Terrassenartig: Anwohner empfinden den Neubau an der Kurfürstenstraße 24 als Fremdkörper. Das nicht zum Siedlungscharakter passende Gebäude ist ein weiteres eklatantes Beispiel dafür, wie weit der hier geltende Umgebungsparagraf 34 des Baugesetzbuches ausgelegt werden kann. Wohl auch deshalb plädiert ein Architekturteam der Technischen Hochschule Köln für die Aufstellung eines Bebauungsplans für das gesamte Quartier. - © Andreas Frücht
Terrassenartig: Anwohner empfinden den Neubau an der Kurfürstenstraße 24 als Fremdkörper. Das nicht zum Siedlungscharakter passende Gebäude ist ein weiteres eklatantes Beispiel dafür, wie weit der hier geltende Umgebungsparagraf 34 des Baugesetzbuches ausgelegt werden kann. Wohl auch deshalb plädiert ein Architekturteam der Technischen Hochschule Köln für die Aufstellung eines Bebauungsplans für das gesamte Quartier. | © Andreas Frücht

Gütersloh Klage gegen Neubau-Klotz in Gütersloh

Kurfürstenstraße 1: Für die alte Walmdachvilla ist inzwischen ein Abrissantrag gestellt worden. Der Bauherr des geplanten Mehrfamilienhauses will die Mieteinnahmen für gemeinnützige Zwecke verwenden

Rainer Holzkamp

Gütersloh. Für die weiße Walmdachvilla an der Kurfürstenstraße 1/Ecke Bismarckstraße ist ein Abbruchantrag gestellt worden. Das Gebäude aus den 1930er Jahren soll einem Mehrfamilienhaus mit acht Wohneinheiten weichen. Nachbarn sehen dieses Bauvorhaben mit großen Bedenken. Sie haben Klage beim Verwaltungsgericht Minden eingereicht. Eine Gerichtssprecherin bestätigte den Eingang. Der Fall ist deshalb von einiger Brisanz, weil er sich mitten in der neu entflammten Debatte über den Schutz erhaltenswerter Bausubstanz abspielt. Die Wohnsiedlung rund um die Kurfürstenstraße zählt zu den ersten innerstädtischen Gebieten, die ein Architektur-Team der Technischen Hochschule (TH) Köln in Sachen Schutzwürdigkeit genauer unter die Lupe genommen hat. Das Haus Kurfürstenstraße 1 wird in einer grafischen Übersicht des TH-Professors Norbert Schöndeling als "Sonstiges Gebäude" klassifiziert, jedoch nicht ausdrücklich als "Erhaltenswerte Substanz" oder "Prüfungsfall Denkmal". Untersuchungen hätten ergeben, dass ein Erhalt nicht in Frage komme, sagte unterdessen der neue Eigentümer und Bauherr des geplanten Mehrfamilienhauses. Stadtverwaltung und Bauherr wollen sich nicht im Detail zu dem Fall äußern Der Neubau ist entsprechend der Vorgabe des seltsamerweise nur für einen kurzen Abschnitt der Kurfürstenstraße geltenden Bebauungsplans aus dem Jahr 1985 mit einem Satteldach vorgesehen. Hinsichtlich Firstrichtung, Traufhöhe und Geschossflächenzahl hatte die Stadt in ihrem Vorbescheid allerdings eine Befreiung von den Festsetzungen erteilt. Dies ist unter anderem Gegenstand des Gerichtsverfahrens. Die Gründe für die Abweichung seien nicht ersichtlich, so die Kläger. Außerdem füge sich der Neubau nicht in die Umgebung mit der vorwiegend villenartigen Bebauung ein. Von dem Gebäude gehe zudem eine erdrückende Wirkung aus, nicht zuletzt durch die geplante Firstdrehung. Ferner werden in der Klageschrift bisher nicht bestehende Einsichtsmöglichkeiten und Lichtimmissionen bemängelt. Auch sei mit einer erheblichen Verkehrszunahme zu rechnen. Weder die Stadtverwaltung noch der Bauherr, der vorerst nicht namentlich genannt werden möchte, wollten sich im Detail zu dem Fall äußern. Zum bevorstehenden Abriss des Altbaus teilte die Stadt lediglich mit: "Der Abbruch des vorhandenen Gebäudes sei genehmigungspflichtig. Eine Klage gegen den Neubau hätte keine Auswirkung auf die Erteilung der Abbruchgenehmigung: "Diese müsste gesondert beklagt werden." Das Planungskonzept sieht eine "optimale Ausnutzung des Grundstücks sowie eine kosteneffiziente Bebauung" vor. Es gehe ihm darum, dringend benötigten bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, und zwar für alle Gruppen der Wohnungssuchenden, sagte der Bauherr. Um ältere Menschen als Mieter nicht auszuschließen, beinhalte das Konzept einen Aufzug für die Barrierefreiheit. Mieteinnahmen sollen gemeinnütziger Stiftung zufließen In den vergangenen Monaten sei es in der öffentlichen Diskussion zum Städtebau fast nur noch um architektonische Fragen gegangen, monierte der Bauherr. Auf die Frage, wie die bis zu 7.000 Wohnungen entstehen sollen, die laut empirica-Studie bis 2035 in Gütersloh benötigt werden, werde nicht eingegangen. Er halte das jedoch für erforderlich. Er sehe sich nicht als ein Investor, der auf möglichst hohe Renditen erpicht sei, sagte der Eigentümer. Vielmehr sei geplant, die Mieteinnahmen einer im Vorjahr gegründeten gemeinnützigen Stiftung zufließen zu lassen. Die Stiftung habe den Zweck, die Jugend- und die Altenhilfe, das Ehrenamt und die Kultur in Gütersloh zu unterstützen. Sie sponsert bereits ein Konzert der Reihe "Freitag 18" auf dem Dreiecksplatz. Von Mieteinnahmen kann jedoch sobald nicht die Rede sein. "Das wird noch dauern", sagte Gerichtssprecherin Imke Decker auf die Frage, wann mit einer Entscheidung in Minden über die Klage zu rechnen sei. Voraussichtlich nicht mehr in diesem Jahr. Vor einer mündlichen Verhandlung sei üblicherweise ein nichtöffentlicher Ortstermin vorgesehen. Der sei aber noch nicht anberaumt, so die Sprecherin.

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