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Warten vor den Werkstoren: Damit die rund 5.000 Werkvertragsarbeiter im Kreisgebiet Gütersloh an ihre Arbeitsstelle kommen, sind zahlreiche private Transporter und Busse unterwegs. - © Andreas Frücht
Warten vor den Werkstoren: Damit die rund 5.000 Werkvertragsarbeiter im Kreisgebiet Gütersloh an ihre Arbeitsstelle kommen, sind zahlreiche private Transporter und Busse unterwegs. | © Andreas Frücht

Gütersloh So problematisch ist die Situation von ausländischen Werkvertragsarbeitern in Gütersloh

Experten berichten im Sozialausschuss: Probleme sind weit größer als bislang von den Politikern vermutet

Jeanette Salzmann
22.11.2017 | Stand 22.11.2017, 13:56 Uhr

Gütersloh. Weder sollte es eine Podiumsdiskussion werden, noch war an eine Konfrontation gedacht. Der Ausschuss für Soziales, Familien und Senioren führte Gutes im Schilde und wollte sich aus erster Hand informieren und diskutieren über die Situation von ausländischen Werkvertragsarbeitnehmern, die in Gütersloh leben. "Die Firma Tönnies hat ihre Teilnahme an der Veranstaltung heute Mittag aber abgesagt", verkündete Ausschussvorsitzender Volker Richter. Der Verlauf der Sitzung sei zuvor mit allen geladenen Gästen abgestimmt gewesen, deshalb bedaure er die Absage sehr. Tönnies ließ durch Unternehmenssprecher Dr. André Vielstädte ausrichten, das zu einer Beleuchtung der Situation die zehn größten Werkvertragsfirmen der Region hinzugezogen werden müssten. "Wir sind uns bewusst, dass Tönnies in der Tat nicht das einzige Unternehmen ist, das Werkvertragsarbeiter beschäftigt", erklärte Richter. Dennoch gebe es Firmen, deren Unternehmenspraxis Auswirkungen auf kommunales Handeln habe und somit zu einem Thema für die politischen Gremien würde. Betroffenheit war spürbar Kurzum: Schade, aber nicht zu ändern. Die anderen geladenen Gäste waren der Einladung gefolgt und bereit, den Ausschussmitgliedern über ihre Erfahrungen mit dem Thema und Einblicke in die Situation in Gütersloh zu berichten: Gudrun Bauer (Ombudsfrau für Integration aus Rheda-Wiedenbrück), Volker Brüggenjürgen (Vorstand Caritas), Szabolcs Sepsi (DGB-Projekt "Faire Mobilität - Arbeitnehmerfreizügigkeit sozial, gerecht und aktiv"). Zwei Stunden lang hörten die Lokalpolitiker den Berichten der drei erfahrenen Akteure aufmerksam zu, ließen sich Zahlen präsentieren, konnten Fragen stellen. Die Betroffenheit durch das Gehörte war spürbar. "Die Situation ist uns aus dem Blick geraten", gestand Frank Kahle-Klusmeier (SPD) anschließend und Norbert Morkes (BfGT) ergänzte: "Wir fokussieren uns seit zwei Jahren auf Flüchtlinge. Dass wir auch andere ausländische Mitbürger haben, die unsere Hilfe benötigen, gerät dabei in Vergessenheit." "Die Politik kann jede Menge tun, denn die Situation der Werkvertragsarbeiter ist ein kommunales Problem", beteuerten die drei Gastredner und erläuterten ihre Erfahrungen im Detail: Szabolcs Sepsi ist tätig in einer arbeitsrechtlichen Erstberatungsstelle für Menschen aus Osteuropa. Seit 2013 berät er im Kreis Gütersloh, seit März 2016 auch in einer Außenstelle in Rheda. "Die Firma Tönnies ist ein Schwerpunkt unserer Arbeit." In der Tönnies-Produktion arbeiteten 4.000 Menschen, 500 davon fest angestellt, 3.500 über externe Dienstleister. "Es ist nicht gerade üblich, dass arbeitsrechtliche Fragen im Rat einer Stadt diskutiert werden. Aber die Fleischindustrie macht eine Ausnahme durch die extremen Auswüchse." Die Situation der Beschäftigten sei nach wie vor prekär. Viele der Betreuten klagten über ausstehenden Lohn, über Arbeitszeiten von 50 Stunden in der Woche und mehr, über falsche Lohnabrechnungen, Unterschreitung des Mindestlohns und fehlende Lohnfortzahlungen bei Urlaub oder Krankheit. "Der größte Subunternehmer von Tönnies hat eine Methode entwickelt, bei Krankheit eine Zusatzmiete von 10 Euro pro Tag von den Arbeitern zu kassieren." Kaum jemand spreche