Der Gütersloher Diplompädagoge Dr. Christian Grüninger hat den Begriff Resilienz, meist als psychische Widerstandskraft verstanden, neu bedacht und gefasst. - © Rolf Birkholz
Der Gütersloher Diplompädagoge Dr. Christian Grüninger hat den Begriff Resilienz, meist als psychische Widerstandskraft verstanden, neu bedacht und gefasst. | © Rolf Birkholz

Gütersloh Gütersloher Coach und Berater legt Fachbuch zum Thema Resilienz vor

Buch: Christian Grüninger beschreibt in "Das Resilienzgespinst", was wichtig ist, um persönliche Krisen zu bewältigen. Dabei geht es dem Coach nicht um individuelle Widerstandskraft, sondern Mitmenschlichkeit

Rolf Birkholz

Gütersloh. Ein Fachbegriff, der jeden betrifft: Resilienz. Er steht für psychische Widerstandskraft. Aber was meint das genau? Dr. Christian Grüninger, selbstständiger Berater, Coach und Mediator, vertiefte sich in das Thema, suchte nach einer verlässlichen Definition. Und stellte fest: "Es gibt keine." Der Gütersloher forschte weiter und hat nun "das Buch geschrieben, das ich eigentlich kaufen wollte", wie er in "Das Resilienzgespinst" notiert. Er verfasste es nicht nur für sich, sondern für alle in Beratung und Coaching sowie allgemein im sozialen Sektor Tätigen, die über diesen Aspekt nachdenken wollen. "Wie gelingt es Menschen, sich trotz widriger Umstände und Krisensituationen unbeschadet zu entwickeln, während andere an vergleichbaren Bedingungen erkranken oder anderweitig Schaden davon tragen?", formuliert der Diplompädagoge als zentrale Frage der Resilienzforschung. Er hält nun Resilienz für ein (Hirn-) Gespinst, solange sie ausschließlich durch die Wahrnehmung des jeweiligen Beobachters ("Resilienz-Konstrukteurs") und nach dessen Wertvorstellungen bestimmt werde. Fähigkeit, die Lage dauernd zu reflektieren Dem gegenüber sieht Grüninger Resilienz als stets in Bewegung befindliches Selbsterhaltungssystem jedes Menschen, als ein im Laufe des Lebens "fein gesponnenes Gewebe aus Kommunikation." Ein Gespinst im positiven Sinne, was den Buchtitel entsprechend doppeldeutig macht. Da im Leben jedoch "immer neue Maschen gestrickt" werden, bedeute Resilienz zugleich die "Fähigkeit, die Lage dauernd zu reflektieren" sowie gelungene Kooperation mit möglichst vielen Mitmenschen. Grundsätzlich sei jedem Menschen mit Respekt zu begegnen für das bis dahin gemeisterte Leben, auf welcher Ebene auch immer, denn: "Krisen sind leider normal", sagt Grüninger in seinen Büroräumen am Kolbeplatz. Da habe jeder schon einiges geleistet. Dem 1967 geborenen Sohn des ehemaligen Geschäftsführers der Gütersloher Diakonie, Helmut Grüninger, wurde schon im Elternhaus der Blickwinkel für soziale Randlagen geweitet. Er arbeitet heute beratend für Organisationen und Unternehmen und ist zudem in der gesetzlichen Betreuung tätig. "Unsere einzige Ressource sind unsere Mitmenschen" Ein schnelles "Resilienztraining", wie oft als "Antwort auf Burnout" angeboten, um Leute wieder für den Berufsalltag fit zu machen, wird dem facettenreichen Phänomen laut Grüninger nicht unbedingt gerecht. "Die einzige Ressource, die wir haben, sind unsere Mitmenschen", rät der theoretisch interessierte Mann der Praxis zu einem kommunikativen Ansatz. Und er weist auf eine "Tree-of-Life"-Schnitzerei des Makonde-Volkes aus Tansania, wo er ein paar Jahre gelebt hat. Sie zeigt, wie alle Angehörigen eines Stammes in ihren Tätigkeiten miteinander verbunden, aufeinander angewiesen sind, sich gegenseitig Halt geben. Das Vermögen, sich dies bewusst zu machen, vorausschauend zu handeln, sich auch anzupassen, heute vielleicht zu eigenem, morgen zu anderer Nutzen, dieses aufmerksame, die Auswirkungen eigenen Handelns auf andere beachtende Dasein im Netzwerk des Lebens, scheint Christian Grüninger eher dem Resilienzbegriff gerecht zu werden denn "Widerstandskraft" als Härtegrad, der letztlich bei jedem anders bemessen ist. Dabei kommt ihm auch die allgemeine Aussage von Weltreligionen in den Sinn: "Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest." Christian Grüninger: Das Resilienzgespinst. Resilienz zwischen Mythos und Wirklichkeit. 232 Seiten. Tredition Verlag, Hamburg 2017. 14.90 Euro

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