Gütersloh Landrat zum Hambacher Forst: „Da muss der Staat klare Kante zeigen“

Landrat Sven-Georg Adenauer, der in Gremien des Energiekonzerns RWE sitzt, äußert sich zu den Polizeiaktionen im Hambacher Forst, seiner Einstellung zum Braunkohletagebau und zu den lokalen Anstrengungen für ein besseres Klima

Rainer Holzkamp

Gütersloh. Herr Adenauer, Sie gehören zwei kommunalen Gremien des RWE-Konzerns an. Sind dort Beschlüsse in Sachen Hambacher Forst und Braunkohletagebau gefasst worden? Sven-Georg Adenauer: Eine Sondersitzung wegen der Ereignisse im Hambacher Wald hat es nicht gegeben. Wir werden uns aber im Regionalbeirat der Verbandes der Kommunalen RWE-Aktionäre in der Sitzung im November damit befassen. Dann wird der Vorstand berichten, wie es mit dem Abbau weitergeht. Ich rechne mit einer Verringerung der Kapazitäten. Wie ist Ihre Haltung zum Thema Braunkohle? Adenauer: Diejenigen, die sagen, die Energieversorgung lässt sich ganz ohne Braunkohle sicherstellen, haben es nicht kapiert. Ein totaler Verzicht von heute auf morgen würde den Industriestandort NRW gefährden. Ich hielte das für einen fatalen Fehler. Wenn wir es mit der Energiewende ernst nehmen, brauchen wir die Braunkohle noch einige Jahre. Nicht zu vergessen, dass Tausende Arbeitsplätze im rheinischen Revier daran hängen. Nun hat aber das zuständige Gericht zu verstehen gegeben, RWE habe nicht den Beweis erbracht, dass die Versorgungssicherheit gefährdet wäre. Adenauer: Das ist eine exklusive Auffassung des Gerichts. Ich kann mir nicht vorstellen, dass RWE schlecht vorbereitet in das Gerichtsverfahren gegangen ist. Ich kenne den Vorstandsvorsitzenden Rolf Martin Schmitz ganz gut. Das ist ein analytisch und akribisch vorgehender Konzernchef. Erst jetzt hat der Weltklimarat verstärkte Anstrengungen zum Klimaschutz angemahnt. Adenauer: Klimaziele lassen sich nur durch einen bunten Strauß von Maßnahmen erreichen. Der Braunkohle darf man meiner Ansicht nach nicht die alleinige Schuld an der Klimaerwärmung zuschieben. Wo sehen Sie die Hauptverursacher? Adenauer: Vieles trägt dazu bei. Unsere Lebensweise, unser Lebensstandard. Als Industriestandort verbrauchen wir viel Energie. Deshalb müssen wir natürlich weitere Anstrengungen unternehmen, mehr CO2 einzusparen und weniger Energie zu verbrauchen. Was tut der Kreis in dieser Beziehung? Adenauer: Wir haben in den vergangenen Jahren immense Summen dafür ausgegeben, unsere Schulen auf hohe ökologische Standards zu bringen. Insgesamt haben wir den Energieverbrauch in den Liegenschaften des Kreises schon um 33 Prozent senken können. Da leisten wir einen tollen Beitrag. Wenn das jeder täte, ginge es dem Klima besser. Wobei ich auch sagen muss, dass wir Deutsche es häufig übertreiben. Inzwischen müssen in Häuser bereits Entlüftungsanlagen eingebaut werden, weil man zu stark gedämmt hat. Wie beurteilen Sie das Verhalten der Landesregierung in Sachen Hambach, die nach sieben Jahren plötzlich aus Brandschutzgründen die Baumhäuser räumen lässt? Adenauer: Man hat offenbar zu lange gewartet, das sieht nicht gut aus. Aber Gerichtsurteile haben nun mal klar gesagt, dass die Baumhäuser rechtswidrig errichtet wurden. Und dann muss der Staat klare Kante zeigen. Ich erinnere an die Baumhäuser vor vielen Jahren entlang der A 33-Trasse. Auch die waren rechtswidrig. Und auch da hat meine Polizei ebenfalls den rechtswidrigen Zustand beendet. So wie sich RWE an aktuelle Urteile halten muss und keine weiteren Bäume roden darf, so gilt das auch für die Umweltaktivisten. Wenn ein Baumhaus verboten ist, ist ein Baumhaus verboten. Und wenn der Staat bei Verstößen nicht einschreitet, verliert er jegliche Glaubwürdigkeit. Hält der Kreis noch RWE-Aktien? Adenauer: Es gibt noch einen kleinen, unbedeutenden Restbestand an Aktien. Aber dadurch haben wir immer noch einen Fuß in der Tür. Das hat beispielsweise dazu geführt, dass RWE uns für einen höheren fünfstelligen Betrag die Beleuchtung im neuen Böckstiegel-Museum in Werther finanziert hat.

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