0
Blumen und Beifall: Gab es beides für Benjamin Appl in der Stadthalle. - © Matthias Gans
Blumen und Beifall: Gab es beides für Benjamin Appl in der Stadthalle. | © Matthias Gans

Gütersloh Star-Bariton singt atemberaumend - vollkommen ist das musikalische Glück trotzdem nicht

NWD Philharmonie: Benjamin Appl überzeugte in der Stadthalle Gütersloh mit hoher Liedkunst, das Orchester mit Mahler und Mendelssohn

Matthias Gans
09.04.2019 | Stand 09.04.2019, 17:01 Uhr

Gütersloh. Ein Shootingstar der Klassikszene machte jetzt seine Aufwartung in der Stadthalle. Zusammen mit der Nordwestdeutschen Philharmonie unter der Leitung von Simon Gaudenz war der Bariton Benjamin Appl zu erleben. Von der New York Times nach Konzerten mit Schuberts drei großen Liederzyklen als „Schubert whiz" (Schubert-Ass) gefeiert, waren 500 Musikfreunde gespannt darauf, den 36-Jährigen als Interpret von Schubert-Liedern mit Orchesterbegleitung zu hören. Es erlebte Liedgesang erster Güte und sensible Orchesterbegleitung. Dass vollkommenes musikalisches Glück nicht erreicht wurde, lag nicht an den Interpreten. Benjamin Appl ist ein Liedsänger par excellence. Schon in seiner theatralische Posen vermeidenden Haltung wird dies klar. Dieser Eindruck wird durch seinen Gesang bestätigt. Mit seinem jugendlich-frischen, eher leichten Bariton will Appl nicht überwältigen, sondern mit subtiler Gestaltung überzeugen. Der Tongebung geht daher auch eine wissende Textbehandlung voraus, nahezu jedes Wort wird verständlich artikuliert. Vielleicht rührt das von der Arbeit mit Lied-Legende Dietrich Fischer-Dieskau her, dessen letzter Schüler Appl war. Sein Gesang hat etwas Erzählendes, gebannt lauscht man der schönen Stimme, lässt sich faszinieren von den verschiedenen Klangfarben, die Appl textgerecht einbringt. Entscheidend aber an diesem Abend ist, dass sich der junge Sänger von der naturgemäß voluminöseren Orchesterbegleitung nicht zu Vergröberungen oder  Übertreibungen verleiten lässt. Er bleibt gestalterisch in den intimeren Dimensionen des Liedgesangs, nichts klingt forciert, nichts stört den melodischen Bogen. Eine Interpretation mit Feuer, Brillianz und Witz Das führt indes manchmal dazu, dass ihn das Orchester übertönt. Und das, obwohl Simon Gaudenz die Nordwestdeutsche Philharmonie zu aufmerksamer Begleitung anhält. Das gelingt bei ruhigen Liedern wie den Gesängen des Harfners vorzüglich, auch „Die Sterne" mit der sanft wogenden Streicherbegleitung gelingt wunderbar geschmeidig. Und wie bei „Du bist die Ruhe" Bariton und Orchester am Ende die große Steigerung aufbauen, ist ebenso atemberaubend, wie die vorwärtsstürmende orchestrale Einleitung des „Erlkönigs", die beim Einsatz der Stimme aufs Pianissimo gedimmt wird. Appl zeigt hier seine dramatische Begabung, das Wort „Gewalt" bellt er geradezu hinaus. Nur wenn Pauken und Blech im Forte zur Stimme hinzukommen und Gaudenz dem Orchester gibt, was des Orchesters ist, wie anfangs in Brahms’ Fassung von „An Schwager Kronos", dann ist es unausweichlich, dass die Stimme übertönt wird. Im 19. Jahrhundert waren diese Orchesterfassungen Maßnahmen, Schubert-Lieder einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Heute hat jeder die Möglichkeit, aus Dutzenden von Aufnahmen zu wählen. Und man muss sich fragen, ob es noch sinnvoll ist, solche Bearbeitungen zu spielen. Immerhin hat die Programmwahl einen exzellenten Bariton nach Gütersloh geführt, den man hier gerne mit Klavierbegleitung wiederhören würde. Ein kitschig-schöner Einstieg in den Konzertabend war Gustav Mahlers „Blumine"-Satz, einst Bestandteil seiner 1. Sinfonie, doch recht schnell nach der Uraufführung daraus entfernt. Vielleicht, weil er doch etwas zu leichtgewichtig klingt. Schön anzuhören in seiner romantischen Verklärtheit ist das tück allemal. Und Andreas Adam artikuliert sein Trompetensolo geradezu genüsslich und mit feinem Ton, von den Streichern aufs klangschönste begleitet. Und Felix Mendelssohn Bartholdys selbstbewusst formulierte Sinfonie Nr.1 c-Moll fand in dem von Gaudenz zu straff-virtuosem Spiel angeleiteten Orchester beredte Fürsprecher dieses Geniestreichs eines 15-Jährigen. In deutscher Orchesteraufstellung sorgte Gaudenz nicht nur für höchste Transparenz das Satzes, sondern auch für ein nahtloses Zusammenspiel der Musiker. So  erhielt dieses Jugendstück in dieser exzellent vorbereiteten Interpretation Feuer, Brillanz, beinahe schon frechen Witz und empfindsame Tiefe. Ein Erlebnis, das einmal so frisch und lebendig vorgeführt zu bekommen. Herzlicher Beifall.

realisiert durch evolver group