An eine eigenständige Weiterfahrt nach Minden ist mit dem Audi nicht mehr zu denken. - © Niklas Tüns
An eine eigenständige Weiterfahrt nach Minden ist mit dem Audi nicht mehr zu denken. | © Niklas Tüns

Gütersloh "Man darf das nicht an sich heranlassen": Ein Abend mit einem Abschlepper auf der A2

Julian Lindemann ist Abschlepper. Wenn er nachts gerufen wird, dann hat es wieder irgendwo gekracht. Die NW war mit ihm unterwegs

Gütersloh. Julian Lindemann ist der Aufräumer der A 2. Wenn nachts die Polizei bei ihm anruft, hat es wieder irgendwo zwischen Oelde und Bielefeld gekracht. „Ich lasse dann das Butterbrot fallen und los geht’s", sagt er. Der 28-Jährige arbeitet für den Abschleppdienst Willmann, unweit der Gütersloher Autobahnabfahrt gelegen. Er beseitigt die Spuren von Unfällen, nimmt die mitunter kaum noch als Fahrzeug erkennbaren Schrotthaufen mit. Aber auch bei kleineren Pannen hilft er Autofahrern vor allem auf dem Gebiet des Kreises Gütersloh. Der erste Einsatz der Nachtschicht benötigt keine lange Anfahrt. Eine Frau ist auf dem Sparkassen-Parkplatz nahe des ADAC-Partners Willmann in eine Hecke gerutscht. Warum, das kann sie sich selbst nicht erklären. Zwei Minuten und Lindemann hat das Auto wieder herausgezogen. Die Gütersloherin ist froh und verschmerzt dabei auch die Rechnung. „Für die schnelle Aktion schon viel Geld, aber er will ja auch etwas verdienen", zeigt sie sich verständnisvoll. Hohe dreistellige Kosten sind keine Seltenheit Die Kosten für den Pannendienst fangen bei 150 Euro an, Lindemann und seine acht Kollegen orientieren sich an den Richtlinien des „Verbandes der Bergungs- und Abschleppunternehmen". Je nach Einsatz kann es dann teuer werden – hohe dreistellige Beträge sind keine Seltenheit. Nicht immer sind Lindemanns Kunden ADAC-Mitglieder oder die Abschlepptransporte zum Wohnort in der Mitgliedschaft inklusive. Den Selbstzahlern, wie der Frau aus Gütersloh, rät er, in den Kfz-Schutzbrief zu schauen. „Vielleicht können Sie sich das Geld zurückholen." Er möchte den Menschen in ihrer misslichen Lage helfen und nicht als Abzocker wahrgenommen werden, betont der 28-Jährige während der Fahrt zum zweiten Einsatz an der Raststätte Gütersloh. „Das ist für die Leute immer eine Ausnahmesituation, die sie nur ein oder zwei Mal erleben", sagt er. Jetzt zeigt sich die sanftmütige Seite des großen, robusten Mannes, Typ „Malocher". „Für manchen, etwa die alleinerziehende Mutter, deren Auto kaputt gegangen ist, geht es um die finanzielle Existenz. Und du bist dann der erste, mit dem die Leute reden", sagt er. „Eine ganze Menge Psychologie" gehöre daher zu seinem Beruf. "Das darf man nicht an sich heranlassen" An der Raststätte wartet ein Mindener auf ihn. Kurz zuvor hat dieser sich in Bochum einen Audi A 5 gekauft, nun ist die Hochdruckpumpe kaputt. „Dafür muss man in die Werkstatt, da kann ich jetzt nichts machen", meint Lindemann. Zündspulen wechseln oder den Anlasser wieder gangbar machen sind zwei der Reparaturen, die die Abschlepper – meist gelernte Kfz-Mechaniker oder Berufskraftfahrer – vor Ort leisten. Auch leere Tanks füllen sie auf – „das passiert häufiger, als man denkt". Den Audi lädt Lindemann jedoch auf, die Weiterfahrt endet für das gerade erst gekaufte Auto zwischen Zapfsäule und Fast-Food-Restaurant. Auf dem Weg nach Minden kommt Lindemann an einigen Stellen vorbei, an denen er in der Vergangenheit schrecklichste Unfallszenen vorgefunden hat. Sein Job beginnt, wenn die Rettungskräfte mit ihrer Arbeit fertig sind. Was den Opfern passiert ist, kann er meist nur erahnen. Zerknautschte Karosserien, Blutlachen im Innenraum, persönliche Gegenstände auf dem Asphalt verteilt: „Das darf man nicht an sich heranlassen." Verstorbenes Opfer lag noch im Fahrzeug Einmal erreichte er eine Unfallstelle, als sich das verstorbene Opfer noch im stark deformierten Fahrzeug befand. Ein schlimmer Anblick selbst für ihn, der schon vieles gesehen hat. In solchen Momenten wird die Abschlepp-Basis in Spexard zum Gesprächsraum, die Männer – Frauen sucht man hier vergebens – bauen sich gegenseitig auf, lenken sich mit Albernheiten ab. Den Audi in Minden abgeladen, geht es schon wieder zurück nach Gütersloh. „Wir packen uns noch was auf dem Rückweg", verspricht der Herforder seinem Begleiter. In ruhigen Nächten wie dieser hält er aktiv Ausschau nach liegengebliebenden Autos und steuert auch die Rastplätze an, die bis auf den letzten Stellplatz durch Lkw belegt sind. Früher saß er selbst in einem, transportierte Küchen quer durch Europa. Irland, Schottland, Frankreich – seine mehrtägigen Touren führten ihn weit weg aus der Heimat. Auf Dauer kein lebenswertes Leben. Über Umwege stieß er auf den Job beim Abschleppdienst Willmann. „Nun werde ich besser bezahlt und habe bessere Arbeitszeiten", sagt er. Jede zweite Woche übernimmt er die Nachtschicht, in der anderen Woche hat er Freizeit. Verlassenes Auto auf dem Standstreifen Kurz vor dem Rastplatz „Heideplatz" ist seine Suche von Erfolg gekrönt. Ein Fiat Punto steht verlassen auf dem Standstreifen. „Die Plakette ist vom Kennzeichen gekratzt", stellt er im Schein der gelben Rundumleuchte fest. „Auf diese Weise ein Auto zu entsorgen, ist mindestens eine Ordnungswidrigkeit." Die Autobahnpolizei stellt den Fiat kurz vor Mitternacht sicher. Dem Halter wird demnächst ein Schreiben ins Haus flattern. Für Julian Lindemann, den Aufräumer der A 2, geht es wieder zurück zur Basis. Der nächste Anruf eines Hilfesuchenden kommt bestimmt.

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