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Gütersloh Auf einmal gab es alles: Gütersloherin erinnert sich an Währungsreform

Helga Beimdiek erlebte die Währungsreform in Gütersloh als 14-jähriges Flüchtlingsmädchen aus Breslau. An das erste Weihnachtsfest mit D-Mark hat sie allerdings keine guten Erinnerungen

Nicole Hille-Priebe
25.11.2018 | Stand 23.11.2018, 14:14 Uhr

Gütersloh. Als im Frühjahr 1948 rund 500 Tonnen frisch gedruckte D-Mark in 23.000 Holzkisten von den USA nach Bremerhaven verschifft wurden, schlief Helga Beimdiek in Gütersloh noch immer auf einem Strohsack. Im Jahr der Währungsreform war ihre 1945 mit dem letzten Zug aus Breslau zu Verwandten in die Dalkestadt geflüchtete Familie von einem besseren Leben weit entfernt; auch drei Jahre nach der Flucht hatten sie nicht einmal das Nötigste. Der Vater war gerade aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, gemeinsam mit den Eltern und ihrer älteren Schwester lebte die damals 14-Jährige in einem Zimmer, das ihnen an der Brockhäger Straße zugewiesen worden war. „Bis auf den leeren Strohsack war nichts da, als wir einzogen. Um die Strohfüllung mussten wir beim Bauern betteln. Es war schrecklich", erinnert sich die heute 84-jährige Gütersloherin an diese Zeit. "Das war furchtbar, das werde ich nie vergessen Während die US-amerikanischen Notenpressen bereits auf Hochtouren liefen, um die 5,7 Milliarden DM Startkapital für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands zu drucken, wäre Helga Beimdieks Konfirmation beinahe an der Armut ihrer Familie gescheitert. „Mein Vater schrieb dem Pastor, dass ich nicht gehen könne, weil ich nichts zum Anziehen hatte. Da durfte ich mir ein Kleid und Schuhe aus einer großen Kleiderkammer im Pfarrhaus aussuchen. Aber ich wusste nicht, dass ich die Sachen nach der Konfirmation wieder abgeben musste. Das war furchtbar, vor allem die Schuhe wollte ich unbedingt behalten. Das werde ich meinen Lebtag nicht vergessen." Obwohl sich die größten Wirren der Nachkriegsjahre gerade gelegt hatten und die Familie wieder vereint war, herrschte bittere Not. „Zum Glück hatten die Amerikaner die Schulspeise eingeführt. Was übrig blieb, durfte ich mit nach Hause nehmen. Die meisten Kinder aus meiner Klasse an der Blankenhagener Schule kamen vom Bauernhof, die hatten genug zu essen." "Ich bekam keine Lehrstelle" Helga Beimdiek kann sich noch gut an das Nichts erinnern. Kurz vor dem großen Geldumtausch am 20. Juni 1948 waren die Geschäfte wie leer gefegt; alles begann mit „kein": „Kein Salz, kein Zucker, kein Mehl. Und wenn es was gab, dann musste man ja nicht nur die entsprechenden Lebensmittelkarten haben, sondern auch Geld, also Reichsmark." Besonders in den Städten war der praktisch mittellose Teil der Bevölkerung in seiner Not gefangen. „Ich bekam keine Lehrstelle, als ich aus der Schule kam. Mit Fleisch oder Schinken in der Hand hätte ich vielleicht eine bekommen." Ihr Vater war Berufsmusiker. „Er spielte Geige und Akkordeon und fand schließlich eine Stelle in einer Zirkuskapelle. Deshalb war er viel auf Reisen und wir Kinder waren auf uns gestellt. Unsere Mutter verließ uns, nachdem sie über das Rote Kreuz den Mann wiedergefunden hatte, mit dem sie zusammen war, als unser Vater im Krieg war. Wir konnten uns selbst entscheiden und blieben in Gütersloh beim Vater." Essen statt Geld Während ihre Schwester einen Job im Naafi-Shop auf dem britischen Militärflughafen fand, suchte sich die 14-jährige Helga Arbeit in der Nachbarschaft. „Ich habe bei der Kinderbetreuung geholfen, bekam dafür aber kein Geld, sondern nur etwas zu essen." Mit Grauen erinnert sie sich heute daran, wie arm sie damals war. „Ich hatte nichts anzuziehen. Als mein Rock hinten durchgescheuert war, blieb mir nichts anderes übrig, als ihn umzudrehen." Die 40 DM „Kopfgeld", die im Juni 1948 als Sofortausstattung für jedes Haushaltsmitglied gegen 40 Reichsmark getauscht werden konnten, änderten nicht viel in Helga Beimdieks Leben. „Bei uns blieb alles beim Alten." Denn wo nichts war, gab es auch nichts zu tauschen und ein Währungsausgleich für Vertriebene wurde erst 1952 geregelt. Auf der anderen Seite: Wohlhabende Menschen, die vor dem „Tag X" und der damit verbundenen Entwertung der alten Währung weit mehr als 40 Reichsmark in bar hatten, wollten das Geld in diesen Tagen unbedingt noch los werden. „Es wird gekauft, was man sieht, nicht was man braucht", zitiert der Gütersloher