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Das 1899 gebaute Backsteingebäude an der Bismarckstraße 5 wird derzeit umgebaut. Sieben exklusive Eigentumswohnungen entstehen. - © Andreas Frücht
Das 1899 gebaute Backsteingebäude an der Bismarckstraße 5 wird derzeit umgebaut. Sieben exklusive Eigentumswohnungen entstehen. | © Andreas Frücht

Gütersloh Spurensuche: Welche Zustände herrschten im einzigen Gütersloher Kinderheim?

Das einzige Gütersloher Kinderheim wird 1973 geschlossen. Es gibt weder Erinnerungen noch Archivmaterial. Welche Zustände herrschten in dem Haus, dessen Kellergewölbe auch als Gefängnis diente?

Jeanette Salzmann
31.03.2019 | Stand 29.03.2019, 17:42 Uhr

Gütersloh. Woher kamen die Kinder? „Ich weiß es nicht", sagt Marita Hüllbrock nachdenklich, „Ich habe mich hinterher oft geärgert, nicht genügend Informationen zu haben. Wir haben nicht gefragt." Stattdessen hat sich die Gütersloherin gekümmert. Um 30 Heimkinder. Manchmal auch 35. Die Zahl wechselte ständig. „Es waren ganz, ganz kleine Kinder, die zu uns kamen. Säuglinge von vielleicht sechs oder acht Wochen." Sie waren untergebracht im Haus an der Bismarckstraße 5, dem ehemaligen Kinder- und Säuglingsheim – das einzige seiner Art in Gütersloh. Es waren viele Kinder, die hier von 1947 bis 1973 untergebracht waren, doch die Spuren verlieren sich. Marita Hüllbrock wohnt auch im Kinderheim, ganz oben in der Dachkammer mit einer jungen Kollegin. Es ist August 1969 als sie ihren Koffer hier abstellt, um ihr Anerkennungsjahr als Erzieherin zu beginnen. Sie stößt auf Heimleiterin Luise Goebel von der Freien Ravensberger Schwesternschaft, eine Glaubensgemeinschaft unter dem Dach der von-Bodelschwinghschen Anstalten Bethel. Das Kinderheim selbst wird von der evangelischen Kirchengemeinde Gütersloh geführt. „Es war eine Frau mit Vorbildcharakter", sagt Hüllbrock, „Sie war sehr offen, den Menschen zugewandt." Ob die Kinder dort gut behandelt wurden? Die erfahrene Erzieherin antwortet mit einer Gegenfrage: „Wo fängt Gewalt an?" "In den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten ist keine Strafanzeige eingegangen" Rund 3.000 staatliche und kirchliche Heime gibt es in der frühen Bundesrepublik. In vielen herrscht ein repressives Regime. Erzählungen von Gewalt und Missbrauch dringen seit Jahren an die Öffentlichkeit – auch Bethel stellt sich in jüngster Zeit den ehemaligen Heimkindern, die von schlimmsten Erlebnissen berichten. „In den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten ist keine Strafanzeige bei uns eingegangen", sagt Eckhard Heidemann vom Presbyterium der Kirchengemeinde Gütersloh. „Das Thema war nie auf der Tagesordnung." Erfahrungsberichte über Gewalt und Missbrauch gebe es nicht. Archivunterlagen allerdings auch nicht. „Das einzige, was sich aus den alten Belegen entnehmen lässt, ist, dass das Haus für die Zahl der Kinder wohl von Anfang an zu klein war. Es war überbelegt", so Heidemann. Rund zwölf Frauen kümmern sich um die Kinder im Heim. Der Alltag ist geprägt von festen Tagesabläufen. Nach dem Schlafen werden alle aufs Töpfchen gesetzt. Sie harren dort aus, „bis der Po rot war", erinnert sich Hüllbrock. Pädagogik der damaligen Zeit. Die Babyfläschchen werden in eine eigens hergerichtete Kissenfalte gesteckt – gerade so, dass die Kinder daraus selber trinken können. „Keiner