Herzebrocker Straße: In unmittelbarer Nachbarschaft zum Kreishaus haben osteuropäische Werkvertragsarbeiter ein Wohnquartier auf drei Etagen bezogen. Im Dachgeschoss wohnen Mütter mit Kindern. Fotografieren lassen mochte sich kein Bewohner. - © Salzmann
Herzebrocker Straße: In unmittelbarer Nachbarschaft zum Kreishaus haben osteuropäische Werkvertragsarbeiter ein Wohnquartier auf drei Etagen bezogen. Im Dachgeschoss wohnen Mütter mit Kindern. Fotografieren lassen mochte sich kein Bewohner. | © Salzmann

Gütersloh 5.000 Osteuropäer wohnen in Gütersloh unter widrigen Verhältnissen

Die NW war zu Besuch in Wohnquartieren, in denen Menschen, Schädlinge und Denunzianten unter einem Dach hausen

Gütersloh. Vorsicht ist angebracht, denn der Zorn folgt auf dem Fuße. Wie schnell die Subunternehmen auf den Besuch des Fremden reagieren, ist beachtlich. Mit einem Mobiltelefon läuft ein rumänischer Bewohner des Hauses die Treppe hinauf und fordert Szabolcs Sepsi auf, mit dem Fremden am anderen Ende der Leitung zu telefonieren. Sepsi nimmt das Handy ans Ohr, wird beschimpft und mit deutlichen Worten aufgefordert, das Haus umgehend zu verlassen. Drohungen folgen. Sepsi bleibt ruhig, erklärt freundlich, dass er Mitarbeiter von "Faire Mobilität" ist, einer Beratungsstelle für Beschäftigte aus Mittel- und Osteuropa und dass er im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Infomaterial an die Hausbewohner verteilt. Der Titel: "Arbeiten im Schlachthof. Ihre Rechte in der Fleischindustrie in Deutschland". System der Überwachung funktioniert Vor wenigen Minuten hat er bei dem Besitzer des Telefons geklingelt und ihm einen Flyer in die Hand gedrückt. Der hat sich bedankt - und postwendend bei seinem Chef Meldung gemacht. Das System der Überwachung funktioniert. Einschüchterung gehört zum Programm. "Er wird ein Vorarbeiter sein", mutmaßt Sepsi, dem solches Verhalten nicht fremd ist. Friedrich-Ebert-Straße, Fröbelstraße, Herzebrocker Straße, Leipziger Straße. Quer durch Gütersloh geht die Reise zu Quartieren osteuropäischer Werkvertragsarbeiter. "Wenn uns der Zutritt zu den Schlachtbetrieben verboten wird, um unsere Infozettel zu verteilen, dann fahren wir direkt zu den Menschen in ihre Unterkünfte", erklärt Sepsi. Ungarisch ist seine Muttersprache. Er spricht fließend Rumänisch, Englisch, Deutsch. Mit dabei ist DGB-Mitarbeiter Andreas Riedel. Aufgrund seiner Sprachkenntnisse ist er Ansprechpartner für polnische Werkvertragsarbeiter. "Viele Rumänen sprechen gut Polnisch", weiß Riedel. Der Grund: Polen und Rumänen sind häufig in einem Quartiert untergebracht in Gütersloh. Die Situation ist wenig zielführend, denn Deutschkenntnisse sind de facto bei niemandem vorhanden. Für Sprachkurse ist kein Platz in diesem Leben, das von unkalkulierbaren Schichtdienstplänen bestimmt wird. 10 Menschen auf 70 Quadratmetern "Schauen Sie", sagt eine rumänische Frau und führt durch die Wohnung. Die zwei Türen links sind verschlossen, weil die männlichen Mitbewohner schlafen. Am Ende des kleinen Flures ist "ihr" Zimmer, das sie sich mit einer Kollegin teilt. Zwei Betten, ein Schrank auf geschätzten zehn Quadratmetern. Zu zweit ist das Zimmer voll. Die Wohnung an der Friedrich-Ebert Straße misst vielleicht 70 Quadratmeter - bewohnt mit zehn Personen. Fotografieren ausgeschlossen, Nachfragen zu Namen, Herkunft verbieten sich. Das Gespräch ist fragil, scheue Blicke, freundliche Geste und ein paar Sätze, die sie eigentlich schon nicht hätte sagen dürfen. In der Nacht um halb zwei wurde sie vom Shuttle-Dienst abgeholt und zu Tönnies nach Rheda gebracht. Die Nachtschicht beginnt um 3 Uhr. Vor fünf Minuten ist sie nach Hause gekommen. 