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Viel zu gehen, viel zu sehen: Die „langenachtderkunst" hatte nie so viele Stationen, hier die Tanzgruppe „Cocorua" auf dem Dreiecksplatz. - © Jens Dünhölter
Viel zu gehen, viel zu sehen: Die „langenachtderkunst" hatte nie so viele Stationen, hier die Tanzgruppe „Cocorua" auf dem Dreiecksplatz. | © Jens Dünhölter

Gütersloh Langenachtderkunst in Gütersloh: Darbietungen, die begeistern

Im Video zeigen wir einige Highlights der Veranstaltung vom Samstag

Rolf Birkholz
21.05.2017 | Stand 21.05.2017, 18:45 Uhr |

Gütersloh. Spätestens als Wendy Walker aus dem Hinterzimmerfenster des Ateliers Art colori „Proud Mary" sang, hinüber zu Nicola Steffens zart gemalter „Lichtfängerin", die schon einmal beschwingt die Helligkeit des Kommenden einfing, spätestens da, war der Abend gerettet. Und das war noch ziemlich zu Beginn der „langennachtderkunst". Gestartet war die 17. Auflage der Gütersloher Gesamtkunstschau kurz zuvor auf dem Berliner Platz mit einer Gefühlsfarbenchoreografie der Showtanzgruppe und der Jazztänzer von Sport & Ballett Neumann, schon von einigen hundert Besuchern verfolgt. „Wo wollen wir denn noch hingehen?", fragte einer von denen, nicht etwa gequält. Denn der Appetit war geweckt, die Nacht jung und die Auswahl mit über 30 Stationen größer denn je. Gleich um die Ecke, im Kundenzentrum der Stadtwerke, lockten die so verträumten wie poetisch gestochenen scharfen Nacht-Fotografien, mit denen Günter Specht seit Jahr und Tag am Gütersloh-Bild arbeitet. Endlich wurde der Mann aus seinem Internet-Versteck geholt. Auch bei Artvertise, Art colori und in der Kunstpassage war die Stadt ein Foto-Thema. Die Partnerstädte Châteauroux und Falun wirkten durch Grußbotschaften mit, die sie zur „Taufe" einer Kastanie an der Friedenstraße zum „Friedensbaum" gesandt hatten. Vom Initiator und Künstler Berndt Pfeifer wurden sie verlesen „an diesem heiligen Ort", bevor der Baum bei flackernden Kerzen betrommelt und begossen wurde. War diese Aktion stark naturmystisch aufgeladen, intonierte Marcel Müther an der Orgel der gefüllten Martin-Luther-Kirche vor kunstandächtig lauschender Nachtgemeinde gar weltlich Filmmusik. Zeichen der Zeit. Deren gab es manche. Dazu gehörte auch, dass ganz selbstverständlich Einwanderer und Flüchtlinge im Programm vertreten waren. Die gemischte Theatergruppe „Thursday Special" mit schon vertrauten Gesichtern warb im Theatersaal für ihr zweites Stück „Odyssee – Reise ins Ich", Premiere am 6. Juli. Im Stadtmuseum zeigte Reza Sobhani Lichtinstallationen und die mit Geflüchteten gestaltete Arbeit „Aus einem Holz", auch in der Kunstpassage waren und sind Migranten vertreten. Jeder konnte da und dort mitmachen. Uli Horoczeks Entenwelt in der Galerie im Forum der Stadthalle lud dazu ebenso ein wie das Haus Klangfarben oder die Schule für Musik & Kunst, wo man „Auch mal die ‚erste" Geige spielen" konnte. Das Café Ankoné bot an „Gelegenheitsliteratur" zu verfassen, wovon rege Gebrauch gemacht wurde. Mit Büchern und Lesen beschäftigte sich unterdessen eine Ausstellung im Forum Kunst und Schule des ESG, die offiziell am 24. Mail eröffnet wird – und die Stadtbibliothek hatte Exlibris dazu. Entdeckungen: Fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit existiert an einem stark frequentierten Ort das „Galerie Café" Schenke im Bahnhof. Birthe Stumpenhausen zeigte dort Arbeiten aus Alltagsdingen und Strandgut, will so auch neues Publikum für Kunst gewinnen. „Dass es das gibt!", zitierte sie Kundenreaktionen. Aus Isselhorst rückte für eine Nacht die Bildhauerin Marion Plassmann ins Zentrum. Die Baguetterie Marie hatte sie eingeladen, direkt am Passantenstrom in der Königstraße ihre Sandstein-Skulpturen aufzustellen. Gute Idee, gefalteter Stein, ein Genuss für sich. Unbedingt lohnend auch, neben Sehens- und Hörenswertem im Kunstverein, im Stadtmuseum, in der Musikschule, bei Fairleben und so weiter, die fast bis zum Verschwinden zurückgenommen gemalten Bilder des Jae-Eun Jung im Haus Kirchstraße 21 und ebendort Blicke in Dorothea Feldkamps „Spionoptikum"-Objekte. Da taten sich auf engstem Raum Welten auf; anders weiteten Petra Wageners Farbflächenstrukturen beim Betreten der Bürgerstiftung die Räumlichkeiten. Und teils völlig anders hatten sich Schüler des Städtischen Gymnasiums auf einer Reise nach Florenz die klassische Kunst dort malend zu sehen erlaubt: Da liegt Tizians „Venus" bekleidet und hält auch das Gesicht mit einem Smartphone bedeckt. Soviel Selbstironie der jungen Generation lässt hoffen. Die kleine, fast unscheinbare Gipsfigur, die außer Konkurrenz in einem Friseurschaufenster saß, nahm man gern am Rande wahr. Und hörte nebenbei Zukunftspläne für GT am Tag: „Sehr schön, also müssen wir mal nach Gütersloh fahren." Doch, die Stadt konnte sich in dieser Nacht sehen lassen, sie bescherte sich, bei idealen Temperaturen zudem, eine der besten dieser Art. Und als „Cocorua", die Tänzerinnen mit Bauchtanzfaktor, auf dem Dreiecksplatz zu rockigen Klängen der Analogue Birds improvisierten, danach das mit Schlagzeug, arabischer Kurzhalslaute/Gitarre und Didgeridoo originell zwingend instrumentierte Trio noch mal eins drauf legte, da war sogar die ganze Nacht gerettet. Spätestens.

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