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Ein Gläschen Milch ist gesund? Davon war man früher überzeugt. - © picture alliance
Ein Gläschen Milch ist gesund? Davon war man früher überzeugt. | © picture alliance

Gütersloh Intoleranzen und Unverträglichkeiten: Macht uns falsche Ernährung krank?

Nicht alles, was wir essen, kann der Körper verarbeiten. Einige Menschen reagieren sogar richtig heftig auf bestimmte Lebensmittel - eine Ernährungsexpertin klärt auf

Oliver Herold
12.02.2019 | Stand 11.02.2019, 17:19 Uhr

Gütersloh. Macht falsche Ernährung den Menschen krank? Allergische Reaktionen auf bestimmte Lebensmittel, Unverträglichkeiten oder Allergien – das alles gab es früher kaum und könnten Hinweise sein, dass der Körper auf bestimmte Stoffe abwehrend reagiert. Die ernährungsmedizinischen Beraterin Claudia Anna Schröder-Böwingloh (48) aus Gütersloh klärt auf. INTOLERANZEN „Eine Nahrungsmittel-Intoleranz ist ein angeborener Defekt, der im Laufe des Lebens ausbrechen kann, mit unterschiedlichsten Symptomen einhergeht und, einmal ausgebrochen, nicht mehr weggeht", sagt Schröder-Böwingloh. Eine Intoleranz äußert sich in der Regel über Beschwerden im Magen- und Darm-Trakt. Betroffene müssen sich dann anders ernähren als bisher gewohnt, um beschwerdefrei zu leben. „Für eine entsprechende Diagnose sollte man einen Gastroenterologen oder Internisten aufsuchen." UNVERTRÄGLICHKEITEN Eine Nahrungsmittel-Unverträglichkeit äußert sich ähnlich wie eine Intoleranz, rührt jedoch oft von einer übermäßigen Aufnahme eines bestimmtes Lebensmittels her. „Durch eine gezielte Ernährungsumstellung kann diese gut behandelt werden", so Schröder-Böwingloh. Die zunächst unverträglichen Nahrungsmittel können nach einer Karenz-Phase später meist in gemäßigten Mengen wieder problemlos vertragen werden. „Wie bei den Intoleranzen auch, sollte man einen Gastroenterologen oder Internisten konsultieren." ALLERGIEN Nahrungsmittel-Allergien äußern sich in der Regel durch Hautreaktionen, Atembeschwerden, Juckreiz, tränenden Augen oder einer laufende Nase. Häufig geht die Lebensmittel-Allergie einher mit Erkrankungen der Atemwege oder auch Heuschnupfen. So genannte Kreuzallergien sind nicht selten. Festgestellt werden können Nahrungsmittel-Allergien unter anderem durch Bluttests bei Allergologen sowie bei HNO- oder Lungenfach-Ärzten. DAS FRUKTOSE-PROBLEM Wer an einer Fruktose-Intoleranz beziehungsweise -Unverträglichkeit erkrankt ist, leidet oft unter Bauchschmerzen und -krämpfen, an Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, aber auch an Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Verstopfungen oder Blähungen. Ärzte unterscheiden zwei Arten der Fruktose-Intoleranz: Erstens die hereditäre, also eine angeborene und ein Leben lang bleibende Stoffwechselstörung, bei der Fruktose nicht verdaut werden kann und bei der laut Schröder-Böwingloh „fruktosehaltige Lebensmittel unbedingt vermieden werden sollten" sowie zweitens die sogenannte Fruktose-Malabsorption, eine Aufnahmestörung, die häufig nur vorübergehend ist. „Nach einer Karenz-Diät und einer anschließenden Ernährungsumstellung kann man diese Form gut in den Griff bekommen." Schätzungen gehen davon aus, dass von einer hereditären Fruktose-Intoleranz eins von 20.000 Neugeborenen betroffen ist und von einer Malabsorptionsstörung immerhin 30 Prozent aller Menschen. „Man vermutet, dass ein übermäßiger Verzehr von fruktosehaltigen Lebensmittel eine Ursache sein kann, denn klassischer Zucker besteht zu 50 Prozent aus Fruktose." Betroffene müssen daher zunächst fast alle Obst- und viele Gemüsesorten sowie entsprechend verarbeitete Produkte, aber auch Honig, Ahornsirup, Fertigprodukte und