Mediensucht kreativ verarbeitet: Christian Groß, Michael Knothe, Ulrich Kemper, Hansjörg Thurn, Stephan Pitten und Ulrike Dickenhorst (v.l.) neben der Installation "Bildersucht und Cyberflucht", die in der Bernhard-Salzmann-Klinik zu sehen ist. - © Andreas Frücht
Mediensucht kreativ verarbeitet: Christian Groß, Michael Knothe, Ulrich Kemper, Hansjörg Thurn, Stephan Pitten und Ulrike Dickenhorst (v.l.) neben der Installation "Bildersucht und Cyberflucht", die in der Bernhard-Salzmann-Klinik zu sehen ist. | © Andreas Frücht

Gütersloh So ist Mediensucht wirklich

Ausstellung: Ein begehbarer Würfel thematisiert das Phänomen der Medienabhängigkeit. Der Wilsberg-Regisseur Hansjörg Thurn, der die Installation konzipiert hat, hat seine eigenen Erfahrungen mit Onlinesucht

Anja Hustert

Gütersloh. Schon als kleines Kind ist Martin von elektronischen Spielgeräten fasziniert. Mit neun Jahren bekommt er in sein Kinderzimmer seine erste eigene Konsole. Er spielt und spielt, fehlt in der Schule, streitet mit seiner Mutter. Er kommt ins Betreute Wohnen, sitzt dort vor seinem PC, spielt World of Warcraft und nimmt nicht am sozialen Leben teil. Nachdem er die Leiterin des Wohnprojektes tätlich angreift, wird er in die Psychiatrie eingewiesen. "Wir möchten für dieses Thema sensibilisieren" Auf dem Boden unter seinem Computertisch findet sich Schmutzwäsche, teilweise mit Fäkalien darin und eine zur Urinflasche umgebaute Zwei-Liter-Colaflasche... Aufgeschrieben und in Kurzform wirkt der Fall des heute 19-Jährigen ernüchternd. Schockierend ist er jedoch, wenn man Martin via Bildschirm und Kopfhörer selbst zuhören kann, wie er im Interview erzählt - vom Sog, der Faszination, dem Absturz. Seine Geschichte ist eine von vielen, Teil der Installation "Bildersucht und Cyberflucht", die für zwei Wochen in der Aula der Bernhard-Salzmann-Klinik zu sehen ist. "Wir möchten für dieses Thema sensibilisieren", sagt Ulrike Dickenhorst, Therapeutische Leiterin des LWL-Klinikums. "Seit 2010 behandeln wir hier auch medienabhängige Patienten", sagt sie. "Wir sind eine der wenigen Kliniken in ganz Deutschland", ergänzt Chefarzt Ulrich Kemper. Die Zahl der Medienabhängigen steige rasant, "und wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen", sagt der Mediziner mit Blick auf die Gesellschaft. Dieses zu erarbeiten sei eine große Herausforderung. 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung sind laut einer Untersuchung mediensüchtig, bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind es sogar drei bis vier Prozent, sagt Christian Groß vom Vorstand des Fachverbandes Medienabhängigkeit. Gemeinsam mit Medienschaffenden und unterstützt von der Auerbach-Stiftung hat der Fachverband die Ausstellung, die sich hauptsächlich an Jugendliche wendet, konzipiert. Kurator der Ausstellung ist der Drehbuchautor und Regisseur Hansjörg Thurn - er führte unter anderem bei der bekannten Krimiserie "Wilsberg" Regie. "Mein Beruf ist es, Menschen süchtig zu machen", sagt er. Er hat eine Erlebnisinstallation, ein Kunstobjekt und ein Suchtpräventionsprojekt gleichermaßen geschaffen. "Wenn wir zu didaktisch vorgehen, werden wir niemanden kriegen", sagt er. Und versucht es mit "Augenzauber", wie er es nennt. Das Magische, Verführerische der schönen neuen Onlinewelt wird transportiert - Bildschirme mit Bildern, aber auch erzählte Schicksale. Wie das von Petra (40), die über Onlinespiele sich und ihre Familie vergaß. Ihre 13-jährige Tochter habe sie schließlich einweisen lassen, erzählt sie unter Tränen. Es folgten Onlinespiele, nächtelanges Zocken mit virtuellen Freunden Immer wieder Störgeräusche. Die Isolation, in die sich die jungen Menschen in ihrer Cyberwelt begeben, wird im Innern des Kunstobjektes verdeutlicht. Durch ein Netz aus Fäden geht es in ein schwarzes Nichts, eine Hand, wie von einem Ertrinkenden kommt aus einem Screen, rings herum nur ein Meer von grauem Griesel. Hansjörg Thurn weiß, worum es geht. "Als Medienschaffender wollte ich meinen Söhnen - Zwillingen - die schöne neue Medienwelt nahe bringen und habe ihnen, als sie etwa 14 Jahre alt waren, Lara Croft gekauft", erzählt er. "Am Anfang sei es schön, wenn die Kinder flink mit dem Computer sind", sagt der Vater. Es folgten Onlinespiele, nächtelanges Zocken mit virtuellen Freunden. "Meine Jungs sind jetzt Mitte 20 und weit davon entfernt, den Weg ins Leben zu finden", bilanziert er. Partnerschaft, Berufseinstieg, emotionale Lösung vom Elternhaus - diese entwicklungspsychologischen Meilensteine rücken in der virtuellen Welt in weite Ferne. "Die Medienabhängigkeit bringt einen nicht um. Aber sie macht in hohem Maße einsam", sagt Psychologe Stephan Pitten vom Fachverband Medienabhängigkeit. Die Ausstellung "Bildersucht & Cyberflucht" will die digitale Welt nicht verteufeln, sie möchte jedoch auch die Seitengasse der modernen Medienwelt zeigen. Der Grat zwischen kontrolliertem und suchtartigem Gebrauch ist schmal, die Symptome der Mediensucht vielfältig und nur wenig bekannt. Und wie sieht die Prävention aus? Ulrich Kemper: "Was schützend wirkt, sind Alternativen." Also: Nach dem Zocken in der virtuellen Welt raus zum Fußballspielen mit Eltern oder Freunden. Die Ausstellung ist bis zum 1. Juli in Gütersloh zu sehen. Besuchstermine können unter Tel. (0 52 41)5 02 25 60 mit Ulrike Dickenhorst vereinbart werden.

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