Auf dem Prüfstand: Ernährungsberaterin Claudia Anna Schröder-Böwingloh weiß, welche Diäten sinnvoll sind. Foto: Oliver Herold - © Oliver Herold
Auf dem Prüfstand: Ernährungsberaterin Claudia Anna Schröder-Böwingloh weiß, welche Diäten sinnvoll sind. Foto: Oliver Herold | © Oliver Herold

Gütersloh Was bringen Low Carb und Co?

Nie hat es derart viele Möglichkeiten gegeben, mit Diäten abzunehmen. Eine Expertin erklärt, wie sich langfristige Erfolge erzielen lassen

Oliver Herold
03.02.2019 | Stand 01.02.2019, 17:41 Uhr

Gütersloh. Wer übergewichtig ist und abnehmen möchte, denkt meist als erstes daran, eine Diät zu machen. Mittlerweile jedoch gibt es derart viele Varianten, dass einem glatt der Überblick fehlt. Daher widmen wir uns im dritten Teil unserer NW-Ernährungsserie diesem Thema. Die Ernährungsmedizinische Beraterin Claudia Anna Schröder-Böwingloh (48), die für beide Gütersloher Krankenhäuser tätig ist, bringt Licht ins Dickicht. DIÄT – was ist das? „Eine Diät ist eine bilanzierte, bestimmt zusammengesetzte Ernährungskostform für einen gewissen Zeitraum mit einem bestimmten Ziel", erklärt Schröder-Böwingloh. Der Fokus liege hier nicht nur auf dem Abnehmen – obwohl man eine Diät gemeinhin damit in Verbindung bringe. „Man ernährt sich durch eine bestimmte diätetische Kostform, um beispielsweise Erkrankungen wie Diabetes oder eine Nahrungsmittel-Intoleranz in den Griff zu bekommen." Um dauerhaft abzunehmen sollte eher eine langfristige Ernährungsumstellung durchgeführt werden und nicht eine kurzfristige „Diät". LOW CARB Low Carb bedeutet: „Wenig bis keine Kohlenhydrate, je nachdem, welche der verschiedenen Trendkost-Formen man nimmt." Egal, ob sie nun Metabolic Balance, Blutgruppendiät oder Schlank im Schlaf heißen – unterm Strich sei das alles sehr ähnlich. Bei diesen Diät-Formen werden wenig oder gar keine Kohlenhydrate aufgenommen, dafür neben viel Salat und Gemüse vor allem zu viele, überwiegend tierische Eiweiße aus Fisch, Fleisch und Geflügel. Hierdurch kann es auf Dauer z.B. zu Stoffwechselstörungen von Leber und Niere kommen. Da die menschliche Physis auf Kohlenhydrate (Kartoffeln, Reis oder Vollkornbrot) als Energielieferant angewiesen ist, generiert der Körper ebendiese bei längerem Ausbleiben aus der Muskelmasse, statt, wie eigentlich gewünscht, überschüssiges Fettgewebe abzubauen. Der Körper geht in einen Kohlenhydrat-Hungerstoffwechsel. „Betrachtet man die Körperzusammensetzung von Menschen, die ein halbes Jahr lang eine Low Carb Diät gemacht haben, sieht man, dass sie oftmals große Mengen Muskelmasse verloren, aber weiterhin viel zu viel Fettmasse haben. Das ist sehr bedenklich." Denn: Beginnt man nach der Diät, wieder Kohlenhydrate zu sich zu nehmen, werden diese Energien doppelt und dreifach ausgewertet. Es kommt erneut zu starken Gewichtszunahmen, dem sogenannten Jo-Jo-Effekt." Isst man mehr, als der Körper verbraucht, speichert er den Überschuss in Fettdepots. Sinnvoll ist daher eine bewusste und modifizierte Kohlenhydrataufnahme, also statt Zucker und Weißmehl eher Kartoffeln, Reis, Vollkornprodukte, Gemüse und Obst, und das alles in der richtigen Menge. INTERVALLFASTEN Intervallfasten ist derzeit sehr angesagt und bedeutet, dass man 16 Stunden am Stück gar nichts isst, in der verbleibenden Zeit dann aber alles essen darf. „Es wird behauptet, dass dann alles bis zum letzten Krümel verwertet wird." Das Problem ist, dass man mangels Vorgaben weiterhin ungesund futtert, dafür aber in den langen Ess-Pausen keine Energie aufnimmt. „Der Körper geht in dieser Zeit in einen sogenannten Hungerstoffwechsel. Esse ich dann wieder normal, habe ich einen extremen Jo-Jo-Effekt." Außerdem ist das Intervallfasten für die meisten Menschen zeitlich schwer umsetzbar und auch für den Stoffwechsel nicht wirklich gut, weil sich die Leute