August Schneider. - © Jens Ostrowski
August Schneider. | © Jens Ostrowski

Gütersloh Mr.Kirmes: 88-Jähriger Schausteller wird ausgezeichnet

Der Deutsche Schaustellerbund verleiht August Schneider die Ehrennadel in Gold mit Brillant - in seiner langen Geschichte hat der Verband das erst zum zweiten Mal gemacht

Gütersloh. Über August Schneider gibt es Filme, Dokumentationen und Presseartikel noch und nöcher. Das hat einen Grund: Der Mann ist 88 Jahre alt, quietschfidel und lässt einfach nicht locker. Gerade erst hat ihn der Schaustellerverband Gütersloh-Lippstadt im Hotel Pöppelbaum für weitere zwei Jahre zum Vorsitzenden gewählt, was bedeutet, dass die 54 Mitglieder ihm sogar noch vertrauen, obwohl er bald ins Greisenalter kommt. Schneider hat sich darüber gefreut, doch die größte Anerkennung erfuhr er nun von anderer, höherer Warte: Der Deutsche Schaustellerbund hat ihm die Ehrennadel in Gold mit Brillant verliehen. In seiner langen Historie hat der Schaustellerbund das erst das zweite Mal gemacht. Fritz Heitmann aus Münster, eine andere lebende Legende, war der Erstdekorierte gewesen; Heitmann hatte es geschafft, dass die Schausteller trotz des Verfehlens jüngerer TÜV-Normen weiter mit ihren alten Fahrgeschäften anrücken dürfen, denn kontrolliert und sicherheitsgeprüft werden diese ja gleichwohl. "Hervorragende Verdienste" Von der Überlegung, nun ihn auszuzeichnen, hatte Schneider nichts mitbekommen. Es geschah auf dem 70. Delegiertentag in Essen. Bundesvorsitzender Albert Ritter trat ans Mikrofon, sprach von Verdiensten eines der langjährigen Mitglieder, und erst nach und nach ging Schneider auf, dass wohl er gemeint sein dürfte. Im ollen Pulli hatte er in den Reihen gesessen, ahnungslos und unvorbereitet auf das, was nun folgen sollte. Schließlich, fast am Ende der Rede, rief Ritter den 88-Jährigen auf die Bühne und verlieh ihm in Anerkennung dessen „hervorragender Verdienste um die Förderung des Deutschen Schaustellergewerbes" die Ehrennadel in Gold mit Brillant. Oder vielmehr kündigte er es an: Denn die Nadel, so Ritter, müsse erst noch gefertigt werden. So etwas habe der Schaustellerbund nicht auf Stange. 93-jähriger Bruder ist auch noch immer unterwegs Er sei perplex gewesen, so Schneider. Ehrlich? „Na ja, jedenfalls in dem Moment." Sein ganzes Leben schon tourt er über die Plätze, als Spross einer alten Soester Schausteller-Dynastie ist er mit sechs Geschwistern und dem Geruch von Zuckerwatte in der Nase aufgewachsen. Sein älterer Bruder Johann (93) ist auch noch unterwegs, beim Weihnachtsmarkt in Gütersloh betreibt er verlässlich das Kinderkarussell. Er könne nicht anders, hatte Johann diesen Winter gesagt, die Bude halte ihn fit und am Leben. Wenn er sie verlasse, falle er tot um. August Schneider geht es kaum anders. „Volksfeste sind mein Lebenselixier. Schausteller zu sein, ist für mich kein Beruf, sondern Berufung, daher weiß ich auch nicht, was Ruhestand sein soll." Die Bewegung und der Stress halte ihn fit. Sich aufs Sofa vor den Fernseher zu setzen, gehöre zu den langweiligsten Tätigkeit überhaupt; tue er es doch, habe er das Gefühl, sofort zu altern. "Mr. Kirmes" geboren 1950 hatte er den Schaustellerverband Gütersloh-Lippstadt gegründet. Die Mitglieder wählten seinen Vater August sen. zum Vorsitzenden und ihn zum Vize. Zwölf Jahre blieb das so, dann übernahm August jun. das Zepter und gründete im selben Jahr einen Pendant-Verband in Soest: „Mr. Kirmes" war geboren. Schneider ist derjenige, der sich auf politischer Ebene mit technischen Normen auseinandersetzt, der sich im Rathaus um Stellplatzgenehmigungen kümmert und der auf dem Kirmesplatz regelt, wer sich auf welchen Quadratmetern mit Ponybahn und Autoscooter ausbreiten darf. Schneider selbst kaufte sich 1968 eine Achterbahn, die noch heute ihren Dienst tut. „Klar bringe ich sie technisch immer wieder auf den Stand; sie läuft gut, und die Leute gehen gerne rein." Die goldenen Zeiten freilich, die sind vorbei. Nicht dass die Leute die Lust am Volksfest verloren hätten, nach wie vor treffe er dort vom kleinen Mann bis zum Rechtsanwalt die ganze Breite der Bevölkerung. Allerdings sitze den Besuchern das Geld nicht mehr so locker. Ein paarmal Riesenrad, danach in die Geisterbahn, zum Abschluss in die Boxbude, und alles gerne mit der ganzen Familie: Das war einmal. Dass die Kirmes dennoch Zukunft hat, dessen ist er sich sicher: „Dieses Bedürfnis nach Unterhaltung und Nervenkitzel wird bleiben. Es ist in dem Menschen drin." Auch deswegen mache es ihn glücklich, dass seine Söhne die Tradition der Schaustellerdynastie aufrecht erhalten: Fredy (56) betreibt die Achterbahn, Manuel (47) den Autoscooter.

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