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Beste Bedingungen: Die Teilnehmer des Parkour-Camps an der Janusz-Korczak-Schule vollführten wagemutige Sprünge. Die Veranstaltung hat inzwischen Kultstatus erreicht. Den Organisatoren liegen Anfragen aus mehreren anderen Städten vor: "Wie macht Ihr das?" - © Jens Dünhölter
Beste Bedingungen: Die Teilnehmer des Parkour-Camps an der Janusz-Korczak-Schule vollführten wagemutige Sprünge. Die Veranstaltung hat inzwischen Kultstatus erreicht. Den Organisatoren liegen Anfragen aus mehreren anderen Städten vor: "Wie macht Ihr das?" | © Jens Dünhölter

Gütersloh Parkour-Camp: 200 Traceure aus dem In- und Ausland zeigen in Gütersloh ihr Können

Alles ohne Netz und doppelten Boden. Eine Nachricht versetzt die Teilnehmer in Entzücken

Jens Dünhölter
24.07.2017 | Stand 24.07.2017, 15:52 Uhr

Gütersloh. Alt-Bürgermeisterin Maria Unger als ihr größter Fan nennt sie respekt- und liebevoll "meine Jungs und Mädels, meine Helden". Regen und Nässe mögen die jungen Wilden der Trendsportart Parkour aufgrund des höheren Risikos allerdings überhaupt nicht. Wenn die Traceure - wie die Aktiven nach einer Ableitung aus dem Ursprungsland Frankreich heißen - wie Gemsen große Distanzen zwischen zwei Hindernissen mit einem mutigen Sprung überwinden, leichtfüßig wie Affen über wenige Zentimeter dünne Stahlrohre balancieren, wie Tausendfüßler problemlos an geraden Wänden hinauf klettern, ist sicherer Halt oberste Grundvoraussetzung. Bei Nässe ist dies nicht gegeben. Weil dem trockenen Eröffnungsfreitag jeweils nur Regen in der Nacht sowie zwei traumhafte Tage mit idealen Bedingungen folgten, ließen sich die Bewegungskünstler auch beim dreitägigen "9. Gütersloher Parkour-Camp" ihren Spaß an ihren ungewöhnlichen Körperkunststücken nicht nehmen. Als es am Sonntag gegen 14 Uhr hieß "Leider schon wieder vorbei", zückten die meisten der aus ganz Deutschland, der Türkei, Bulgarien sowie sogar aus Australien angereisten Sportprotagonisten aus ihrem Reisegepäck die Traumnote 10. Viel besser geht es nicht. Keine Frage, was Organisator Claus-Peter "Pit" Mosner vom Fachbereich Jugend und Bildung der Stadt Gütersloh samt seiner gut 50-köpfige Helfercrew unter dem großen Schirm des familienartigen Gemeinschaftsgefühls und Zusammenhalts in den vergangenen Jahren aus kleinen bescheidenen Anfängen aufgebaut haben, hat in ganz Deutschland längst Kultstatus. Nicht von ungefähr stapeln sich in Mosners Büro die Nachahmer-Rückfragen aus anderen Städten. Als verbindendes Element wird jeweils das Außengelände der im Sommerferien-Schlaf befindlichen Janusz-Korczak-Schule in Kattenstroth von Freitag bis Sonntag in einen großen Kletterpark samt Abenteuerspielplatz für Parkour-Läufer verwandelt. Die in Sichtweite aufgeschlagene Zeltstadt, die gemeinsamen Mahlzeiten, der Pool auf dem Areal, abendliche Partys sowie etliche begleitende Aktionen wie Wasser- oder Obstflatrate bilden alljährlich das Tüpfelchen auf dem "i" des großen Parkour-Familienfestes. Im Gegensatz zur (fast) jeder anderen Sportart geht es bei Parkour nicht um Konkurrenz, Wettbewerb, oder den Sieg im Sinne von höher, weiter, besser. Viel mehr liegt der Fokus im schnellen, unkonventionellen Überwinden von Hindernissen. Zweites Augenmerk ist das bewusste Erkennen der Grenzen des eigenen Körpers, sowie diese mit ganz viel Körpergefühl weiter zu verschieben. Um Traktorreifen, Treppengeländer, Baugerüste, hochstehende Baustämme, aufgestapelte Holzkästen zum Teil des Spieles werden zu lassen, sind effizientes Springen, kraftvolles Zugreifen, Mut, Geschicklichkeit, Konzentration, Selbsteinschätzung, aber auch das Überwinden eigener Ängste, Zweifel, sowie eine gehörige Portion Selbstvertrauen gefragt. Pit Mosner: "Es geht darum, die Einbahnstraße im Kopf zu überwinden. Das funktioniert, indem man im Training immer andere Wege zu sucht, um Hindernisse zu überwinden." Über alledem schwebt der Leitsatz: "Im Parkour wird Selbstsicherheit als Schwäche ausgelegt". Als Credo leuchtete dabei in weißen und schwarzen Buchstaben das diesjährige Motto "Be Inspired- Be Inspirational" ("Sei inspiriert - Sei inspirierend") auf den türkisfarbenen Teilnehmer-T-Shirts. Genau so viel wie über die Sprünge, Salti, Drehungen und Hindernisse wurde hinter den Kulissen übrigens über den Austragungsort für das zehnjährige Jubiläum im kommenden Jahr gerätselt. Wie Pit Mosner unter großem Beifall verkündete, soll Dank einer 330.000-Euro-Spende des Unternehmers Werner Gehring noch in diesem Jahr mit dem Bau des in dieser Größenordnung einmaligen Parkour-Parks am LAZ Nord begonnen werden. Die Handwerker-Ausschreibungen sind bereits angelaufen. Laut der Stellvertretenden Bürgermeisterin Monika Paskarbies könnte im Herbst der Startschuss für das gut dreimonatige Bauvorhaben fallen. Pit Mosner setzte trotzdem auf den Faktor Zeit: "Wir warten ganz in Ruhe ab, was passiert. Schließlich geht es nicht nur um den Park, sondern auch um Infrastruktur und Logistik. Wir müssen 250 Menschen drei Tage und zwei Nächte unterbringen, verpflegen, sanitär versorgen. Das will gut überlegt sein". Doch egal, wo die Stadt 2018 den Abenteuerspielplatz und Kletterpark der besten Traceure aus ganz Deutschland und halb Europa auch aufbaut: die auch in diesem Jahr bei der Eröffnung anwesende Ex-Bürgermeisterin folgt ihren "Mädels und Jungs, meinen Helden" überall hin.

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