hatte damals einen Sinn für Körpernähe", erinnert sich Hüllbrock. Geschrei war wenig. "Irgendwann werden sie stumm" „Wenn Kinder lernen, dass ihre Bedürfnisse ohnehin nicht befriedigt werden, werden sie irgendwann stumm. Eine fatale Entwicklung", aber auch die Kinderärzte, die regelmäßig im Heim zu Gast sind, raten: Kinder muss man schreien lassen. Stattdessen wird Reinlichkeit und Hygiene groß geschrieben. Zu den Aufgaben der Nachtwache gehört das Wecken der Kinder um Mitternacht, um sie allesamt zur Toilette zu führen. „Damit das Bett trocken blieb", erklärt Marita Hüllbrock. Für die Kleinen gibt es unterdessen kein Entkommen. In einem Ganzkörperleibchen werden sie Abend für Abend mit vier Bändern an den Stäben ihres Gitterbettchens festgebunden. „Die Bewegungsfreiheit wurde dadurch gewaltig eingeschränkt", je nachdem wie fest die Bänder gezurrt werden. 1899 gebaut dient das Gebäude an der Bismarckstraße 5 als Amtshaus für die Landgemeinde Gütersloh. Der Amtsvorsteher wohnt im Obergeschoss, außerdem ist die Polizeidienststelle im Erdgeschoss untergebracht. Im Keller drei Arrestzellen. Die Geschichte ist wechselvoll. Auch das preußische Katasteramt war hier schon beherbergt, die Zentrale des Deutschen Roten Kreuzes auch. Seit 1994 steht das Haus unter Denkmalschutz Seit 1994 steht das Haus mit seinen 580 Quadratmetern Wohnfläche unter Denkmalschutz. 2005 zieht der Verein Zirkel zur Untermiete ein. Die Eigentumsverhältnisse des Gebäudes sind komplex. Früher im Besitz eines verurteilten ehemaligen Rechtsanwaltes und Betreuers überschreibt dieser die Immobilie kurz vor seiner Verhaftung seiner Ehefrau. Es folgen Klagen vor dem Bielefelder Landgericht und schließlich die Zwangsversteigerung im Juli 2014. Die Fenster sind vergittert. Auf dem kleinen Stückchen Rasen hinterm Haus eine Turnstange. „Die Ausrüstung mit Spielzeug war denkbar schlecht", erinnert sich die heute 67-jährige Marita Hüllbrock. Fast drei Jahrzehnte arbeitet sie nach ihrer Tätigkeit im Kinderheim in der Kita „Englische Straße". Ihr Blick auf das, was Kinder brauchen, ist deutlich verändert. „Der Tagesablauf im Kinderheim Gütersloh trug nicht dazu bei, die Kinder klüger zu machen", der Besuch eines Kindergartens findet nicht statt. Der Alltag der Kleinen wird bestimmt aus einer Mischung aus Sicherheit und Gewohnheit. "Irgendwann waren die Kinder plötzlich weg" „Es kamen immer Paare, die sich Kinder anguckten", so Hüllbrock, „und irgendwann waren die Kinder plötzlich weg." Schwester Luise regelt, was zu regeln ist. Adoptionen gehören zum Alltag. „Das übrige Personal war nicht informiert", erinnert sich Hüllbrock. Auch habe es keine Informationen gegeben, wohin die Kinder wechseln. „Das tat oft weh." Dann zum Beispiel, wenn das Kind einem ans Herz gewachsen ist. So, wie Rosario. Auch ein halbes Jahrhundert später schwärmt die Erzieherin von dem Jungen, den sie im Heim so sehr mag. Was aus ihm geworden ist, ob er es gut getroffen hat – sie weiß es nicht. Das Schicksal der kleinen Angela ist hingegen gewiss. „Meine Kollegin hat das Kind in Pflege genommen." Zu groß war die Sorge, das Mädchen könne eines Tages auch weg sein. So groß die Liebe. 