Gütersloh Welche Jobs bedroht die Digitalisierung? Interview mit Zukunftsforscher Mark Morrison

Zukunftsforscher Mark Morrison über die Digitalisierung, Roboter-Lehrer und warum ein Blick in die Geschichte der Automatisierung den Schrecken nimmt

Mareike Patock
19.06.2017 | Stand 20.06.2017, 09:13 Uhr

Herr Morrison, manche Studien sehen jeden zweiten Job durch die Digitalisierung bedroht. Das Zukunftsinstitut, für das Sie arbeiten, beschäftigt sich ebenfalls mit dem Thema. Wie bewerten Sie solche Prognosen?Mark Morrison: Natürlich wäre es naiv zu glauben, durch die Digitalisierung würden keine Jobs wegfallen. Auch wir haben da nicht die rosarote Brille auf. Aber wir gehen nicht davon aus, dass jeder zweite Arbeitsplatz bedroht ist. Wir rechnen eher mit rund 15 Prozent der Stellen, wie einige andere Forschungsberichte prognostizieren. Wie kommen Sie zu Ihrer Einschätzung? Morrison: Wir gehen davon aus, dass die Arbeitswelt durch die Digitalisierung zwar umstrukturiert wird. Roboter werden den Menschen aber nicht komplett ersetzen – nur seine Möglichkeiten erweitern und ihn unterstützen. Maschinen und Menschen werden in eine neue Ära der Zusammenarbeit aufbrechen. Haben Sie ein Beispiel? Morrison: Ein Beispiel ist die Altenpflege. Hier könnten Roboter als Ergänzung, als robuste Assistenten eingesetzt werden – zum Heben pflegebedürftiger Menschen oder zum Sortieren von Pillen etwa. Sie werden aber nicht die zutiefst menschlichen Aufgaben der Pfleger übernehmen können. Zuhören zum Beispiel oder den alten Menschen Zuneigung schenken. Oder nehmen wir mal Ihre Branche. Computer sind zwar schon jetzt in der Lage, eigenständig Texte zu verfassen. Aber es braucht den Menschen, um Nachrichten einzuordnen und zu bewerten. Jobs, die sich auf das Zwischenmenschliche konzentrieren, sind durch die Digitalisierung also weniger bedroht? Morrison: Kreativität, Empathie, Liebe, alles „Seelenhafte" – das sind Dinge, die nicht von Robotern ersetzt werden können. Aber man kann davon ausgehen, dass körperlich schwere Tätigkeiten zunehmend von Maschinen übernommen werden. In der Schule der Zukunft wird also kein Roboter-Lehrer unsere Kinder unterrichten? Morrison: Nein, die Gefahr sehen wir nicht. Auch hier sind menschliche Fähigkeiten gefordert – die eine Maschine nicht hat. Zumindest noch nicht. Braucht man künftig noch Buchhalter oder Steuerberater? Morrison: Zwar wird ein Computer eine Steuererklärung aufstellen können. Die vorgeschaltete Kommunikation zwischen Steuerberater und Mandant wird die Maschine aber nur schwer übernehmen können. Wie steht es mit dem Handwerk? Morrison: Das Handwerk wird Zukunft haben. Gerade in dieser Branche werden Maschinen den Charakter eines Werkzeugs behalten. Roboter werden nicht autonom ins Badezimmer fahren und sich wie ein Klempner den Wasserhahn vornehmen. Das sind Hollywood-Fantasien. Allerdings werden sich auch handwerkliche Berufe weiterentwickeln, komplexer werden. Der Tischler zum Beispiel wird künftig immer mehr auch ganze Wohnkonzepte mitverkaufen und mehr Servicedienstleistungen anbieten. Einige Berufe werden verschwinden, andere werden entstehen. Welche zum Beispiel? Morrison: Vor allem solche Jobs werden entstehen, die sich auf das Zwischenmenschliche konzentrieren – soziale Berufe, bei denen zutiefst menschliche Fähigkeiten gefordert sind. Es könnte bald zum Beispiel professionelle Tröster geben, die bei einem Todesfall gerufen werden. Serviceleistungen, die über jene eines üblichen Seelsorgers hinaus gehen. Da bestimmte Arbeitsplätze wegfallen werden, wird es außerdem zu einer Umschichtung von Jobs hin zu diesen menschlichen Berufen kommen: Aus Bergleuten zum Beispiel werden Krankenpfleger, aus Hausfrauen Kosmetikberaterinnen. Zukunftsforscher sehen die Digitalisierung nicht so negativ? Morrison: Nein, wir sehen sie auch als Chance. Natürlich werden Arbeitsplätze wegfallen, da müssen wir uns nichts vormachen. Aber man muss auch die Möglichkeiten sehen, die die Digitalisierung mit sich bringt. Wir sprechen da von kritischem Zukunftsoptimismus. Denn Wandel vernichtet nicht nur Altes, er schafft immer auch Neues. Was macht Sie da so sicher? Morrison: Der historische Blick auf die gesellschaftliche Evolution. Vor 200 Jahren hat die Hälfte der Menschen auf den Feldern schwer geschuftet. Und die Frage war: Sollte man es dabei belassen, auf den Fortschritt verzichten, nur um diese Arbeitsplätze zu bewahren? Man hat nicht darauf verzichtet und es haben sich neue Möglichkeiten für die Menschen ergeben. Oder als die mechanischen Webstühle eingeführt wurden: Auch da sind viele Arbeitsplätze weggefallen. Aber neue Berufe sind entstanden – in Marketing und Kommunikation zum Beispiel. Diese Jobs hat es zuvor gar nicht gegeben. Die Automatisierung hat eigentlich immer den gegenteiligen Effekt gehabt, den man zunächst befürchtet hatte. Es sind neue Tätigkeitsfelder entstanden, neue Infrastrukturen. So wird es auch bei der Digitalisierung sein. Und wenn wir mal ehrlich sind: Viele Jobs sind in den letzten Jahren erst durch die Digitalisierung entstanden. Zum Beispiel? Morrison: Es gibt heute viele kleine Händler, die ihre Ware über Internet-Auktionshäuser anbieten. Ein Geschäftsfeld, das es so noch nicht lange gibt. Früher musste man immer erst einen Laden aufmachen, wenn man sich als Händler selbstständig machen wollte. Oder Texter und Grafik-Designer. Auch die haben es dank der Digitalisierung leichter. Früher konnten sie sich nur bei einer Agentur bewerben und hoffen, genommen zu werden. Heute sind sie durch das Internet viel besser vernetzt – und haben dadurch deutlich größere Chancen auf dem Markt. Das Gespräch führte Mareike Patock.

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