Mit einer öffentlichen Abschiedsparade am kommenden Montag sagen die britischen Streitkräfte endgültig „Goodbye Gutersloh". - © Andreas Frücht
Mit einer öffentlichen Abschiedsparade am kommenden Montag sagen die britischen Streitkräfte endgültig „Goodbye Gutersloh". | © Andreas Frücht

Gütersloh Was der Abmarsch der Briten für Gütersloh bedeutet

Mit der Abschiedsparade der letzten britischen Soldaten in Gütersloh endet ein langes Kapitel in der Geschichte der Stadt. Die Auswirkungen auf Bausubstanz, Natur und Vereinsleben sind vielfältig.

Rainer Holzkamp
10.05.2019 | Stand 10.05.2019, 17:44 Uhr

Gütersloh. Wenn am kommenden Montag etwas mehr als 100 Soldaten der beiden letzten verbliebenen Kompanien des 26. Königlichen Artillerie-Regiments zur Abschiedsparade antreten, beginnt das allerletzte Kapitel einer außergewöhnlichen Geschichte. Mit klingendem Spiel wird das Ende der britischen Besatzungszeit in Gütersloh eingeläutet. Sie begann bald nachdem am 9. Mai 1945 das erste britische Militärflugzeug landete und die Amerikaner Fliegerhorst und Stadt den Verbündeten übergaben. 74 Jahre später endet diese Ära mit der baldigen Rückgabe der Kaserne an der Verler Straße an den Bund und damit zugleich die Geschichte Güterslohs als Militärstandort. Unweigerlich stellt sich unter verschiedenen Aspekten immer die gleiche Frage: Was bleibt und was bleibt nicht nach dem Rückzug der einstigen Besatzer? Von Anfang an voll akzeptiert Lee McMahon zögert bei dieser Frage keinen Moment. „Natürlich bleibe ich hier", sagt der 56-Jährige. „Gütersloh ist längst meine Heimat geworden." Schließlich habe er in Deutschland mehr Zeit seines Lebens verbracht als in England. „Ich käme dort wohl nicht mehr zurecht" – trotz einer großen Familie mit allein 52 Cousins und Cousinen. Aufgewachsen in der Nähe von Birmingham, kam McMahon 1989 als Radartechniker zur Royal Air Force (R.A.F.) auf dem Flugplatz an der Marienfelder Straße. Doch die Zeit beim Militär währte nicht allzu lang. Als die R.A.F. aus Gütersloh 1993 abgezogen wurde, wechselte er – inzwischen mit einer Deutschen verheiratet – zunächst zur Flughafen Gütersloh GmbH (FGT), die für einige Jahre den zivilen Werksflugverkehr vorrangig für Bertelsmann und Miele organisierte. Geschäftsführer Rolf Kiene öffnete seinem Techniker aber bald darauf die Tür bei Miele. Dort arbeitet Lee McMahon bis heute, in der Elektronik-Entwicklungsabteilung. Sauerbraten mit britischer Note An Deutschland schätzt der Brite, aufgrund der Herkunft seiner Eltern mit englischem und irischem Pass ausgestattet, vor allem die Arbeitsmentalität und -effizienz. „Die Leute sehen, was zu tun ist und warten nicht, bis einer kommt und es ihnen erklärt." Er selbst sei von Anfang an voll akzeptiert worden, sagt er in flüssigem Deutsch. Auch sonst fehlt ihm nichts. „Ich mag das deutsche Bier und auch die deutsche Küche", wenngleich er seinem Lieblingsgericht eine recht spezielle britische Note verleiht. Beim Sauerbraten mit Rotkohl bereitet er die Knödel zuerst in leicht köchelndem Wasser und dann in der Mikrowelle zu. Das gebe eine schöne gummiartige Konsistenz. Finalisiert wird mit Knoblauch und Tabasco „Naja", gibt er zu, „eher nichts für den deutschen Gaumen." Britische Militärangehörigen haben Güterrsloh internationaler gemacht Neben Lee McMahon verzeichnet das Melderegister der Stadt Gütersloh zum 31. Dezember 2018 350 Briten, bei insgesamt 102.556 Einwohnern. Bei den Mansergh Barracks waren zum gleichen Zeitpunkt noch 711 Armeeangehörige gemeldet. Grundsätzlich unterlägen diese Personen jedoch nicht der Meldepflicht. „Und auch wenn sie statistisch nicht als Teil der Einwohnerschaft mitgezählt wurden, haben die britischen Militärangehörigen und ihre Familien Gütersloh internationaler gemacht", sagt Stadtsprecherin Susanne Zimmermann. In Spitzenzeiten zählte die britische Community über 5.000 Männer, Frauen und Kinder und sie stellte damit einen starken Kaufkraftfaktor dar. „Auch wenn es sich um eine weitgehend geschlossene Gemeinde handelte, entstanden im Verlauf der Jahrzehnte viele Freundschaften und gute Nachbarschaften, etwa dort, wo Deutsche und Briten Tür an Tür wohnten", so die Sprecherin. Der britische Verbindungsoffizier Kenneth Crichton bestätigt dies: Der Faktor Mensch habe die Beziehungen zwischen Briten und Deutschen am meisten geprägt. Das Miteinander der Menschen habe Vorurteile abgebaut. Auf die Frage, was positiv in Erinnerung bleibe, sagt er: „Ganz einfach: Dass ehemalige Feinde Verbündete und Freunde geworden sind." Leerstand hat Einzug gehalten Tür an Tür leben sie freilich nur noch selten. Längst hat in den außerhalb der Kasernen entstandenen acht britischen Wohnstandorten im Besitz des Bundes der Leerstand Einzug