Zeigten sich gut vorbereitet: Maria Vornholt (v.l.), Henner Schröder, Anwalt Dr. Matthias Rose, Otto Clüsener und andere Mitstreiter der Isselhorster Bürgerinitiative trugen etliche Einwände vor und bewiesen einen langen Atem. Die Erörterung im A 2-Forum endete erst nach elf Stunden um 20.30 Uhr. - © Andreas Frücht
Zeigten sich gut vorbereitet: Maria Vornholt (v.l.), Henner Schröder, Anwalt Dr. Matthias Rose, Otto Clüsener und andere Mitstreiter der Isselhorster Bürgerinitiative trugen etliche Einwände vor und bewiesen einen langen Atem. Die Erörterung im A 2-Forum endete erst nach elf Stunden um 20.30 Uhr. | © Andreas Frücht

Gütersloh Neubau Stromtrasse: Amprion steckt viel Kritik ein

Stromtrasse: Bei dem Erörterungstermin im Planfeststellungsverfahren zeigte sich der Leitungsbetreiber dennoch weitgehend ungerührt. Bis zu einer Entscheidung wird es noch lange dauern

Gütersloh. Über den Neubau der Höchstpannungsleitung durch Gütersloh wird frühestens in der zweiten Hälfte 2018 entschieden. Das hat gestern Frank Auf dem Hövel, Dezernatsleiter bei der Bezirksregierung, erklärt. Die Zeit werde gebraucht, um alle Argumente und Einwände zu dem Vorhaben der Firma Amprion sorgfältig zu prüfen. Die öffentliche Erörterung gestern im A2-Forum in Rheda lief zwar geordnet ab, eine Annäherung zwischen Amprion und den Gegnern einer Freileitung brachte sie indes nicht. Die Gegner aus Blankenhagen und Isselhorst, den beiden betroffenen Gütersloher Ortsteilen, machten erneut deutlich, dass sie durch eine oberirdische Leitung massive Nachteile und eine Gesundheitsgefährdung befürchten. "Wir beharren auf Erdkabel", sagte Maria Vornholt, Sprecherin der Bürgerinitative Isselhorst (BISS). Auch der von Amprion geplante Trassenschwenk bringe nichts. Er verschiebe nur die Belastung von einer Siedlung in die andere und drohe, einen Keil zwischen die Bürgerschaft zu treiben. Das lasse man nicht zu. Der Anwalt von BISS, Dr. Matthias Rose, äußerte "erhebliche rechtliche Bedenken". Er bezog sich darauf, dass bei der seit 2011 geplanten 380-kV-Leitung noch nach altem Planungsrecht entschieden werden soll und nicht nach der neuen, seit 2016 geltenden Gesetzeslage. Der Staat komme damit nicht seiner Schutzpflicht für die Gesundheit der Bürger nach. Sollte dennoch ein Planfeststellungsbeschluss ergehen, werde er von den Gegnern voraussichtlich beklagt. Ein solches Verfahren landete vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, das mindestens ein Jahr brauche, um darüber zu entscheiden. Nach der gestrigen Erörterung scheint es gut möglich, dass es darauf hinausläuft. Die Amprion-Vertreter erklärten, sie halten für den 20 Kilometer langen Abschnitt von Gütersloh (Umspannwerk Blankenhagen an der Brockhäger Straße) bis Halle-Hesseln an der oberirdischen Leitung fest. Für die sieben Kilometer von Hesseln bis zur Landesgrenze Niedersachsen prüfen sie dagegen die Option Erdkabel. Von den 778 Einwendungen, die gegen die Gesamtstrecke erhoben worden waren, bleiben laut Auf dem Hövel somit nur noch 57 übrig. Die anderen wurden, da Amprion für den Nordabschnitt den (Freileitungs-) Antrag zurückgezogen hat, gegenstandslos. Der Leiter der Genehmigungsabteilung bei Amprion, Jörg Finke-Staubach, führte zeitliche, betriebliche, bautechnische, juristische und technische Gründe für die Freileitungsentscheidung im Südabschnitt an. Ein Erdkabel würde zu einer Verzögerung von drei bis vier Jahren führen, auch auf den nördlichen