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Im Streit: Sven (Banar Fadil, Mitte) und Kian (Julius Schleheck) ringen um die Aufmerksamkeit von Anouk (Johanna Pollet). - © Volker Beushausen
Im Streit: Sven (Banar Fadil, Mitte) und Kian (Julius Schleheck) ringen um die Aufmerksamkeit von Anouk (Johanna Pollet). | © Volker Beushausen

Gütersloh Westfälisches Landestheater zeigt Stück über Netz-Bekanntschaften

Die jungen Zuschauer interessiert auch, wie der Freund der Darstellerin auf einen angedeuteten Striptease reagiert

Rolf Birkholz
25.01.2017 | Stand 24.01.2017, 19:44 Uhr

Gütersloh. Trotz modernster Kommunikationstechnik, über die heute praktisch jeder Jugendliche verfügt, kann die Annäherung von Jungen und Mädchen mitunter komplizierter sein als in rein analogen Zeiten. Das behandelte das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel mit dem Jugendstück "4YourEyesOnly" von Esther Rölz, was schick zeitgemäß, aber vielleicht nicht ganz so persönlich wie "Nur für deine Augen" klingt. Schon im Titel steckt das ganze Thema. Das dort mitschwingende Intime, nur vier Augen Betreffende, scheint gerade in digital hergestellter Zweisamkeit gefährdet. In der Inszenierung von Carola von Seckendorff wird die Problematik ansprechend dargestellt. Johanna Pollet ist Anouk, bei den Jungen sehr beliebt und gerade mit Kian (Julius Schleheck) befreundet. Banar Fadil, erst kürzlich mit "Meisterdetektiv Kalle Blomquist" hier zu Gast, verkörpert den Computerfreak Sven, der sich in PC-Ballerspiele vertieft und im Übrigen, ältere Semester mögen es staunend zur Kenntnis nehmen, ein Plakat mit Jim Morrison im Zimmer hat, dauernd "The Doors" hört: Eltern-, bald Großelternmusik. Sven versucht, sich Anouk über einen Chat im Internet zu nähern. Er hat sich dazu eine andere Identität zugelegt. Als Mitschüler merken, dass der Außenseiter sich für das Mädchen interessiert, gibt es Ärger. Auch Anouk ist zunächst enttäuscht, als sie Sven hinter der Netz-Bekanntschaft erkennt. Kian rückt ihm auf die Bude, ist aber selber schlimmer, hat er doch in einem sozialen Netzwerk leichtsinnig Unvorteilhaftes über Anouk ausposaunt. Durch eine inszenierte Selbstverletzung sucht die Schülerin schließlich die sich prügelnden Jungs zur Vernunft zu bringen. Im Nachgespräch zur zweimal ausverkauften Aufführung beschrieb Johanna Pollet die Herausforderung, eine mit 90 Minuten am Stück recht lange Jugendtheater-Aufführung über die Bühne zu bringen, es zu schaffen, die in einer Szene bewusst hervorgerufenen Reaktionen des Publikums in der nächsten, neue Aufmerksamkeit erfordernden, wieder abklingen zu lassen. Einmal hatte sie die Zuhörer im vollen Saal eine Beschimpfung Kians skandieren lassen. Das war Julius Schleheck, wie er nun einräumte, schon etwas beängstigend in den Ohren geklungen. Banar Fadil sagte, er sei diesmal aufgeregter als sonst gewesen, weil eine Gitarrensaite gerissen sei und er habe improvisieren müssen (als Sven ein Lied für Anouk singt). Ein anderer Schüler wollte wissen, was denn ihr Freund im wirklichen Leben dazu sage, wenn sie einen (wenn auch nur angedeuteten) Striptease vorführe? "Das ist Teil des Spiels", wies Johanna Pollet auf die schauspielerische Professionalität hin. "Das sind nicht echte Emotionen." Aber offenbar gut dargestellte.

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