15.30 Uhr. Zwölf Stunden Arbeit sind nach deutschem Arbeitsrecht nicht erlaubt. Und dennoch an der Tagesordnung. "Jeden Tag. Jeden Tag zwölf Stunden. Sieben Tage die Woche", betont ein junger Rumäne ein Stockwerk höher. Vor vier Wochen habe er zuletzt einen einzigen freien Tag gehabt. Mit acht Männern wohnt er zusammen, und er hat Angst. Ein Mitbewohner prügelt. Es kommt zu schweren körperlichen Auseinandersetzungen. Hitzige Atmosphäre Der letzte Streit drehte sich um die Toilettennutzung. Banalitäten, die keine mehr sind, wenn zu viele Personen Anspruch auf einen einzigen Ort reklamieren. Alkohol, enge räumliche Wohnverhältnisse und chronische Erschöpfung sorgen für eine hitzige Atmosphäre in den Wohnquartieren. "60 Wochenarbeitsstunden sind keine Seltenheit", sagt Szabolcs Sepsi, "40 werden bezahlt." Der Rest verliert sich in Umkleide- und Hygieneräumen, in falschen Abrechnungen und einer nicht kontrollierbaren Maschinerie rund um die Werkverträge. Das Licht ist defekt. Im Wohnblock an der Leipziger Straße gibt es im Flur auf der ersten Etage kein Licht. Nicht einmal mehr eine Leuchtstoffröhre. Auch das Flurlicht auf der zweiten Etage ist defekt. Der Aufzug sowieso. An der Tür kleben Plastikfolien mit Namen. In Wohnung Nummer 4 sind es sieben Personen. Nebenan öffnet eine junge rumänische Frau und verrät: hier wohnen zehn. Die Fluktuation ist hoch Die Größe der Wohnung liegt bei 60 bis 70 Quadratmeter. Die Fluktuation der Bewohner ist hoch. "Wenn wir nach drei Monaten wiederkommen, sind bisweilen alle Mieter ausgetauscht", erklärt Sepsi. Besonders auffällig ist ein Quartier in Herzebrock-Clarholz. Es gilt als eine Art Aufnahmelager, eine erste Anlaufstelle für osteuropäische Werkvertragsarbeiter im Kreis Gütersloh. "Schlachthof und Deutschland", das sind die beiden Begriffe, mit denen vorzugsweise die rumänischen und bulgarischen Männer und Frauen hergelockt werden. Was sich konkret dahinter verbirgt, dürfte den wenigsten bekannt sein. Auch geografisch. "Ob sie in Gütersloh oder Sachsen eingesetzt werden, wissen die Neuankömmlinge nicht", sagt Sepsi. Und es ist ihnen vielleicht auch egal. Sie kommen, um zu arbeiten. Der rumänische Mindestlohn ist jüngst auf 400 Euro pro Monat heraufgesetzt worden. "Viele Rumänen schaffen es in ihrem Land nie über den Mindestlohn hinaus", weiß Sepsi. Eine Bildungsfrage. In den Schlachtbetrieben hier wird deutscher Mindestlohn gezahlt. Fast alles wird der Familie geschickt Nach Abzug der Miete bleiben im Durchschnitt 900 bis 1.000 Euro pro Person und Monat. Fast alles wird der Familie geschickt. "Denen geht es in Rumänien vergleichsweise gut", erklärt Sepsi, "aber zu dem Preis, dass ein Familienmitglied fehlt. Viele Väter kommen nur noch einmal im Jahr für drei Wochen nach Hause." Wer Nachwuchs hat, profitiert finanziell. Kindergeld wird nach deutscher Gesetzgebung ausgezahlt. Das Haus an der Herzebrocker Straße wirkt in seiner Substanz fast herrschaftlich. Es hatte schon bessere Zeiten. Auf dem Fensterbrett in der Küche stehen Aschenbecher aufgereiht, dazwischen eine Bratpfanne. Drei Kühlschränke