Gabriele Gräber hat ihr Geschäft im Februar 1978 eröffnet. Jetzt geht sie in den Ruhestand. - © Andreas Frücht
Gabriele Gräber hat ihr Geschäft im Februar 1978 eröffnet. Jetzt geht sie in den Ruhestand. | © Andreas Frücht

Gütersloh Der nächste Laden in Gütersloh schließt: Stirbt die Fußgängerzone aus?

Nach 40 Jahren schließt Gabriele Gräber ihr Lotto-Lädchen. Einen Nachfolger konnte sie nicht finden. Dieses Schicksal trifft immer mehr kleine Einzelhandelsgeschäfte – sie werden verdrängt oder sterben aus

Nicole Hille-Priebe
Ingo Müntz

Gütersloh. In den 1950er Jahren war das kleine Häuschen an der Berliner Straße 159 eine Milchbar, dann zog kurz eine Reinigung ein. 1978 eröffnete Gabriele Gräber dort ihren Lotto-Laden, außerdem hatte sie Tabakwaren und Zeitschriften im Angebot. „Das klassische Sortiment", sagt die gebürtige Gütersloherin, die nach 40 Jahren hinter der Ladentheke ihr Geschäft zum 24. Dezember schließt. „Vielen Lotto-Läden geht es so, denn wir sind alle in einem Alter, wo wir aufhören", sagt die 67-jährige Geschäftsfrau. Weil sie keinen Nachfolger finden konnte, wird es auch geschlossen bleiben. Viele ihrer Kunden sind traurig, denn in dem Nachbarschaftslädchen war immer Zeit für einen Plausch. Das Jahr 2018 markierte das Aus für zahlreiche Traditionsgeschäfte in Gütersloh. Zum Beispiel die Frucht-Insel: Bereits seit Juli ist das Geschäft von Maria und Wilfried Robra am Kolbeplatz geschlossen, weil sie nach 31 Jahren keinen Nachfolger gefunden haben. Oder die Bastelecke: Nach fast 65 Jahren schließt das Familienunternehmen an der Blessenstätte zum Jahreswechsel. „Das Kaufverhalten der Leute hat sich stark verändert. Gegen das Internet und Discounter haben wir einfach keine Chance mehr", sagt Inhaberin Stefanie Müller. "Dramatische Umsatz-Einbrüche" Ein weiteres Beispiel ist das Elektrofachgeschäft RvP: „Wir ziehen die Konsequenz aus den dramatischen Umsatz-Einbrüchen im deutschen Einzelhandel und aus der besonderen geschäftlichen Situation des Elektrohandels", erläutert Geschäftsführer Rudolf von Prusky den Schritt, nach mehr als fünf Jahrzehnten den Betrieb einzustellen. Auch Tischkultur Baxmann zieht Konsequenzen: Im Zuge einer Umstruktierung reduziert Inhaber Axel Witlake die Filialen von drei auf zwei. „Der Handel befindet sich im Wandel", sagt Witlake. Die Kundenfrequenz in den Städten gehe zurück. Er führt das Geschäft, das sein Großvater Otto Baxmann 1934 in der Kökerstraße gegründet hatte, in dritter Generation. „Der Markt ist schnelllebiger geworden", sagt Gütersloh Marketing-Chef Jan-Erik Weinekötter mit Blick auf die Tendenzen in der Innenstadt. „Die Zeiten, als ein inhabergeführtes Unternehmen einen 30-Jahre-Mietvertrag unterschrieb und das Geschäft an die Kinder weitergab, sind vergangen." Für die starken Veränderungen vieler Innenstädte führt er zwei Hauptgründe an. „Wir vergleichen unsere Innenstädte gerne noch mit der klassischen Situation. Die liegt allerdings zum Teil schon mehr als 30 Jahre zurück", so Weinekötter. „Damals war das Straßenbild noch stark durch inhabergeführte Geschäfte und Kaufhäuser mit einer hohen Kundenbindung geprägt. Doch heute sind Kunden nicht mehr so treu. Sie sind deutlich flexibler geworden und fahren für ihre Einkäufe weiter als früher." "Andere Standorte werden nicht mehr nachgefragt" Der Gütersloh Marketing-Chef resümiert: „Die Kunden stimmen mit den Füßen ab. Somit bestimmt das Einkaufsverhalten auch das Angebot." Das Ergebnis sei, dass über 90 Prozent der Handelsflächen von Filialisten beansprucht werden. Lässt sich also von einer Verdrängung der klassischen Geschäfte durch die großen Filialisten sprechen? „Die allgemeine Tendenz für Filialisten ist die Nachfrage nach der 1 A-Lage. Andere Standorte werden nicht mehr nachgefragt", sagt Weinekötter. Und auch die Mietkosten spielen eine entscheidende Rolle. „Das Einzelhandelsgeschäft ist ein schweres Geschäft. Es ist natürlich schön, wenn ein Einzelunternehmer mit eigenen Produkten an den Markt geht und ein Geschäft eröffnet. Doch nur in den seltensten Fällen wird er auf Dauer die Kosten stemmen können." Und da kommen die Filialisten wieder ins Spiel. Bereits vor gut einem Jahrzehnt hätten Experten darauf hingewiesen, dass gar nicht so viel Handelsflächen notwendig seien – allerdings seien immer wieder zusätzliche Flächen geschaffen worden. „Zudem hat inzwischen jeder Kunde eine virtuelle Ladenfläche von einer Million Quadratmetern in der Hosentasche", sagt Weinekötter und spielt auf die Online-Riesen an. "Da fehlt der Einblick" Schnell kommt die Frage nach einem Konzept auf, mit dem die Stadt den klassischen Einzelhandel stützen könnte. „Da treffen zu viele Interessen aufeinander. Wer ist denn noch klassischer Einzelhändler? Gehört das Familienunternehmen mit 15 Filialen dazu? Und wer entscheidet schließlich, welches Unternehmen wie gefördert werden soll?", so der Marketing-Experte. Und mit Blick auf die Schließung von Schuhgeschäften ergänzt er: „Gefühlt gibt es natürlich viele Schuhläden. Ähnlich wie Telekommunikationsgeschäfte oder Apotheken. Prinzipiell ist das ja auch positiv. Unklar ist natürlich im Einzelfall, warum ein Geschäft schließt und ein anderes nicht. Da fehlt der Einblick."

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