Geht in den Ruhestand: Birgit Osterwald verlässt zum Monatsende die Volkshochschule Gütersloh. - © Andreas Frücht
Geht in den Ruhestand: Birgit Osterwald verlässt zum Monatsende die Volkshochschule Gütersloh. | © Andreas Frücht

Gütersloh Birgit Osterwald geht als Leiterin der VHS Gütersloh in den Ruhestand

Ein Rückblick auf schwierige Entscheidungen, Erfolge und Herausforderungen

Ingo Müntz
25.02.2019 | Stand 24.02.2019, 18:41 Uhr

Gütersloh. So richtig ruhig kann sie nicht sitzen. Die Hände wandern zwischen Flyern, Keksen, Broschüren und Kaffeekanne hin und her. Und dann sagt sie, was ihr wichtig ist, was ihr am Herzen liegt. Dabei fällt immer wieder ein Begriff: Volkshochschule. Birgit Osterwald, 65, muss sich nun von ihr trennen. Am Ende des Monats kommt der formale Ruhestand auf sie zu. Fast 30 Jahre hat sie sich engagiert, analysiert, sich vernetzt, gewischt und Stühle geschoben. "Es gibt immer wieder Dinge, die muss man selber machen", sagt sie. 1991 kam Birgit Osterwald als stellvertretende Leiterin an die VHS Gütersloh, drei Jahre später übernahm sie die Leitung. Und bereits nach kurzem Gespräch stellt sich ein bestimmter Eindruck ein und die Frage kommt auf: "Kann es sein, dass Sie von der VHS förmlich durchdrungen sind?" Ja sagt sie und lacht ein wenig errötend, nachdenklich und nach vorne gewandt sagt sie: "Durchdrungen beschreibt es ganz gut." Birgit Osterwald ist eine Frau der Lösungen. An unüberwindbare Hindernisse in der Entwicklung der VHS, man möchte fast sagen ihrer VHS, kann sie sich kaum erinnern. Lediglich an Lösungen. "Über die Jahre ist ein Film neben mir abgelaufen. In vielen Situationen, die ich erlebt oder aufgenommen habe, fragte ich mich gleich: 'Wie kann ich das für die VHS umsetzen?'" »Für so eine Aufgabe muss man brennen« Und dann kommen eine Menge Projekte, Ideen und Ansätze aus der Frau herausgesprudelt, Veranstaltungen und Begegnungen, die kaum zusammenzufassen sind. Fast 30 Jahre Engagement auf wenige Zeilen geschrumpft können der scheidenden Leiterin nicht gerecht werden.Schließlich sagt sie es selber: "Ich habe mal die Programme der vergangenen Jahre aufgereiht, einen Ordner mit den wichtigsten Meilensteinen zusammengetragen - ich könnte noch Stunden davon berichten", sagt sie und schaut ein wenig entschuldigend. Auf der Fensterbank neben dem Schreibtisch drängen sie sich beieinander, die Programme. Wie kleine papierne Zeitzeugen, ordentlich durchnummeriert. Überhaupt gewinnt der Besucher schnell die Erkenntnis, dass auch in der dezenten Gestaltung des Büros nichts dem Zufall überlassen blieb. So oder so, sagt die promovierte Literaturwissenschaftlerin, "man muss für so eine Aufgabe brennen", und meint damit die VHS. Und das tut sie augenscheinlich. Die Wangen röten sich, als würde sie dieses Konglomerat "Volkshochschule" innerlich beleben, in ihr pulsieren. Das Brennen für ihre Aufgabe war der Antrieb, diese Stelle anzutreten. Und dann hat "sich diese Leidenschaft entwickelt. Schnell habe ich die Möglichkeiten erkannt, mit denen ich das Haus gestalten kann. Es war und ist für mich die ideale Lebensaufgabe", sagt Birgit Osterwald. Ihre Lebensaufgabe beschreibt die "Vollblutpädagogin" als Spagat zwischen Management und Lehrauftrag. "Anfang der 1990er Jahre war die Volkshochschule eine Einrichtung für nachholende Bildung. Heute ist es ein modernes Institut, in dem eine demokratische Bildung für die Teilnehmer bereit steht." »Und ab und zu war ich auch mal der Hausmeister« Grundsätzliche Fragen müssten immer wieder gestellt werden: Wie erschließe ich Zugang zu Bildung unter der Maßgabe des ganzheitlichen Bildungsbegriffs? "Es kann nicht nur darum gehen, die Englischkenntnisse aufzufrischen. Als VHS erbringen wir soziale und kommunikative Zusatzleistungen, gemeinsames Lernen und interkulturelles Verstehen." Und dann geht es ans Eingemachte. Denn hinter den 100 Jahren der Einrichtung Volkshochschule hat sich einiges getan. Und dazu tragen Menschen wie Birgit Osterwald bei. Und sie gibt Einblicke in diese Einrichtung. Umfangreich. "Wir richten uns nicht nach Bedürfnissen des Marktes, da wir den Auftrag eines Pflichtangebots haben. Gleichzeitig beobachten wir den Markt, definieren unsere Zielgruppen und analysieren, wen wir erreichen und wen nicht. Und wie genau wir die verschiedenen Gruppen dann ansprechen können." Die Veränderung der vergangenen zehn Jahre ließe sich sehr gut auf den Gängen der VHS beobachten. "Unser Klientel ist vielschichtig geworden. Junge und alte Menschen aus unterschiedlichen Kulturen sind da unterwegs. Und das alles auf der Basis der Freiwilligkeit", sagt sie. Natürlich gab es Momente, in denen die Volkshochschule und ihre Leitung die dicken Handschuhe anziehen mussten. Mit dem Umzug in das neue Haus traten auch einige Schwierigkeiten auf. "Im Jahr 2005 gab es hier schon so etwas wie Mangelverwaltung. Wir hatten den Mittelstandsempfang geplant. Doch die Räume waren wenige repräsentabel mit dem alten Linoleum", sagt die Leiterin. "Ich habe damals um jeden Quadratmeter Teppich gekämpft." »Es ist ein tolles Team« Drittmittel zu generieren scheint Osterwalds Steckenpferd zu sein. Ob für die Gründung des Instituts für Wirtschaft und Beruf, für die Ausstattung der Küche durch einen namhaften Gütersloher Küchengerätehersteller oder telefonische Refinanzierung via Scheck. "Es ist gelungen, mit vielen Sponsoren ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen." Heute schaut sie gerne auf das Bürgerforum, die inklusive Weiterbildung, die Seniorenuni oder das Philosophie-Café zurück. Und auf ihr Team. "Es ist ein tolles Team - ich liebe sie", sagt sie und macht eine umarmende Geste. Allerdings lässt sie auch keinen Zweifel daran, dass "man konsequent sein und alle Prozesse und Abläufe kennen muss. Nur so erreicht man eine notwendige Qualität". Natürlich gerate man schnell in die Gefahr als Erbsenzähler zu gelten, sagt sie lachend. "Aber manchmal muss man einfach Entscheidungen treffen. Und wenn die gut waren, war das immer ein Ergebnis des gesamten Teams." Ja, gibt sie zu, delegieren sei immer so eine Sache. "Wenn eine Veranstaltung anstand und weder die Stühle bereit standen oder der Boden dreckig war, habe ich natürlich mit angefasst und auch mal gewischt. Ab und zu war ich auch mal Hausmeister.

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