Irritation: In jungen Jahren sind es vor allem Mitschüler, die nur schwer damit umgehen können, wenn ein Kind oder Jugendlicher seine Transidentität bekannt gibt. Bei zwei Mädchen im Kreis Gütersloh wurde der Identitäts- von einem Schulwechsel begleitet. - © Maja Hitij/dpa
Irritation: In jungen Jahren sind es vor allem Mitschüler, die nur schwer damit umgehen können, wenn ein Kind oder Jugendlicher seine Transidentität bekannt gibt. Bei zwei Mädchen im Kreis Gütersloh wurde der Identitäts- von einem Schulwechsel begleitet. | © Maja Hitij/dpa

Gütersloh Wie zwei Mädchen im Kreis Gütersloh als Transsexuelle leben

Transidentität: Auch im Kreis Gütersloh gehen Mädchen zur Schule, die als Jungen das Licht der Welt erblickten. Das wissen aber nur ein paar Beratungslehrer und die Schulleitung

Gütersloh. Zwei Mädchen gehen jeden Tag mit einem Geheimnis in ihre Klasse: Sie wurden als Jungen geboren. An ihrer Schule im Kreis Gütersloh wissen das nur ein paar Betreuungslehrer und die Schulleitung. Um den Kindern das Leben zu ermöglichen, das sie sich selbst wünschen, wird das vertraulich behandelt. Die beiden sind nicht die einzigen transsexuellen Jugendlichen im Kreis Gütersloh, doch sie sind zwei, bei denen der Identitätswechsel durch einen Schulwechsel begleitet wurde. "Einfach ist es nicht" - das sei der O-Ton der beiden, wenn man sie nach ihrer aktuellen Situation fragen würde, berichtet Jörg Lechthoff, Berater der Pro Familia Gütersloh. Wenn Kinder und Jugendliche ihr Geschlecht wechseln wollen, dann sei das für sie und ihr Umfeld "ein Knüller", sagt Sexualpädagoge Jörg Lechthoff. Oft würden sich Angehörige Sorgen machen oder das Bedürfnis als pubertäre Phase einschätzen. Fachwelt spricht von Transidentität Der Wunsch, das Geschlecht zu wechseln, ist unter dem Begriff Transsexualität verbreitet. Die Fachwelt spricht inzwischen von Transidentität - "um deutlich zu machen, dass das nichts mit Sex, sondern mit der eigenen Identität zu tun hat", so Lechthoff. "Mit wem ich schlafen möchte, das ist noch einmal ein ganz anderes Kapitel und sehr individuell." Wie viele Transidente es gibt, sei schwer zu schätzen. Rechnet Lechthoff allgemeine Statistiken herunter, sind es zehn bis 50 Fälle im Kreis Gütersloh. Als Sexualpädagoge für Jugendliche an Schulen in Gütersloh weiß er, dass Geschlechtswechsel nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für deren Umfeld irritierend sind. In jungen Jahren sind es vor allem Mitschüler, die mit dem seltenen Bedürfnis nicht umgehen können. "Gerade in der Pubertät sind sie mit ihrer eigenen Geschlechtsidentität selbst schon sehr beschäftigt." In dieser Zeit spiele Normalität eine größere Rolle. Wer sich in der 7. oder 8. Klasse "outet", also die Transidentität bekannt macht, hat es besonders schwer. "Viel einfacher ist es in jüngeren Jahren. Kinder gehen damit oft selbstverständlicher um, wenn ein Junge plötzlich ein Mädchen ist." Auch in der Oberstufe können junge Menschen sich wieder eher damit anfreunden. Bei vielen fehlt die Akzeptanz So manchem Erwachsenen falle die Akzeptanz ebenfalls schwer, bestätigt Lechthoff. Im Alltag sei es selbstverständlich, dass es die Kategorien Männer und Frauen gibt. "Wenn jemand transident ist, wird das über den Haufen geworfen. Und das können sich viele einfach nicht vorstellen." Im Idealfall suchen sich Eltern und Kind dann Beratung. Schließlich müsse viel geklärt werden. Die schwierigste Entscheidung sei meist, ob pubertätshemmende Hormone verabreicht werden sollen - doch das seien eher Einzelfälle, der nächste Behandlungsort von Gütersloh aus befinde sich in Hamburg. Das Thema Operation kommt bei den Minderjährigen meist nicht auf und selbst im Erwachsenenalter sei das für viele Transsexuelle nicht entscheidend. Auch ein Psychotherapeut kann den Geschlechtswechsel begleiten. Um junge Menschen, die nicht der Norm entsprechen, besser zu unterstützen, wünscht sich Lechthoff eine stärkere Vernetzung zwischen Schulen und Beratungsstellen. Schritte in diese Richtung sollen mehrere Veranstaltungen in Gütersloh im Mai bieten. Im Rahmen des Rainbow-Flash, bei dem Gütersloher in der Innenstadt zum zweiten Mal ein Zeichen gegen Homophobie setzen, gibt es in diesem Jahr eine zusätzliches Veranstaltung. Die Workshops zu Themen wie Transsexualität und Homosexualität sind eine Reaktion der Stadt Gütersloh auf den Vorfall im August 2016, als ein Homosexueller in eine Falle gelockt und mit Steinen und Eiern beworfen wurde.

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