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Ventil für die Seele: Rund 30 Prozent aller 14- bis 18-Jährigen haben Erfahrungen mit Ritzen, etwa zehn Prozent tun es regelmäßig. Die Gründe dafür sind vielfältig. - © dpa
Ventil für die Seele: Rund 30 Prozent aller 14- bis 18-Jährigen haben Erfahrungen mit Ritzen, etwa zehn Prozent tun es regelmäßig. Die Gründe dafür sind vielfältig. | © dpa

Gütersloh Warum ritzen sich Jugendliche?

Interview: Warum verletzen sich Jugendliche selbst, indem sie sich mit Messern oder Rasierklingen in Arme oder Beine schneiden? Ein Gespräch mit Klaus-Thomas Kronmüller, Ärztlicher Direktor des LWL-Klinikums, und den Kinder- und Jugendpsychiatern Meike Wördemann und Johannes Hoppmann

Nicole Hille-Priebe
14.04.2019 | Stand 12.04.2019, 13:22 Uhr

Wenn die Kinder in die Pubertät kommen, wird Ritzen für viele Eltern zwangsläufig ein Thema – entweder, weil das eigene Kind betroffen ist oder jemand aus dem Freundeskreis zu Rasierklinge oder Messer greift, um sich selbst zu verletzen. Seit wann gibt es Ritzen überhaupt als klinisches Bild und was steckt dahinter? KLAUS-THOMAS KRONMÜLLER: Das Phänomen gibt es eigentlich erst seit den 1990er Jahren. Studien wie die Heidelberger Schülerstudie sagen, dass 30 Prozent der 14- bis 18-Jährigen Erfahrung damit haben, sich also absichtlich schon einmal selbst verletzt haben. Da sind Jugendliche dabei, die das einfach mal so probieren – aber zehn Prozent der Schüler tun es häufiger und regelmäßig. MEIKE WÖRDEMANN: Man muss unterscheiden zwischen denen, die mit ihren Affekten nicht zurecht kommen und ihren Emotionen keinen Ausdruck verleihen können und anderen, die es zur Kontaktaufnahme machen. Ein neueres Phänomen, das wir beobachten, ist die Nachahmung in Jugendeinrichtungen oder Kliniken: Die eine macht es, dann macht es die andere auch – ohne, dass damit immer eine psychiatrische Erkrankung einhergeht. Ist Ritzen also ansteckend? KRONMÜLLER: Es ist ein Verhalten, das sehr häufig vorkommt und natürlich auch kopiert wird. Ich würde nicht unbedingt von einer Mode sprechen, aber es gibt bestimmte Dinge, die man eine Zeit lang nicht so häufig gesehen hat, etwa Tätowierungen. Dann fing es an, eine Mode zu werden und heute fragt man sich, wer eigentlich nicht tätowiert ist. Das sind gesellschaftliche Prozesse. In den Studien über das Ritzen zeigt sich, dass es sehr viele einfach nur mal ausprobieren, eine recht große Anzahl von Schülern in dem Alter macht es aber auch regelmäßig. Gibt es Wellen? JOHANNES HOPPMANN:Wir sehen das in der Kinder- und Jugendpsychiatrie eigentlich immer. Übrigens nicht nur Mädchen, sondern auch Jungen. Das Verhältnis ist da in etwa vier zu eins. KRONMÜLLER: Bei Mädchen kommt es auf jeden Fall häufiger vor, aber man muss auch sehen: Ritzen ist ein Verhalten, das eher selten zu einer Behandlung führt. Die meisten Jugendlichen, die das machen, kommen überhaupt nie ins Behandlungssystem. Was steckt dahinter, warum ritzen sich Jugendliche? KRONMÜLLER: Es gibt unterschiedliche Dynamiken. Zunächst ist es ein sehr unverständliches Symptom. Warum verletzt sich jemand selbst? Das ist erstmal nicht nachvollziehbar, warum sich jemand selber weh tut. Das befremdet. Aber es gibt unterschiedliche Motivationen, wie es dazu kommen kann: Sich selber verletzen, weil man sich eigentlich selber töten will, also die Selbstverletzung als abgebrochene Suizidhandlung. Man traut sich nur nicht, tiefer zu schneiden. Dann gibt es die Motivation, sich selbst zu bestrafen. Sich selber zu geißeln, hat eine lange Tradition. Und dann kann es noch darum gehen, sich selbst zu spüren. Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich selbst zu erleben, schneiden sich und spüren sich wieder. Für sie ist das praktisch ein Gewinn. Während dieses Verhalten von außen betrachtet keinen Sinn macht, ergibt es subjektiv gesehen sehr wohl einen Sinn: Eigentlich will ich mich töten, eigentlich will ich mich spüren, eigentlich will ich mich bestrafen. Dazu kommt der neurobiologische Mechanismus: Durch den Schnitt werden Hormone und Neurotransmitter ausgeschüttet, die dann zu einer emotionalen Veränderung führen. Gerade bei Menschen, die hohe Anspannungszustände haben, aus denen sie nicht mehr rauskommen und die keine Drogen nehmen, um sich runterzuholen, ist sich selbst zu verletzen eine sehr sichere Methode, um runterzukommen. Die Spannungszustände sind so stark, dass die Betroffenen sich praktisch gut damit „behandeln" können. Verdecken die Betroffenen die Stellen oder gibt es auch Jugendliche, die ihre Verletzungen offen zeigen? WÖRDEMANN: Viele vermeiden es, Haut zu zeigen und tragen je nach Motivation lange Ärmel. Andere, die gesehen werden wollen, zeigen es demonstrativ. Diejenigen, die Kontakt suchen, in die Opferrolle gehen und Aufmerksamkeit haben wollen, zeigen es natürlich auch eher. Wer Spannung abbauen oder sich spüren will, zeigt es eher nicht. KRONMÜLLER: Man kann das Phänomen ein bisschen mit dem Rauchen von Marihuana vergleichen, das war früher eher schambesetzt. Man hat es geraucht, aber nicht davon erzählt. Man hat geschnitten, hat es aber nicht so erzählt. Jetzt höre ich von Lehrern, dass es Jugendliche gibt, die sich auch im Unterricht so schneiden, dass es auf die Bänke blutet. Das hat sich verändert, dass kein Geheimnis mehr daraus gemacht wird. Ist das gut oder schlecht? HOPPMANN: In den Schulklassen ist es auf jeden Fall Thema, das merke ich immer wieder bei Praktikumsnachbesprechungen in den achten Klassen. In jeder zweiten Klasse ist Ritzen schon als Thema durch. Das ist relativ früh. WÖRDEMANN: Es wird aber auch immer früher. Die Kinder fangen schon mit 11 damit an, früher waren sie 13. HOPPMANN: Da wird auf jeden Fall genauso nach Ritzen gefragt wie nach der Wirkung von Alkohol oder Cannabis. Gut daran ist, dass ich häufiger von Schülern auf selbstverletzendes Verhalten angesprochen werde, früher kam das nicht vor. Sehr positiv finde ich die hohe Bereitschaft von den Schülern, Betroffenen zu helfen, in der Peergroup aufzupassen und es zu thematisieren. Dadurch, dass man es ansprechen kann, haben auch immer mehr den Mut, es zu tun. Ist die Erkrankung auch ein Symptom unserer Konsumgesellschaft? HOPPMANN: Psychische Erkrankungen beginnen in unserer Gesellschaft auf jeden Fall früher und sie sind komplexer. Auch unser Leben wird immer komplexer, die Anforderungen und der Druck nehmen zu. Ich würde es also nicht am Wohlstand festmachen, sondern an der Komplexität der Gesellschaft. Am fehlenden Ausgleich. KRONMÜLLER: Der Druck auf die Kinder durch die Schule wird stärker. Sie müssen mehr lernen und haben durch die Digitalisierung weniger körperliche Erfahrungen wie zum Beispiel durch Sport. Sie spüren sich nicht. Den eigenen Körper zu erleben und zu spüren spielt eine immer geringere Rolle. Gibt es Unterschiede in der Intensität des Ritzens? KRONMÜLLER: Ja, der Wunsch, sich selber zu verletzen, ist unterschiedlich heftig, das kann man an der Schnitttiefe festmachen. Ritze ich nur, oder schneide ich so, dass es blutet? Es gibt auch Patienten, die schneiden sich bis auf den Knochen und verletzen dabei auch Gefäße oder Nerven – hier