Folgeabschnitten. Wichtiger aber sei die Versorgungssicherheit: Da es nicht viel Erfahrung mit Erdkabeln gebe, müsse das Umspannwerk Hesseln, " Hauptschlagader für die Energieversorgung", zumindest von der Gütersloher Seite her an ein (sicheres) Freikabel angebunden sein. Dazu sehe sich sein vom Gesetzgeber beauftragtes Unternehmen verpflichtet. Bei den 51 Masten, mit 70 Metern im Schnitt doppelt so hoch wie die jetzigen auf der220 kV-Trasse, werde mit einem "schmalen, kompakten Typ" geplant. Dass die Gütersloher Baudezernentin Nina Herrling und der stv. Haller Bürgermeister Jürgen Keil das Vorgehen zuvor im Namen ihrer Städte kritisiert hatten und den Konzern aufforderten, die Erdkabel-Variante zu wählen, ließ Amprion-Anwalt Peter Köchling relativ kalt. "Wir nehmen die Stellungnahmen zur Kenntnis", sagte er, "wir wissen, dass wir nicht alle werden überzeugen können. Trotzdem bleibt es bei der Entscheidung." Herrling hatte etwa auf die Ungleichbehandlung der beiden Abschnitte und den Eingriff ins Landschaftsbild hingewiesen; Keil hatte rechtsstaatliche Bedenken vorgetragen und mit Verweis auf die Gesetzesänderung einen Vergleich zum Sport gezogen: "Wenn man mitten im Spiel die Regeln ändert, muss man es von vorne beginnen." Dass ein Erdkabel noch technisch unsicher sei, ließen die Kritiker nicht gelten. Es gebe inzwischen mehrere Pilottrassen; selbst eine Elb-Unterquerung werde unterirdisch geplant. Auch in Raesfeld (Münsterland) und in Stade (Altes Land) seien die Erfahrungen ermutigend. "Der technische Fortschritt ist da", sagte der Isselhorster Otto Clüsener, aber Amprion plane "eine Leitung für die nächsten 75 bis 100 Jahre mit der Technik von vorgestern." Clüsener, mit Wohnhaus und Brennerei nahe neben einem Mast einer der Hauptbetroffenen der geplanten Trassenführung, stellte auch in anderer Hinsicht das Vorgehen in Frage. Der Konzern schwenke die Leitung zwischen Reithallenweg und Haller Straße auf eine bereits in den 1960er Jahren festgestellte Trasse. Damals habe es nur eine Streusiedlung gegeben und kein Wohngebiet Titanweg/Hollerfeldweg, das sei erst viel später entstanden. Diesen Schwenk nun "Optimierung" zu nennen, finde er zynisch und perfide. Friedrich-Wilhelm Singenstroth, wohnhaft an der Haller Straße, sagte, die neue Trasse rücke bis auf elf Meter an sein Wohnhaus heran. "Mein Garten wird komplett überspannt." Natürlich könne er nun auf eine Rücknahme des Trassenschwenks drängen, aber dann seien andere Bürger betroffen, und er wolle nicht, dass es zu einem Bruch in der Dorfgemeinschaft komme. "Die einzige Antwort kann daher nur Erdkabel lauten." Für die Blankenhagener Betroffenen hatten Vertreter des Bürgervereins das Wort erhoben. "Es ist erschreckend, wie dicht die Leitung an die Wohnbebauung heranführt", sagte Karl-Heinz Jaschinski. "Dort wohnen über 1.000 Leute, die betroffen sind." Wegen des Mietwohnungsbaus wüssten zwar etliche nicht davon, gleichwohl seien sie ebenso schutzbedürftig. Auch bei den beiden Kindergärten - das Internationale Kinderzentrum und der katholische Kindergarten Heilige Familie - herrsche "große Unruhe". Dr. Matthias Gubba, Leiter des Kreisgesundheitsamtes, appellierte an den Konzern "aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes" um eine Neu-Erwägung des Erdkabels. "Ich sehe die Vorsorge nicht gewahrt, zumal in den Bereichen, die nah an Wohnbebauung und Kindergärten heranrücken."

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