Mit Liebe: Ashtee Musso baut mit Claudia Rotthaus vom Sanitärbetrieb Daume/Venjakob Herz aus Sanitärrohren. - © Jens Dünhölter
Mit Liebe: Ashtee Musso baut mit Claudia Rotthaus vom Sanitärbetrieb Daume/Venjakob Herz aus Sanitärrohren. | © Jens Dünhölter

Gütersloh Gütersloher Schüler werden vom Handwerk umworben

15. Berufs-Informationsbörse: Ein Bäckermeister sieht bereits eine Trendumkehr - weg vom Studium, hin zur Lehre. Und erntet Widerspruch

Gütersloh. Im Kindergartenalter ist die spätere Berufswahl ganz einfach. Mädchen möchten am liebsten Prinzessin, Pferdehof-Besitzerin oder Schauspielerin werden. Jungs Astronaut, Play-Station-Zocker, Zirkusdirektor oder Indianerhäuptling. Mit zunehmendem Alter wird die Wahl des Broterwerbs immer schwieriger. Selbst für Experten wird es immer schwieriger, bei mehr als 350 Ausbildungsberufen und 19.000 Studiengängen nicht den Überblick zu verlieren. In Gütersloh hat sich die Berufs-Informationsbörse als Lotse durch den Angebots-Dschungel etabliert, das wurde jetzt auch bei der 15. Auflage in Stadthalle und Theater deutlich. Die "Rekordzahl" (so Helmut Flöttmann, 1. Vorsitzender Verein Probierwerkstatt) von 121 Ausstellern präsentierte einen beeindruckenden Querschnitt ihrer vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten. Zu den Ausrichtern gehörte der Unternehmerverband des Kreises, die Stadt und der Kreis Gütersloh, die Kreishandwerkerschaft sowie die im Handwerksbildungszentrum bestehende Freiwilligeninitiative "Verein Probierwerkstatt". Astronaut, Prinzessin, Play-Station-Zocker oder Zirkusdirektor waren zwar nicht dabei, wohl aber Anlagentechniker, Polizistin, Zahntechniker oder Zerspanungstechniker. Alleine die Ausstellerliste las sich wie wie ein Wer-ist-Wer in der Geschäftswelt des Kreises Gütersloh: Von Arvato über die AOK, Beckhoff, Bertelsmann, Claas, Hagedorn, Miele, Nobilia, Güth und Wolf, Pfleiderer, Sparkasse, Simonswerk, Volksbank, Westag-Getalit, Wertkreis, Tönnies, Polizei, Bundeswehr, der Kreis und die Stadt Gütersloh sowie das Finanzamt und 14 Innungen war alles dabei, was in der Berufswelt Rang und Namen hat. Einige Unternehmen mussten aus Platzgründen abgewiesen werden "Es ist ein regelrechter Wettkampf um Auszubildende im Gang. Kein großes Unternehmen kann es sich heute leisten, auf diese Form der maßgeschneiderten Außendarstellung zu verzichten", erläutert Alena Miorini (2. Vorsitzende des Vereins Probierwerkstatt). Etliche zu spät angemeldete Unternehmen mussten aus Platzgründen sogar abgewiesen werden. Mit Blick auf die nächsten Jahre scherzte Burkhard Marcinkowski vom Unternehmerverband: "Wir wären nicht böse, wenn die Stadthalle noch anbauen würde." Beim Werben um den Nachwuchs von morgen war der Kreativität keine Grenze gesetzt. Um der Jugend das Friseurhandwerk schmackhaft zu machen, setzte das Gütersloher Haarteam Seidel auf kostenlose Beauty-Stylings. Mitinhaber Patrick Seidel: "Für unsere sieben Filialen suchen wir für das neue Ausbildungsjahr zwölf begeisterte jungen Menschen."Die Börse sei erfahrungsgemäß ein exzellenter Türöffner. "Wir rechnen in den nächsten Wochen mit vielen Rückmeldungen." Der Möbelhersteller COR aus Rheda-Wiedenbrück hatte für den seltenen Beruf des Polster- und Dekorationsnähers eigens eine Nähmaschine mitgebracht. Der Ausbildungsleiter Polstermöbelbereich Arno Weiß betonte: "Jeder will auf Sesseln oder Sofa sitzen, aber sie müssen ja auch hergestellt werden. Wir versuchen das Berufsbild auf Börsen wie diesen bekannter zu machen." "Ein Ende der Akademisierung ist nicht in Sicht" Bäckermeister Axel Glasenapp brachte nach der Devise "Ein Berliner für einen Lehrvertrag" eigenhändig das Zuckergebäck unters Volk. Nachdem er in den Vorjahren oft Schwierigkeiten hatte, Ausbildungsplätze im Verkauf und Backstube zu besetzte, lief es in diesem Jahr rund. Der Innungsobermeister meint deshalb einen Umkehrtrend in Richtung handwerkliche Berufe ausgemacht zu haben. Glasenapp: "Für meinen Bereich kann ich sagen: Es wollen nicht mehr alle studieren. Auch die solide Lehre ist wieder gefragt." Alena Miorini kann diesen Trend "ausdrücklich so nicht bestätigen". Die besetzten Ausbildungsplätze seien aus ihrer Sicht das Resultat dessen, "dass Herr Glasenapp einen sehr gute Ruf genießt, sich einbringt, engagiert und sehr rührig die Werbetrommel rührt". Auch für Helmut Flöttmann ist nach wie vor kein Ende der "Akademisierung" in Sicht. Noch immer drängten viele junge Leute ins Studium, die in Handwerksberufen besser aufgehoben wären. Hintergrund sei oft der Wunsch der Eltern, "dass es die Kindern einmal besser haben sollen, als sie selbst". Die Umworbenen - Achtklässlern in Begleitung ihrer Eltern bis Studienanwärter - standen oftmals vor der Qual der richtigen Auswahl. Doch auch wer in der Berufsschau noch nicht fündig wurde, für den hatte Alena Miorini einen entscheidenden Tipp parat: "Die Ausbildung ist der Anfang des Berufswegs, nicht das Ende. Wer sagt denn, dass einer soliden, fundieren Ausbildung später kein zweiter Schritt folgen kann?" So ging es am Samstag für viele erst einmal um eine grobe Orientierung im dichten Berufe-Dschungel.

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