ist der Übergang von der Selbstverletzung zum Todeswunsch. Sind die Betroffenen denn selbstmordgefährdet? WÖRDEMANN: Wenn man die Neigung hat, sich selbst zu verletzen, kann das ein erhöhtes Risiko mit sich bringen. Grundsätzlich kann Ritzen ein Symptom bei Depressionen sein, bei Störung des Sozialverhaltens oder bei Essproblematiken. Früher gab es den Irrglauben, dass alle, die sich ritzen, eine Borderlinestörung entwickeln. Das kann man so natürlich nicht sagen. Bei Mädchen oder Jungen, die sich ritzen, steckt auch nicht immer ein Suizidgedanke dahinter. Weil es aber dazu führen kann, muss man es trotzdem ernst nehmen. Wie reagieren Eltern, wenn sie entdecken oder erfahren, dass ihr Kind sich ritzt? WÖRDEMANN: Die meisten reagieren erstmal panisch. Und wie sollten sie reagieren? WÖRDEMANN: Je nachdem, wie schlimm die Verletzung ist, sollte sie zunächst versorgt werden. Profis fällt es natürlich einfacher, da nüchtern zu bleiben und mit nicht zu viel Aufmerksamkeit die Wunden sachlich zu versorgen – Eltern neigen verständlicherweise zu Panik und Sorge. Aber Ritzen ist ein Hilfeschrei und ich würde dann auch Hilfe suchen. In jedem Fall? WÖRDEMANN: Wenn das jetzt einmal in der Schule mit dem Bleistiftanspitzer nachgemacht wurde, weil die beste Freundin es macht, ist das vielleicht etwas anderes. Aber ich würde es prinzipiell ernst nehmen und das Gespräch suchen. HOPPMANN: Es gibt zwei Strategien, die ich problematisch finde: Hilflos und kopflos zu agieren oder in die Kontrolle zu gehen. Also nicht jeden Abend: Ärmel hoch und Arme kontrollieren? HOPPMANN: Nein, denn damit rückt man das Symptom so sehr in die Aufmerksamkeit, dass man es verstärkt. Dann wird der Autonomiekampf, in dem Jugendliche sich gegen ihre Eltern abgrenzen, über das Selbstverletzen ausgetragen. Eltern sollten vielmehr auf der Sachebene differenzieren: In welchen Situationen tritt das auf? Welche Zusammenhänge hat das? Und nicht bei der Erkrankung stehen bleiben, sondern nach der Funktion zu fragen. Kann man darüber mit dem Kind ins Gespräch kommen? Welche Unterstützung kann ich dem Kind geben? Durch zu viel Panik sorgt man eher für eine Verstärkung. WÖRDEMANN: Die Idee ist, dass die Kinder langfristig ein alternatives Verhalten lernen. Schwierig wird es, wenn sie gar nicht wollen. Es gibt einige, die sagen: Nein, so weit bin ich noch nicht, ich möchte weiter ritzen. Da kann man mit anderen Strategien wenig machen. Erst in dem Moment, wo sie bereit dazu sind, gibt es andere Möglichkeiten, von der ambulanten Therapie bis hin zum stationären Aufenthalt. Wie können Eltern merken, dass ihr Kind sich ritzt? WÖRDEMANN: Klassische Warnsignale sind Wesensveränderungen und Rückzug. Spricht das Kind noch? Das spürt man als Eltern. Weicht das Kind aus, geht es mir aus dem Weg, geht es nur noch in sein Zimmer? Ist die Lebensfreude weg? Außerden gehen die schulischen Leistungen runter und es werden nur noch traurige Gedanken geäußert. Eltern, die sich Sorgen machen, können sich jederzeit in unserer kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanz informieren und beraten lassen. Bringt es etwas, auf die Folgen aufmerksam zu machen, also vor den Narben zu warnen? HOPPMANN: Was macht das? In dem Argument steckt ein Vorwurf und es macht Schuldgefühle. Auf dieser Ebene sorge ich nicht für eine Entlastung. Auch von der Funktion her macht es keinen Sinn, denn die Kinder und Jugendlichen denken nicht in langfristigen Strategien, deshalb brauche ich auch nicht mit diesen Argumenten zu kommen.

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