35 Kinder – so der Archivauszug – werden Ende 1973 im Kinderheim Gütersloh betreut. Im Januar 1974 erfolgt der Umzug in das neue Gebäude an der Englischen Straße. Das Kinderheim heißt fortan „Haus Ibrügger", benannt nach der Stifterin Martha Ibrügger vom benachbarten Hof. Schwester Luise Goebel bleibt noch bis zum Sommer Leiterin und übergibt im Juli an ihre Nachfolgerin. Heute steht Haus Ibrügger unter Führung von Bethel. Betreut werden Kinder und Jugendliche in Wohngruppen. Das Jugendamt der Stadt Gütersloh ist damals schon zuständig, die Stadt Gütersloh muss sich beim Kinderheim an der Bismarckstraße jedoch auf Informationen vom Stadtarchivar Stephan Grimm berufen. Hat es jemals Missstände gegeben? Akten gibt es kaum oder vielleicht irgendwo. Die Informationslage ist dürftig. Luise Goebel starb Ende der 80er Jahre im Katharina-Luther-Haus. Auch der Kreis Gütersloh kann keine Informationen beisteuern. Wechsel der Zuständigkeiten, Änderung der Kreisgrenzen und die Aufbewahrungsfrist der Akten verwischen die Spuren. „Als alter Gütersloher ist mir das Haus an der Bismarckstraße natürlich bekannt", sagt Michael Vormann vom Vorstand des Kinderschutzbundes Kreis Gütersloh. Ob es jemals Missstände gegeben hat? „Ich weiß es nicht." Keines der damaligen Heimkinder ist älter als acht oder neun Jahre. Viele finden schnell ein neues Zuhause, andere warten lange. So, wie der kleine farbige Junge, der in der Erinnerung von Marita Hüllbrock sechs Jahre im Heim bleibt, ehe er in eine Familie wechselt. „Vielleicht waren es Kinder von sogenannten gefallenen Mädchen. Kinder, die nach damaligem gesellschaftlichen Gepflogenheiten nicht sein durften", doch über die Mütter und Väter der Kleinen, die Marita Hüllbrock betreut, erfährt sie nichts. „Hin und wieder kam ein Kind mit Behinderung zu uns. Sie blieben nie lange", wo sie stattdessen unterkommen, ist unklar. "Viele wollen etwas über ihre Adoption wissen. Wir helfen, so gut wir können" Das Kreisjugendamt besteht seit 1973. „In all den Jahren hat es ein paar wenige Vorfälle gegeben, die uns veranlasst haben, stationäre Maßnahmen zu beenden", so die Antwort von Pressesprecher Jan Focken auf die Frage, ob es Vorfälle von Gewalt und Missbrauch in Einrichtungen gegeben hat. „Die überwiegende Mehrheit der Kinder und Jugendlichen sind außerhalb des Kreises untergebracht." Gebe es Beschwerden, würden diese an das Landesjugendamt in Münster weitergeleitet. „Dort werden die Fälle geprüft. Das Landesjugendamt kann bei schweren Verstößen auch die Betriebserlaubnis entziehen." Immer wieder würden sich, so Focken, Menschen melden, um etwas über die Umstände ihrer Adoption oder Herausnahme aus der Familie zu erfahren. „In diesen Fällen helfen wir so gut wir können." Da die Akten früher nur eine begrenzte Aufbewahrungsfrist hatten, gebe es keine Altbestände im Archiv der Abteilung Jugend. Das Kinderheim in Gütersloh hat sein Gedächtnis verloren. Das Kinderheim Rheda ebenfalls. Das Kinderheim Harsewinkel auch genauso wie das Kinderheim Rietberg. Es bedarf privater Zeitzeugen. "Diese Kinder sind zu kurz gekommen" „Ich kann nur sagen, diese Kinder sind zu kurz gekommen. Viel zu kurz", so Marita Hüllbrock. „Aber ausgenutzt oder missbraucht, nein, das wurde wohl niemand." Sie selbst stamme aus einem streng katholischen Elternhaus in Avenwedde. „Es gab viele Momente, in denen ich mich von den Kindern, den Kollegen und Schwester Luise mehr angenommen gefühlt habe, als Zuhause."

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