Mit den letzen Klassenbüchern: Uwe Heidemann (63) hat die Hauptschule Nord in den vergangenen Jahren geprägt. - © Ludger Osterkamp
Mit den letzen Klassenbüchern: Uwe Heidemann (63) hat die Hauptschule Nord in den vergangenen Jahren geprägt. | © Ludger Osterkamp

Gütersloh Hauptschule Nord schließt nach 50 Jahren für immer ihre Pforten

Ende einer Vorzeige-Schule

Ludger Osterkamp

Gütersloh. Nein, gefeiert wird nicht. Wenn die Hauptschule Nord heute ihren Abschlussjahrgang verabschiedet, 65 Schülern ihre Zeugnisse aushändigt, dann war's das. Keine Festrede, keine finale Würdigung wird zu hören sein. Die Schule, mit 50 Jahren älteste der einst drei Gütersloher Hauptschulen, stellt ihren Betrieb still und leise ein. Dabei hätte sie mehr als einen Tusch verdient. Jede Menge Preise hat sie erhalten, ihr pädagogisches Konzept fand landesweit Beachtung, die Wochenzeitung Die Zeit widmete ihr vor einigen Jahren ein ganzseitiges Dossier. Schulleiter Uwe Heidemann wurde zu Kolloquien geladen, die Reinhard-Mohn-Stiftung nahm die außergewöhnlichen Lehrmethoden zum Anlass, fünf Jahre lang ein Pilotprojekt anzudocken. "Ja, wir waren wohl etwas Besonderes", sagt Heidemann. "Schade, dass das nun vorbei ist." Der 63-Jährige wechselt, wie die letzten verbliebenen 44 Schüler, zur Hauptschule Ost. Diese Schule leitet er seit Oktober 2016 ohnehin schon mit. Eingefahrene Lehrmethoden über Bord geworfen Was war das Besondere an der Hauptschule Nord? Ihr Unterricht und ihr Integrationskonzept. Landesweit findet sich kaum eine zweite Schule, die derart mutig eingefahrene Lehrmethoden über Bord warf und Neues wagte. "Hier haben die Lehrer ihren Beruf neu erfunden", schrieb Die Zeit. "Im Grunde war der Ansatz einfach", sagt Heidemann. "So wie sich die Welt der Schüler veränderte, haben wir Lehrer unsere Methoden angepasst - und damit unser Berufsverständnis." Das beinhaltete weit mehr als die Abkehr von der gängigen Frontalbespaßung. Als Kasper vor der Klasse zu stehen, bringe nichts, erst recht nicht bei einer extrem heterogenen Schülerschaft: Da sitzt das analphabetische Flüchtlingskind, das keinen Buchstaben kennt, neben dem Verweigerer, der eigentlich aufs Gymnasium könnte. In solchen Fällen, so Heidemann, helfe nur individualisiertes, kompetenzorientiertes Arbeiten - die Frage sei nur, wie man es umsetzt. Der radikale Wandel setzte Anfang 2000 ein, mit Auflösung der Hauptschule Süd. Ab dann hatte sich die Hauptschule Nord um die Auffangklassen mit den Migrantenkindern zu kümmern, doch die Probleme häuften sich, als wenig später immer mehr türkische, aramäische und russlanddeutsche Kinder eintrafen. Die Gruppen trugen Rangkämpfe aus. Derart heftig ging es zu, dass die Schulaufsicht nur noch männlichen Kollegen übertragen wurde. Die Schule bekam die Lage zwar in den Griff, nutzte auch die Freiheiten, die ihnen das neue Landesgesetz der "eigenverantwortlichen Schule" einräumte, doch dann verschärfte sich die Lage wieder: Binnen kürzester Zeit nahm sie 54 Jesiden auf, Kinder aus Familien, die in ihrer Heimat Irak nach dem Sturz von Saddam Hussein vogelfrei geworden waren. Da zeitgleich drei Lehrerstellen unbesetzt waren, stand Heidemann kurz vor der Kapitulation und schrieb einen Brandbrief an die Bezirksregierung. "Auf die Antwort warte ich bis heute. Da habe ich mir gedacht: Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner." Heidemann baute ein Sprachförderzentrum auf und stellte auf eine Idee um, die er "integrative Integration" nennt: "Nicht Auffangklassen und Separierung sind die Lösung, sondern durchgängige Integration in allen Bereichen." In der Soziologie kenne man den Begriff der "chronifizierten Vorläufigkeit" - wer separiert werde, stets Sonderbehandlungen erfahre, erlebe diesen Zustand als vorläufig. "Und das ist Mist", sagt Heidemann. "Die Kinder müssen in die Regelklassen, so schnell wie möglich." Bei den musischen Fächern und in Mathe funktioniere das sofort - "Zahlen sind überall gleich, und man kann auch mit Händen und Füßen prima erklären." Die größte Unterrichtsressource aber waren die Mitschüler. "Wir haben ein System etabliert, in dem sich die Schüler untereinander helfen." Dieses System eines Ko-Lehrers ging weit über die einfachen Modelle von Gruppenarbeit hinaus. Ein weiterer Baustein war eine selbstentwickelte Bildungssoftware - die Schüler erfuhren in einer digitalen Akte, welchen Bildungsstand sie in Mathe, Englisch oder Deutsch haben. Sie konnten ihn verbessern, indem sie freitags zur fünften Stunde die fehlenden Kompetenzen nacharbeiteten. Beispiel Mathe: Haperte es bei der Geometrie, den Brüchen, der Zinsrechnung? - dann schlossen sie sich einfach der entsprechenden Lerngruppe an. In ihrer digitalen Akte konnten sie ihren Bildungszuwachs verfolgen, was wiederum motivierend wirkte. Folge: Obwohl freiwillig, ließ keiner das Angebot sausen. "Und am Ende war der ganze Jahrgang eine Note besser als an Vergleichsschulen." Auch bei der Integration war man konsequent. "Wir waren in NRW die erste Schule, die durchgehend integrativ arbeitete." Heidemann war plötzlich als Referent gefragt und reiste durch die Lande - die Laki, das Landeskoordinationszentrum, stellte das Konzept auf seine Internetseite. Viele Schulen übernahmen es. Schüler aus bis zu 35 Nationen - "je bunter, desto friedlicher" Schüler aus bis zu 35 Nationen waren zuletzt an der Ahornallee, berichtet er. Der Abschlussjahrgang, den er heute im Kleinen Saal der Stadthalle verabschiedet, besteht zu 90 Prozent aus Zugewanderten. Ist eine solche Heterogenität überhaupt handhabbar? "Aber ja", sagt Heidemann. "Je bunter und vielfältiger die Schülerschaft, desto friedlicher ist sie." Nie zuvor habe er einen derart freundlichen, lernwilligen Abschlussjahrgang wie den aktuellen gehabt. "Bei einer solchen Vielfalt sind keine Vorherrschaften mehr zu klären" - eine der Erklärungen. Eine zweite: Die gegenseitige Unterstützung der Schüler über das Patensystem. Eine dritte: Die gemeinsamen, freiwilligen Ferienausflüge, auf die kaum ein Schüler verzichten mag. Eine vierte: Die Ungewissheit mancher Schüler, ob sie abgeschoben werden und die sich daher besonders anstrengen. Eine fünfte: Die Unterfütterung des Schulbetriebes durch Sozialpädagogen, Berufseinstiegsbegleiter, Sprach- und Personalförderer. Eine sechste: Das Gefühl, ein besonderer, der letzte Jahrgang zu sein und dieses Kapitel mit einem guten Gefühl abschließen zu wollen.

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