natürlich Zucker sowie zuckerhaltige Lebensmittel meiden. „Da die richtige Vorgehensweise nach Feststellung einer Fruktose-Unverträglich sehr wichtig ist, ist eine begleitende Ernährungsberatung durch eine zertifizierte Fachkraft empfehlenswert", so die Ernährungsexpertin. DAS LAKTOSE-PROBLEM Eine Intoleranz beziehungsweise Unverträglichkeit gegenüber Laktose ist von den Symptomen her denen der Fruktose ähnlich; auch hier ist überwiegend der Magen-Darm-Trakt betroffen und auch hier unterscheiden Fachleute zwei Arten: Und zwar zwischen dem angeborenen, nicht heilbaren Kongenitalen Laktasemangel sowie einem primären Laktasemangel, bei dem die Unverträglichkeit im Laufe des Lebens nachlässt; Laktose kann also meist in kleineren Mengen wieder vertragen werden. Außerdem gibt es noch den sekundären Laktasemangel, hier kann die Unverträglichkeit vorübergehend oder auch dauerhaft sein, sie ist nicht angeboren sondern oft die Folge einer Erkrankung, einer Operation oder auch einer stark überhöhten Zufuhr von Milchzucker geschuldet. „Ähnlich wie bei einer Fruktose-Unverträglichkeit erfolgt auch hier eine dauerhafte oder eine vorübergehende Laktose-Karenz und Ernährungsumstellung." Nach einer Beruhigung des Magen-Darm-Traktes gibt es die Möglichkeit, Laktase-Enzyme einzunehmen. Menschen mit Laktose-Problemen sollten Milch und Milchprodukte wie Joghurt, Quark, Frischkäse, Sahne, Butter, aber auch Schokolade sowie Gebäck meiden. Hartkäse hingegen enthalte in der Regel keine oder nur in Spuren Laktose. Statt Milchprodukten sollten Betroffene auf laktosefreie Milch sowie auf pflanzliche Produkte aus Soja, Hafer, Reis oder Kokos umschwenken. DAS HISTAMIN-PROBLEM „Die Histamin-Unverträglichkeit ist die von den bekannten Intoleranzen am wenigsten erforschte Erkrankung", berichtet Schröder-Böwingloh. Histamin gehört zu der Gruppe der sogenannten biogenen Aminen, die von Natur aus in verschiedenen Nahrungsmitteln zu finden sind. Sie entstehen aus Aminosäuren, den sogenannten Eiweißbausteinen. Die Aminosäuren können durch Lagerung oder Erhitzung zu biogenen Aminen werden. Aus der Aminosäure Histidin entsteht Histamin, das bei einer Unverträglichkeit zu umfangreichen Beschwerden führen kann. Neben der Störungen im Magen-Darm-Trakt können Kopfschmerzen, Migräne, Verspannungen, Herz-Kreislauf-Beschwerden, niedriger Blutdruck oder starke Blutdruckschwankungen aber auch Hautirritationen, Juckreiz, Nesselsucht, eine laufende Nase, Niesreiz, Augenrötungen oder Atembeschwerden auftreten. Histamin ist vor allem in Wein und Sekt, in Tomaten, vor allem in konzentrierter Form, also in Tomatenmark und Ketchup sowie in Sauerkraut, Spinat, konserviertem oder geräuchertem Fisch, in Erdbeeren, Kiwis oder Bananen, Nüssen, in Kakao und Schokolade, in Dauerwurstwaren wie Salami, Schinken oder Kasseler sowie in reifem, gelagerten Käse und in künstlichen Nahrungszusätzen zu finden sein. „Eine Diagnosestellung kann über einen Bluttest erfolgen, dieser ist jedoch nach wie vor umstritten und nicht aussagekräftig wenn zuvor keine histaminhaltigen Lebensmittel verzehrt wurden", sagt die Ernährungsexpertin. Besser geeignet sei die Durchführung einer sogenannten Provokationsdiät. HIER GIBT’S HILFE Bei wem eine Unverträglichkeit oder auch mehrere in Kombination festgestellt wurden oder wer meint, darunter zu leiden, sollte sich, nachdem ein Arzt aufgesucht wurde, an eine qualifizierte, medizinische Ernährungsberatung wenden. Informationen und Kontakte vermitteln die Krankenkassen. „Für eine Ernährungsberatung ist eine medizinische Notwendigkeitsbescheinigung erforderlich, die der Arzt ausstellt", erläutert Schröder-Böwingloh.

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