innerhalb kurzer Zeit vollstopfen und dann hungern. FORMULA-DIÄTEN/SHAKES Hierbei kommen synthetische Eiweißpulver, die mit unterschiedlichen und oft künstlichen Geschmacksstoffen versetzt sind und mit Wasser oder fettarmer Milch angerührt werden, zum Einsatz. Sie sollen als Ersatz für eine Mahlzeit genommen werden. „Diese Produkte sind von der Energiebilanz optimal ausgewogen, weil sie die richtige Menge Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate beinhalten", sagt Schröder-Böwingloh. Das Problem: Statt ein Essen zu genießen, wird eine klassische Mahlzeit durch einen dieser Shakes ersetzt – zu Beginn morgens, mittags und abends, bis man nach und nach wieder ein oder zwei Mahlzeiten normal essen kann. „Weder lernt man, seine Essgewohnheiten umzustellen oder mit Lebensmitteln verantwortungsbewusst umzugehen, noch schmecken die Shakes wirklich lecker." Viele Nutzer würden sich schnell vor dem penetrant nach Aromastoffen und synthetischen Eiweißen riechendem Pulver ekeln. Fazit: Auf Dauer nicht geeignet. PALEO-/STEINZEIT-DIÄT Der Grundsatz dieser Diät ist, Nahrungsmittel so wenig wie möglich zu verarbeiten, getreu dem Motto: Da die Steinzeitmenschen alles roh gegessen haben, machen wir das auch, egal ob Fleisch oder Fisch. Ein mögliches Problem: gesundheitsschädliche Bakterien, Keime oder Salmonellen. Zudem ist verarbeitetes Getreide, also beispielsweise Brot, tabu. „Man soll nur rohes Gemüse, Obst, Beeren, Samen und Nüsse essen, also alles, was nicht industriell hergestellt, sondern jahreszeitengerecht frei in der Natur zu finden ist." Auch Milchprodukte und Käse sind kaum zu finden. Die Idee, die letztlich auch wieder in Richtung Low Carb geht, mag gut im Ansatz sein, jedoch: „Viele meiner Patienten, die eine solche Diät für ein oder zwei Wochen ausprobiert hatten, haben über heftige Magen- und Darmprobleme geklagt, weil sie das Essen nur schwer verdauen und verwerten konnten." Dieser Trend flache aber gerade wieder ab. „Zum Glück", sagt Schröder-Böwingloh, „denn gerade Kinder und Jugendliche sollten nicht nur rohe Lebensmittel essen." ROHKOST „Grundsätzlich sind rohes Obst, Gemüse und Salat eine prima Sache, weil sie in dieser Form am wertvollsten sind", sagt die Ernährungsexpertin. Doch sollte man diese immer auch mit Kartoffeln, Reis oder Nudeln und mit etwas Milchprodukt, Ei, Fleisch, Fisch oder Geflügel kombinieren. Rohkost ist sehr gesund und ein wichtiger Bestandteil einer gesunden Ernährung, aber nicht ausschließlich. VEGAN/VEGETARISCH Eine vegane, also rein pflanzliche Ernährung, sei auf Dauer bedenklich, weil der Körper nicht alle Nährstoffe bekommt. Vitamine, Mineralien und Eiweiße müssen also zusätzlich ergänzt werden. Zudem kaufen viele Veganer Soja-Produkte, die wie Wurst riechen, schmecken und aussehen, dafür aber Unmengen an synthetischen sprich chemischen Aromen und Farbstoffen enthalten. Daher: „Optimal wäre eine vegetarische Ernährung, die mit der entsprechenden Menge an Milchprodukten und Ei kombiniert wird. So bekommt man tatsächlich alle Nährstoffe, die der Körper dringend benötigt, wie beispielsweise Eisen und Calcium, Vitamin D, Vitamin B12, B6 und B2." ERNÄHRUNGSUMSTELLUNG „Wer dauerhaft gesund leben möchte, kommt um eine vernünftige und bewusste Ernährung nicht herum." Denn nur wer lernt, Lebensmittel sinnvoll zusammenzustellen, einzusetzen und zuzubereiten, hat langfristig Erfolg. „Bei den speziellen Ernährungsformen oder Diäten lerne ich nicht, dauerhaft meine Ernährung zu verändern, sondern ernähre mich nur für einen gewissen Zeitraum anders." Viele Menschen verfallen danach wieder in das alte Ernährungsmuster. „Sie nehmen dann wieder zu, die Blutwerte werden wieder schlechter und irgendwann beginnt man mit einer neuen Modediät", sagt Schröder-Böwingloh.

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