Deutsch, Verträge würden unterzeichnet ohne Kenntnis des Inhalts. "Die Fluktuation ist enorm. Es werden permanent neue Leute geholt." Zwar sei die Betriebssprache bei Tönnies deutsch, aber viele Landsleute arbeiteten in Schichtdiensten, wohnten zusammen und blieben somit in ihrer Muttersprache. "Das erschwert die Integration." Unregelmäßige Dienstzeiten erschwerten überdies die Möglichkeit, einen Sprachkurs zu besuchen. "Das System der Werkverträge nimmt den Verschleiß des Körpers billigend in Kauf." Die großen Firmen gäben ihre Verträge ab und damit auch die Verantwortung für die Menschen. "Es ist längst ein Gütersloher Problem geworden" Volker Brüggenjürgen ist seit drei Jahren zuständig für die Beratungsstelle osteuropäischer Arbeitnehmer in Herzebrock-Clarholz. "5.000 Menschen im Kreis Gütersloh arbeiten mit Werkvertrag. Überwiegend in der Fleischindustrie." "Wir haben insgesamt 3.000 Beratungen durchgeführt. Davon 1.800 polnische und 1.150 rumänische." Von 286 Familien mit 1.000 Personen hätten 88 Prozent einen Werkvertrag gehabt (Stand Juni 2017). "Was mich selbst etwas überrascht hat ist, dass von 1.800 polnischen Beratungen, 1.022 aus Gütersloh kamen", somit sei klar: "Es ist längst ein Gütersloher Problem geworden." Ganz konkrete Erfahrung aus der Beratungsstelle aus der jüngsten Zeit: "16 von 28 neuen Familien aus den letzten zwei Monaten kommen aus Gütersloh." Die psychosozialen Bedingungen seien extrem. "Die beengten Wohnverhältnisse, die Arbeitsbedingungen, die Unkenntnis der Sprache ziehen oft eine Spur von Alkohol, Sucht und Gewalt hinter sich her." Viele seien traumatisiert. Kämen Ehetrennungen hinzu, führe das zu gravierenden Folgen. "Die Menschen kommen aus so armen Verhältnissen, dass sie nicht zurückkehren werden. Dieser Illusion brauchen wir uns nicht hingeben." Wenn der Online-Versandhändler Amazon in Rheda ein neues Zentrum baue, würden gewiss viele Tönniesarbeiter wegen besserer Bedingungen dorthin wechseln. Die Lücke bei Tönnies müsse aber gefüllt werden. Die Fleischindustrie sei eine Einstiegsbranche. "Das Ganze wirkt wie ein Staubsauger. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass das Miteinander in Gütersloh in Zukunft maßgeblich durch diese Zuwanderung beeinträchtigt wird." "Es war absolut menschenverachtend" Gudrun Bauer ist Vorsitzende des Ausschusses für Soziales, Migration und Sport der Stadt Rheda-Wiedenbrück. Sie kümmert sich ehrenamtlich um eine Verbesserung der Wohnraumsituation. "Wir haben einen Standard definiert. 6 Quadratmeter Schlafraum und 10 Quadratmeter Wohnraum pro Person", nicht viel, aber besser als vor einigen Jahren, als sie mit ihrer Arbeit begonnen hätten. "Meine zweite Wohnungsbesichtigung hat in Gütersloh stattgefunden und ich habe dort die erste lebende Kakerlake gesehen." Dazu Betten ohne Matratzen, kein Bettzeug, ein Waschbecken für elf Personen. "Es war absolut menschenverachtend." Die Situation habe sich inzwischen aber deutlich gebessert. "Uns rufen Menschen an und berichten, dass am Postkasten ihres Nachbarhauses 43 Namensschilder hängen." Die Werksarbeiter seien in aller Regel in Gruppenunterkünften untergebracht. Die Wohnraumkontrolle prüfe unter anderem Rauchmelder, Rettungswege und andere Sicherheitsvorkehrungen. "Viele Wohnungsbesitzer haben einen Markt entdeckt und kassieren ab." Ein undurchdringliches Dickicht. Die Werkvertragsunterkünfte seien inzwischen sogar besser kontrollierbar als freie Wohnungen. Der Markt sei brutal. "Für jedes Fahrrad, das untergestellt wird, muss extra bezahlt werden. "Ein weiteres Problem sind die so genannten Agenten", Menschen, die mit unlauteren Absichten den Werkvertragsarbeitern ihre Dienste anböten. So wird das Ausfüllen eines Kindergeldantrags nicht selten mit 300 Euro in Rechnung gestellt. Die Anmeldung bei der Schule mit 100 Euro. "Diese Agenten zocken ihre eigenen Landsleute ab."

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