Stadtarchivar Stephan Grimm damalige Berichte der Freien Presse. „Mütter kauften bereits Spielzeug für Weihnachten in der Furcht, es später nicht mehr bezahlen zu können. Wahllos wurden vor allem Schmuck, Parfüm, Kosmetikartikel und Bilder gekauft." Ansturm auf Bäckereien und Lebensmittelgeschäfte Dramatischer sei der Ansturm auf die Bäckereien und Lebensmittelgeschäfte verlaufen, so Grimm weiter. Die Folge war eine zeitweise Brotknappheit, Salz und Essig gab es nicht mehr, Flüssigseife, Suppenwürze, Scheuerpulver, Zucker und Marmelade wurden Mangelware, weil Nachbestellungen gar nicht oder nur unzureichend erfolgen konnten – oder es nicht in die Auslagen schafften, weil die Kaufleute auf steigende Preise nach der Währungsumstellung setzten und Waren absichtlich zurück hielten. Am Sonntag, 20. Juni 1948, waren die „Eingeborenen" von den Alliierten dazu aufgerufen, sich an die entsprechenden Zahlstellen zu begeben. „Um den Geldumtausch möglichst reibungslos durchführen zu können, wurden in Gütersloh an diesem Tag 43 Umtauschstellen eingerichtet. Die Geldinstitute und die Stadtverwaltung setzten damals ihr gesamtes Personal ein, die Sparkasse an der Strengerstraße öffnete alle sieben Schalter. Vergleichbar mit der Einteilung in Wahlbezirke wurde jede Straße einer bestimmten Umtauschstelle zugeordnet. Auf öffentlichen Anschlagtafeln, bei den Geschäftsstellen der Zeitungen und in den Schaufenstern der Gaststätten hingen entsprechende Pläne aus", erklärt Stadtarchivar Grimm den Ablauf. Blumenkohl für 1,10 Mark Im Gegenzug musste das Altgeld eingezahlt werden – in möglichst großen Scheinen, um unnötige Wartezeiten zu vermeiden. Die alten Reichsbanknoten, seit Januar 1929 im Umlauf, wurden sofort gebündelt und zum Einstampfen in die Papiermühlen transportiert. Im August konnten noch einmal 20 Reichsmark pro Person eingetauscht werden. „Bei den Kaufleuten stand das Geschäft ganz klar im Vordergrund. Vor der Umstellung gab es nichts – und auf einmal gab es alles. Aber die Sachen waren viel zu teuer für uns", erinnert sich Helga Beimdiek an den Montag danach. So wie ihr erging es offenbar vielen Güterslohern. In der Ausgabe vom 23. Juni berichtete die Freie Presse, dass der wilde Ansturm auf die Geschäfte bereits der Ernüchterung gewichen sei. „In der Buchhandlung werde ich als Stammkunde mit Hallo begrüßt, ich bin der einzige Gast, doch ich kaufe nicht, die 40 Mark müssen lange reichen. Nur einer hat an diesem Morgen ein großes Geschäft: der Gemüsestand gegenüber dem Amtsgericht. Blumenkohl und Schlangengurken zu 1,10 Mark das Stück gehen reißend ab", berichtete der Reporter. Neues Geld, neues Leben? Wer gehofft hatte, dass mit dem neuen Geld auch ein neues Leben beginnt, wurde enttäuscht. „Viele Dinge waren wegen der Preissteigerungen aufgrund der erhöhten Nachfrage nicht zu bezahlen, besonders bei kinderreichen Familien war die wirtschaftliche Not nicht zu übersehen. Viele Menschen, insbesondere Menschen aus den Ostgebieten, mussten den Gang zum Wohlfahrtsamt antreten", sagt Stephan Grimm. Auch das erste Weihnachtsfest mit der neuen Währung sollte sich für Helga Beimdiek kaum von den anderen Tagen im Jahr unterscheiden. „Es gab keine Geschenke und keinen Weihnachtsbaum. Wir hatten ja immer noch nichts – wie sollten wir da Weihnachten feiern?" An das traditionelle Weihnachtsessen der Familie – schlesische Weißwürste mit Sauerkraut und extra Eisbein für den Vater – sei damals noch nicht zu denken gewesen. „Fleisch gab es bei uns erst viel später wieder." Zum Glück sei es ihrer Schwester manchmal gelungen, unter der Bluse heimlich Kuchen aus dem Naafi-Shop zu schmuggeln. „Die Unterschiede zwischen Arm und Reich waren damals sehr deutlich. Man hat gemerkt, wer viel hatte und wer wenig. Und die Leute, die viel hatten, ließen das ganz schön raushängen." "Bessere Zukunft für alle Menschen" Eine Wahrnehmung, die Stephan Grimm aus historischer Perspektive bestätigen kann: „Die Währungsreform wird oftmals als bedeutendes und weitreichendes Ereignis angesehen, um das sich viele Legenden ranken: alle hätten damals mit 40 DM angefangen und wären damit gleich gewesen. Wenngleich das so nicht stimmt – schließlich verfügten auch in Gütersloh einige Bürger neben ihrer Kopfquote über erhebliche Sachmittel. Doch immerhin wurden durch die Reform die Weichen für eine hoffnungsvollere und bessere Zukunft für alle Menschen gestellt."

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