Küsschen für den König: Ina Seidel (30) gehörte zu den ersten Gratulantinnen, nach dem ihr Mann Patrick den Vorsitz des ältestens Vereins der Stadt übernommen hatte. - © Jens Dünhölter
Küsschen für den König: Ina Seidel (30) gehörte zu den ersten Gratulantinnen, nach dem ihr Mann Patrick den Vorsitz des ältestens Vereins der Stadt übernommen hatte. | © Jens Dünhölter

Gütersloh Führungswechsel bei den Gütersloher Stadtschützen

Jahreshauptversammlung: König Patrick Seidel lenkt als Vorsitzender ab sofort die Geschicke der Gütersloher Schützengesellschaft

Gütersloh. Den Thron der Gütersloher Schützengesellschaft hat Friseurmeister Patrick Seidel (38) bereits im Sommer als König erobert. Nun übernahm er dazu noch das Zepter des Vereinsvorsitzenden. Fast einstimmig kürten die Mitglieder den bisherigen stellvertretenden Vorsitzenden zum Nachfolger von Andre Schnakenwinkel. Nach 17 Jahren als Anführer des ältesten Vereins der Stadt war der 47-jährige Oberschütze von seinem Amt zurückgetreten. Den von Seidel geräumten Vizeposten übt zukünftig bisherige dritte Vorsitzende Daniel Schüppen aus. Nachdem Schatzmeister Klaus-Peter Brambach den 80 Anwesenden ein Kassenminus von 1.806 Euro verkündet hatte, primär verursacht durch die 18.000 Euro Investition in das eigene Schützenheim, wurde es Zeit für den seit einem Jahr vorbereiteten Führungswechsel. Nach seinem Dank an Mitglieder, Helfer, Marschierer, Freunde, Familie, einem Rat an den neuen Vorstand ("Es ist wichtig, dass die Truppe, die jetzt da sitzt, mit einer Stimme spricht") zog Schnakenwinkel nach 25-Vorstandsjahren ein persönliches Fazit: "17 Jahre als Vorsitzender waren mir meistens eine Freude. Manchmal habe ich aber auch gedacht: ihr könnt mich mal". Mit den Worten "Danke und Tschüss", endete die Ära des erst vierten GSG-Vorsitzende nach dem Krieg. Ehrenvorsitzender Günter Knopp fasste in seiner Laudatio Schützenvolkes Meinung zusammen: "Ein Vorsitzender hat die Aufgabe, einen Verein mit Leben zu füllen. Du hast einen Teil Geschichte geschrieben." Der fast einstimmig gewählte Nachfolger Patrick Seidel hat das Schützenblut praktisch mit der Muttermilch aufgesogen. "Ich bin mit Schützenfesten groß geworden. Schon als kleiner Junge gab es statt Mittagessen immer Erbsensuppe bei den Schützen", skizzierte das Mitglied aus der Traditionsfamilie im Jahr seines 20-jährigen Mitgliedschaft die Karriere im grünen Rock. Vor der Inthronisierung des neuen Königspaares im Sommer hatte Oberst Carsten Kuhlmann bereits festgestellt: "Mit Ina und Patrick Seidel betreten 100 Jahre Geschichte der Schützengesellschaft den Thron". Beide kamen als Spross in den Familien Seidel und Schmäling schon mit dem Gewehr auf die Welt. Inas verstorbenen Großeltern Ehrenoberst Otto und Brunhild Schmäling regierten 1990 als Kaiserpaar, ihr Vater Frank saß 2006 mit Britta Schnakenwinkel auf dem Thron. Nach seiner Antrittsrede ("Vielen Dank für euer Vertrauen. Wir werden die anstehenden Aufgaben mit Respekt und Konzentration angehen") richtet Seidel den Blick auf das vom 25. bis 28. August stattfindende Sommerfest. Das größte Raunen im Saal löste dabei der auf den Schützenfest-Montag bezogene Satz: "Zukünftig darf bei uns jedes Mitglied auf den Vogel schießen" aus." In kleiner Runde wurde Seidel noch deutlicher: "Wir wollen, dass der Vogel runter kommt. Ob ein Mann oder eine Frau schießt, ist egal." Im 185. Jahr des Vereinsbestehens könnte es im Sommer somit die erste "Königin aus eigener Hand" geben. Für den ältesten Verein der Stadt bedeutet diese Vorstandsentscheidung eine Revolution. Per ungeschriebenem Gesetz war der andernorts schon längst etablierte Königschuss für Frauen bislang tabu. Bei fünf Gegenstimmen und sechs Enthaltungen einigten sich die Inhaber des Heidewaldstadions zudem darauf, ihrem Vertragspartner FC Gütersloh unter die Arme zu greifen. Im Fall der Nicht-Insolvenz wollen die Schützen für das Jahr 2016 auf Schanklizenz-Außenstände in Höhe von 3.500 Euro verzichten. Seidel: "Wir wollen damit ein Zeichen setzen und zeigen, dass wir mit unserem direkten Nachbarn eine Linie fahren".

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