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Die kunstvolle Arbeit der Gespinstmotte - © Michael Schuh
Die kunstvolle Arbeit der Gespinstmotte | © Michael Schuh

Gütersloh Gespinstmotten verschleiern die Hecken im Stadtpark

Gespinstmotten haben eine Hecke komplett verschleiert. Der Insektenkundler 
Werner Schulze erklärt, warum das Netz für die Tiere von großer Bedeutung ist

Michael Schuh
09.06.2017 | Stand 09.06.2017, 11:39 Uhr

Gütersloh. Das Ganze mutet ein wenig wie eine Szene aus einem Horrorfilm an: Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätte eine riesige Spinne die Hecke an der Obstwiese des Stadtgartens mit ihrem gewaltigen Netz überzogen. Hinter dem Naturphänomen verbirgt sich jedoch ein deutlich kleineres Tier: die Gespinstmotte – oder besser: deren Raupe. Damit die Tiere das Raupenstadium heil überstehen, sich ungestört verpuppen und schließlich zu einem kaum mehr als zwei Zentimeter kleinen Falter heranwachsen können, hat sich die Natur etwas Schlaues für die Gespinstmotte ausgedacht: die großflächigen Schleiernetze schützen Raupe und Puppe von Yponomeuta, wie der Lateiner den Falter nennt, vor Feinden. „Wenn Christo das gemacht hätte, wären alle begeistert" „Wespen, kleine Singvögel oder Ohrenkneifer kommen so nicht an sie heran", weiß der Bielefelder Werner Schulze, Vorsitzender der AG westfälischer Entomologen. „Und außerdem sieht das Netz ja auch noch toll aus", findet der Insektenkundler. „Wenn der Künstler Christo und seine Frau das gemacht hätten, wären alle begeistert", fügt er schmunzelnd hinzu. Die Dornen des Rosengewächses bilden einen zusätzlichen Schutz Bei Gärtnern dürfte sich die Begeisterung hingegen wohl eher in Grenzen halten, denn vor dem Verpuppen fressen die Raupen – so auch im Stadtpark – die Hecken ratzekahl ab, während sie das Netz spinnen. „Aber es besteht kein Grund zur Sorge", fährt Schulze fort, „die Pflanzen sterben nicht ab, sondern treiben in einigen Wochen ein zweites Mal aus." Bei der Wahl ihrer Nahrung und somit auch ihres Lebensumfelds sind Gespinstmotten übrigens sehr wählerisch. Es gibt Yponomeuta-Arten, die fast ausschließlich von Blättern der Traubenkirsche ernähren, die Falter im Stadtpark haben es sich indes in einer Weißdorn-Hecke gemütlich gemacht.Ein kluger Schachzug: Die Dornen des Rosengewächses bilden einen zusätzlichen Schutz. Schulze geht davon aus, dass die Motten in den nächsten Tagen und Wochen schlüpfen; ab diesem Moment wird es für die Schmetterlinge dann gefährlich, stehen sie doch bei vielen Singvögeln auf dem Speiseplan. „Die Falter leben nur wenige Tage. Nach der Begattung müssen sich die Weibchen mit dem Legen der bis zu 200 Eier beeilen", verdeutlicht der Entomolge. Das Gespinst selbst fällt der Witterung zum Opfer. Die Population der Gespinstmotte unterliegt großen Schwankungen, so dass es keineswegs sicher ist, dass die Tiere auch im kommenden Jahr in ähnlicher Größenordnung im Stadtpark anzutreffen sind. Da die Falter ihren jetzigen Standort aber bereits im Vorjahr bevölkerten, soll die geschwächte Hecke laut Aussage des Fachbereichs Grünflächen demnächst beschnitten und gedüngt werden. Die Gespinstmotte darf sich also auf eine saftige Pflanze im Jahr 2018 freuen.

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