nebeneinander, ein weiterer auf dem Flur. Zwei Männer winken hinein und bieten Cola an. Die Zeit ist knapp. Sie müssen sich anziehen. Die nächste Schicht steht an. "Wir arbeiten alle bei Tönnies", sagt ein junger Mann und wirkt trotz aller Scheu froh, dass ein Besucher sich mal interessiert. Sepsi hört geduldig zu. Derjenige, der an der Gesamtsituation maßgeblich mitverdient, ist selber rumänischer Staatsbürger und einst Regionalvorsitzender einer Partei, die aus dem sozialistischen Umfeld hervorging. Ironie der Geschichte. Dumitru Dan Miculescu ist unter anderem Miteigentümer der MGM Handels- und Vermittlungs GmbH - der größte Subunternehmer der Firma Tönnies. Derweil gehören weitere Firmenkonstrukte dazu wie etwa MGI - Managementgesellschaft für Immobilienentwicklung. Miete vom Lohn einbehalten Über Firmen wie MGI werden Häuser angemietet und als Quartiere für osteuropäische Werkvertragsarbeiter genutzt. Die Miete wird vom Lohn direkt einbehalten. "Wir hatten auch schon Fälle, in denen jeder Mieter 50 Euro GEZ-Gebühren entrichten musste", berichtet Andreas Riedel. Ein gutes Geschäft bei zehn Personen pro Wohnung. "Ich schätze, dass für manche Firmen die Wohnungsvermittlung inzwischen fast lukrativer ist als die Vermittlung von Arbeitskräften", so Sepsi. Nein, es ist nicht nur die Firma Tönnies, die osteuropäische Werkvertragsarbeiter beschäftigt. Fleischverarbeitende Betriebe wie Westphal (Herzebrock), Daut (Rheda-Wiedenbrück, Kleinemas (Verl), Stockmeyer (Versmold) machen es auch. Die Logistikbranche sowieso und auch Industriereinigung Besselmann. Inhaber Josef Besselmann - einst Vorarbeiter bei Stockmeyer - erhielt den Auftrag zur Gründung einer Reinigungsfirma von seinem eigenen Chef. Den dürfte er inzwischen wirtschaftlich überrundet haben. Besselmann Services reinigt unter anderem im Auftrag von Tönnies. Die Werkvertragsarbeiter sind austauschbar. Küchenschabe krabbelt vor den Füßen Mit einem Fingerzeig deutet Riedel auf den Boden. Eine Küchenschabe krabbelt ihm vor den Füßen her. Am Tisch sitzen vier rumänische Männer beim Abendessen und heißen ihre Besucher in der Fröbelstraße willkommen. Ein weiterer Mitbewohner kommt vom Einkaufen mit Plastiktüte zurück und geht in sein Zimmer. Zwei Doppelstockbetten auf rund zehn Quadratmetern. "Außer für Lebensmittel wird kein Geld ausgegeben", weiß Sepsi. Die Männer gehen einkaufen, bleiben ansonsten in ihren Unterkünften. Arbeiten, schlafen, essen. "Mehr Zeit ist gar nicht vorhanden", so Sepsi. Und wo sollten sie auch hin, in einer Stadt, die sie nicht kennen, in einem Land, dessen Sprache sie nicht beherrschen. "Einige gehen zurück", die meisten bleiben. Aber das System ist auf Verschleiß ausgelegt, "wer die Arbeit körperlich oder mental nicht mehr schafft, wird von den Subunternehmen kurzerhand gekündigt. Und das sind nicht wenige", weiß Szabolcs Sepsi. Und dann? "Unqualifiziert, ohne Sprachkenntnisse, gesundheitlich oft ruiniert - da kann man sich vorstellen, welche Perspektive diesen Menschen bleibt", sagt Sepsi und schiebt nach: "Die Zeche zahlt das deutsche Sozialsystem." Die Infoflyer in rumänischer Sprache sind verteilt. Es liegen noch ein paar polnische und bulgarische in Sepsis Plastikkorb. Mal sehen, wer sich in den nächsten Tagen meldet. Es werden ihn Leute anrufen, weil sie mit ihm sprechen wollen. So oder so.

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