gehalten. Und was von diesen 370 Gebäuden bleibt, ist weiter ungewiss. „Vermutlich nichts", befürchtet mancher Beobachter. Denn nicht nur auf dem Flugplatz ist ein Totalabriss zugunsten des geplanten Gewerbe- und Industriegebiets geplant, auch die früheren Häuser der Offiziere und ihrer Familien werden wohl plattgemacht, vor allem um Sozialwohnungen neu zu errichten. Allerdings ist immer noch keine Einigung zwischen der Stadt und der Bundesanstalt BImA im ersten konkreten Fall Thomas-Mann-Straße mit 53 Wohneinheiten zustande gekommen. Grundsätzlich gibt sich die Stadt gleichwohl zuversichtlich: „Räumlich betrachtet ist anzumerken, dass die Chancen der Konversion mit den zivilen Nachnutzungen der Flächen den Wegfall der vorherigen militärischen Nutzungen sicherlich aufwiegen." Außergewöhnliches Nahrungsangebot lockt Tiere Was auf jeden Fall erhalten bleibt, ist ein Naturschatz auf dem ehemaligen Flugplatz. Nachdem bereits 2017 durch den Bund rund 200 der 340 Hektar als Nationales Naturerbe (NNE) ausgewiesen worden waren, soll nun ein Entwicklungskonzept erstellt werden. Daran beteiligt ist auch die Biologische Station Gütersloh/Bielefeld. Geschäftsführer Bernhard Walter kennt sich in dem Gebiet, das er als Mosaik verschiedener Vegetationen beschreibt, bestens aus. Erst vor einer Woche gelang es ihm, ein Foto vom Großen Brachvogel unweit der Rollbahn zu schießen. Auf dem Flugplatz finden sich vier Reviere dieser seltenen und bedrohten Art. Der Brachvogel sei eigentlich in Feuchtwiesen wie der Emsniederung zu Hause. Dass indes auch in dieser trockenen Region Bestände vorkommen, spreche für das außergewöhnliche Nahrungsangebot. Naturschatz wird gesichert Nicht nur Vögel, auch Insekten profitierten davon. Laut Walter ist auf dem Flugplatz zudem die in der gesamten Region OWL größte Feldlerchen-Population mit 50 Paaren registriert worden. Auch den Wiesenpieper, wie der Brachvogel eine bodenbrütende Art, konnten die Ornithologen nachweisen. Geradezu Berühmtheit erlangte das Flugplatzareal wegen seiner in ganz NRW einzigartigen Vorkommen von Heidenelken- und Borstgrasrasen. Es handelt sich um besonders schützenswerte Biotope. Um die bedrohten Arten zu erhalten, sollen die Freiflächen auf dem Flugplatz nur sehr eingeschränkt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. „Lässt man dort Hunde laufen und Drachen steigen, sind Brachvogel und Feldlerche ruck-zuck verschwunden", sagt Norbert Walter. Notwendig sei ein Besucherlenkungskonzept. Teilabschnitte des Flugplatzes könnten beispielsweise über die vorhandenen Asphaltwege erschlossen werden. "Ganz sicher dürfen die Leute nicht komplett außen vor gelassen werden" Statt Bauwerke wie Aussichtsplattformen zu errichten, seien künstlich angelegte Hügel wesentlich naturschonender. „Ganz sicher dürfen die Leute nicht komplett außen vor gelassen werden." Das habe die BImA aber auch nicht vor, sagt Walter. Hat der Abzug der britischen Soldaten auch Auswirkungen auf die seit 41 Jahren bestehende Städtepartnerschaft mit Broxtowe? Grund für die Verbindung war laut Stadtsprecherin Zimmermann nicht die Tatsache, dass Gütersloh britischer Militärstandort war. Vielmehr sei sie von ehemaligen Kriegsteilnehmern beider Länder initiiert worden – und die Fortführung eher unabhängig vom Abzug der Briten. So pflegen das Städtische Gymnasium und verschiedene Sportvereine regelmäßigen Austausch mit Broxtowe. Erst zu Ostern weilte eine 15-köpfige Delegation aus England in Gütersloh. Anglo-German-Club "Young at heart" Und auch bei der Deutsch-Britischen Gesellschaft, im selben Jahr gegründet wie die Städteehe mit Broxtowe (1978), sind die Verantwortlichen gewillt, den bilateralen Beziehungen „neue Impulse" zu geben, auch wenn sich die Mitgliederzahl von über 100 zu Spitzenzeiten auf derzeit 43 erheblich verringert hat und nur noch 8 britische Vertreter darunter sind. „Auch nach so langer Zeit sind wir noch ,young at heart‘", sagt Vorsitzender Frank Mertens. Die Wurzeln der Gesellschaft (auch Anglo-German-Club genannt) reichen bis in das Jahr 1947 zurück. Damals kamen auf Initiative von Carl Miele Deutsche und Briten, wohl eher der „upper class", zu den ersten „Konversationsabenden" zusammen. Ein Beitrag zur Völkerverständigung. Für die künftige Clubarbeit hat Frank Mertens einige konkrete Ideen parat, etwa die verstärkte Zusammenarbeit mit der Volkshochschule oder ein deutsch-britischer Stammtisch sowie ein Dialog mit dem British Council, Großbritanniens Organisation für Kulturbeziehungen und Bildungschancen. Und natürlich wird weiterhin einmal im Monat Bingo im „Türmer" gespielt. Die deutsch-britische Geschichte in Gütersloh – zu Ende ist sie noch nicht.

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