstigen Wohnraums. Es kann nicht bestritten werden: An beidem herrscht arger Mangel. Und ebenfalls klare Sache: Ohne Abriss keine neuen Entwicklungschancen. Aber es geht auch um Fingerspitzengefühl und um einen angemessenen Umgang mit der Geschichte. Zwei Fragen seien erlaubt: Wird man dem städtebaulichen Anspruch gerecht, indem Häuser radikal plattgemacht werden, weil die Dämmung heutigen Ansprüchen nicht genügt? Nerviger Poker um Preise Wird man dem historischen Anspruch gerecht, indem Zeugnisse der Geschichte, sei es das Offizierskasino auf dem Flugplatz, seien es Flugzeug-Shelter oder auch intakte Unterkunftsgebäude im nervigen Poker um Preise und in Ermangelung regionalplanerischer Grundlagen schier hoffnungslos dahinrotten? Manch einer mag sich ein Scheitern der Kaufverhandlungen mit der Bundesanstalt BImA wünschen, denn dann kommen zumindest die Wohnhäuser auf den freien Immobilienmarkt. Das hat jedenfalss der BImA-Projektleiter der NW bestätigt. Bauliche Zeugen der Nachwelt erhalten Einiges wäre freilich schon bewirkt, wenn sich die Stadt zu einem Bekenntnis durchringen könnte nach der Devise: Ja, wir stehen zu dieser Geschichte mit dem Flugplatz, mit zwei Kasernen, mit dem Militär und der britischen Besatzungszeit, die einen wesentlichen Teil der bisher 194 Jahre langen Stadtgeschichte mitgeprägt hat und erst recht zur Gütersloh-DNA gehört. Und wir wollen das nicht nur in einem weiteren Büchlein festhalten, sondern auch bauliche Zeugen der Nachwelt erhalten. Ein solcher Konsens wäre die Grundlage für den Erhalt wenigstens einiger Gebäude hinterm Zaun und außerhalb der Kasernen. Was spricht denn gegen den Teilerhalt? Dass das geplante Industriegebiet dann, wie mancher behauptet, nicht optimal funktioniere, kann jedenfalls kaum ernst gemeint sein. Ebenso wenig wie die Einschätzung der Bezirksregierung, es gebe schon andernorts gelungene Beispiele für Bauten wie das Offizierskasino in städtebaulichen Zusammenhängen, weshalb eine Eintragung in die Denkmalliste ausscheide. Was für eine krasse Fehleinschätzung. Gütersloh hat seine eigene, spezielle Geschichte, und die gilt es an Ort und Stelle zu veranschaulichen, nicht im Rheinland oder sonstwo. Was spricht gegen ein Flugplatz-Museum? Und was spricht eigentlich gegen ein Flugplatz-Museum? Nur der Umstand, dass die Initiative dazu privater Natur ist? Die Stadt sollte es als Segen ansehen, dass der Förderverein über ein riesiges Archiv und zahlreiche bestaunenswerte Exponate verfügt und vieles davon öffentlich zugänglich machen will. Aufgabe müsste es daher sein, ernsthafte Anstrengungen zu unternehmen, einen angemessenen Ort für eine dauerhafte, auch wissenschaftlich begleitete Ausstellung zu finden. Am geeignetsten wäre fraglos ein Standort unmittelbar auf dem Flugplatz. Mit gutem Willen auf allen Seiten, auch der BImA, sollte eine Lösung außerhalb des Gewerbegebietes zu finden sein, mit der auch Heidenelke und Brachvogel im Nationalen Naturerbe ihre Lebensgrundlage behalten. Aber ohne diesen Willen geht es nicht. Insofern steht die Stadt am Scheideweg: Ringt sie sich zu einem geschichtswahrenden Bekenntnis und zum Teilerhalt statt Totalabriss samt Identitätsverlust durch, oder gewinnt das besondere Gen die Oberhand?

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