Ralph Sock war lange mit einer Frau verheiratet. - © Lena Vanessa Niewald
Ralph Sock war lange mit einer Frau verheiratet. | © Lena Vanessa Niewald

Kreis Gütersloh Papa liebt einen Mann: Gütersloher war verheiratet, nun ist er schwul

Sechs Jahre war Ralph verheiratet. Mit seiner Frau hat er zwei Kinder. Dann kam der Bruch

Lena Vanessa Niewald

Kreis Gütersloh. Ralph hat immer von einem kunterbunten, glücklichen Familienleben geträumt. Wie in Bullerbü sollte es sein. Sechs Jahre ging das gut. Dann verliebte er sich in einen Mann – und stand plötzlich vor dem Scherbenhaufen seines Lebens. 2003 heiratete er seine Traumfrau. Sieben Jahren sind die beiden zusammen, als sie sich das Ja-Wort geben. Zwei Kinder bringt seine Frau zur Welt, ein Mädchen und einen Jungen. Ralphs ganzer Stolz. Das Familienleben scheint perfekt. „Erklären kann ich rückblickend gar nicht wirklich, was dann passiert ist", sagt Ralph heute. Wahrscheinlich habe alles mit einem gemeinsamen Plan der Ehepartner angefangen, überlegt Ralph. Beide wollten neue Kontakte knüpfen und ihren Freundeskreis erweitern. Es geht um Sexdates mit Männern Auf verschiedenen Seiten im Netz schauen sie sich um. Ralph stößt dabei immer wieder auf zum Teil dubiose Anzeigen von Männern. „Anfangs dachte ich, die suchen einfach nur Sportpartner – Männersachen halt." Schnell realisiert er, dass es um mehr geht als Verabredungen zum Sport. Es geht um Sexdates mit Männern. Der erste Gedanke, der dem heute 44-Jährigen damals kam, war „ekelig". Aus dem Kopf gingen ihm die Anzeigen aber nie. „Die haben irgendwas in mir ausgelöst, vielleicht auch, weil es in meiner Beziehung nicht mehr so richtig gut lief." Ralph lässt sich irgendwann auf ein Treffen ein. Ein dubioses Blind-Date, wie er heute selbst zugibt. „Es war, als würde man eine geheimnisvolle Schwelle übertreten. Danach habe ich mich immer wieder gefragt, ob das jetzt schon Fremdgehen war – es war ja mit einem Mann." Schwul? Auf keinen Fall Einmal und nie wieder, das nimmt er sich vor. Krampfhaft versucht er, seine Fantasien zu verdrängen. Schwul? Auf keinen Fall. Doch Ralph merkt, dass sich etwas in ihm verändert. Er wird neugieriger und lässt sich auf weitere Kontaktanzeigen von Männer ein, schaltet sogar selbst eine. Und irgendwann passiert etwas, das Ralph niemals für möglich gehalten hat. Er verliebt sich „Hals über Kopf" in einen Mann, wie er heute mit leuchtenden Augen sagt. „Der Typ hat mir echt den Boden unter den Füßen weggezogen." Sich die Gefühle für einen Mann einzugestehen, sei ein unvorstellbar schwieriger Prozess gewesen. Knapp ein Jahr führt Ralph ein klassisches Doppelleben, geht fremd, lässt sich immer wieder Ausreden einfallen. Irgendwann fliegt Ralph auf. „Ich wollte es meiner Frau selbst sagen. Aber wie fängt man so ein Gespräch an? Schatz, ich bin jetzt übrigens schwul ist wohl eher unpassend." Immer wieder nimmt Ralph sich vor, seiner Frau die Wahrheit zu sagen. Nie findet er den richtigen Zeitpunkt und vor allem nicht die richtigen Worte. "Plötzlich stand ich vor einem Scherbenhaufen" Als er sie eines Abends weinen hörte, habe er direkt Bescheid gewusst. „Plötzlich stand ich vor einem Scherbenhaufen. So schlimm die Situation aber war, irgendwie war ich auch erleichtert", sagt Ralph heute. Das Einzige, das er bereue, sei die Feigheit, die Wahrheit nicht selbst erzählt zu haben. In den nächsten Wochen versucht Ralph, viel zu erklären. Etwa, dass er sich selbst gar nicht richtig verstanden hat. Seinen damals drei und sechs Jahre alten Kindern habe er schonend beigebracht, dass er ausziehe. Später habe er seinen neuen Partner erstmal als Freund der Familie vorgestellt. Auch seine Eltern und Schwiegereltern weiht er irgendwann ein. Nicht immer sind die Reaktionen verständnisvoll. „Werd’ doch wieder normal" – dieser Spruch hat sich bei Ralph besonders eingebrannt. Aber er will nicht mehr zurück. Er schaut nach vorne – versucht es zumindest. "Soll ich gegen einen Baum fahren?" „Wie oft habe ich abends auf der Rückfahrt überlegt, einfach gegen einen Baum zu fahren?", erinnert er sich. Viel geweint habe er damals, viel geredet – vor allem mit seiner Frau. Sie ist es letztlich auch, die Ralph in sein neues Leben begleitet und ihn immer weiter unterstützt. „Ich ziehe den Hut vor dieser Frau.Sie hat schnell gemerkt, dass sie zwar nicht gegen eine Frau kämpft, sondern gegen einen Mann, aber dass sie auch dort keine Chance hat", sagt er. Trotzdem hat sie Ralph durch die schwere Zeit geholfen und versucht, sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Dass er das große Glück in einem Mann finden würde, daran hat er selbst nie auch nur ansatzweise gedacht. Er wurde eines Besseren belehrt. Nicht alle Betroffenen haben den Mut Ralphs Leben ist heute bunt, vielleicht noch bunter als er es sich jemals hätte ausmalen können. Heute lebt er in „einer großen ungewöhnlichen Patchworkfamilie". Die Kinder haben seinen neuen Partner mittlerweile akzeptiert. Ralph ist froh, dass seine Kinder noch jung waren, als er die Entscheidung getroffen hat, sein Leben komplett zu ändern. „Die beiden sind jetzt mit unseren Lebensstrukturen großgeworden. Das ist ganz normal für sie", sagt er. Ralph ist heute froh, dass „es" raus ist. Er fühlt sich frei und erleichtert. Denn er weiß, dass nicht alle Betroffenen den Mut haben, auszusprechen, was sie fühlen. „Ich kenne Männer, die seit zwanzig Jahren mit einer Frau verheiratet sind, aber heimlich auf Männer stehen." Mit seiner Geschichte möchte er anderen Männern und Vätern, die in ähnlichen Situationen stecken, Mut machen. Ralph ist stolz auf sich, den entscheidenden Schritt gegangen zu sein. Aber es sei kein leichter gewesen. „Ich habe jeden Tag für mein Happy End gekämpft."

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