Bushaltestelle Brockhäger Straße Gütersloh - © Michael Schuh
Bushaltestelle Brockhäger Straße Gütersloh | © Michael Schuh

Gütersloh Schwulenhass an Gütersloher Bushaltestelle

Homosexuelle aus ganz OWL werden angelockt und angegriffen / Insgesamt elf Betroffene haben sich mittlerweile gemeldet / Die Polizei kann nichts machen – noch nicht

Gütersloh. In Gütersloh machen Schwulenhasser Jagd auf Homosexuelle: Nach Berichten über einen konkreten Fall melden sich immer mehr Männer, die über eine Datingplattform im Internet zur Brockhäger Straße gelockt wurden. Statt eines erotischen Treffens erwartete sie aber ein hinterhältiger Angriff mit Eiern und Steinen. Stefan M. aus Gütersloh (Name geändert) war am Samstag vor einer Woche einer Gruppe von Männern nur unter größten Schwierigkeiten entkommen. Bis heute hat der 42-Jährige Angst, dass die Schwulenhasser ihn auch zu Hause aufsuchen könnten. Damit andere Homosexuelle nicht in die Falle tappen, sprach er auf der Datingplattform „Planet Romeo" eine Warnung aus. Daraufhin meldeten sich bislang elf Männer, die entweder selbst angegriffen worden sind oder zur Brockhäger Straße gelockt werden sollten. Die Chatverläufe liegen der NW vor. Im Mittelpunkt steht in fast allen Fällen ein junger Mann namens Uwe, der mit einem Profil Männer-Bekanntschaften sucht, sich zu Dates oder Sextreffen verabredet und ahnungslose Männer zu der Haltestelle an der Brockhäger Straße lockt. Dafür gibt er sogar eine Handynummer an und telefoniert mit den Betroffenen. Mittlerweile ist längst klar, dass es sich hierbei um ein Fake-Profil handelt, die Identität samt Fotos und Namen von einem anderen Profil gestohlen worden sein dürften. Wie ausgefeilt die Masche der Täter ist, zeigen auch zwei Fälle, die sich laut der Betroffenen am selben Abend und nur kurz nach dem Angriff auf Stefan M. zugetragen haben. Auch hier flogen Eier. „Jemand rief ganz laut: ,Los, den machen wir fertig!’ Ich bin dann zum Auto gelaufen, das ich in einer Seitenstraße geparkt hatte, und bin schleunigst abgehauen", berichtet der 58-jährige Mann aus Bielefeld. Und: „An dem Abend hatte ich schon richtig Angst, muss ich gestehen." Ein 34-jähriger Mann aus Warendorf war nach eigenen Angaben ebenfalls am selben Tag an die Brockhäger Straße gelockt und mit Eiern beworfen worden. Stefan M. spricht von einem perfiden System. „Da sind Leute am Werk, deren Ziel es ist, möglichst viele Schwule in eine Falle zu locken. Der logistische Aufwand, drei Männer innerhalb weniger Stunden zur gleichen Stelle zu lotsen, lässt eine hohe kriminelle Energie vermuten." Die Erfahrungsberichte, die Stefan M. über sein Profil bei „Planet Romeo" erhalten hat, zeigen, dass die Täter offenbar schon seit längerer Zeit schwulen Männern Fallen stellen. Ein 37-jähriger Mann aus Oelde beispielsweise berichtet von einem Vorfall, der bereits ein Jahr zurückliegt. Er sei zu der Haltestelle gelockt worden und sollte Poppers mitbringen, eine flüssige und kurzzeitig wirksame Droge, die besonders unter Homosexuellen weit verbreitet ist. „Ich fuhr zu der Haltestelle, dann fing er an, mich zu bedrohen. Ich sollte die Drogen auf den Boden legen und verschwinden. Ansonsten würde er mich zusammenschlagen", heißt es im Chatverlauf. Auch ein 34-jähriger Mann aus Steinhagen berichtet von mehreren Telefonaten mit „Uwe": „Neulich wollte er sich wieder treffen. Aber da sagte ich gleich nein und er beleidigte mich. Dann war sein Profil gelöscht." Ein 50-jähriger Mann aus Gütersloh hatte an der Haltestelle „gemerkt, dass da was faul war" und sei schnell wieder ins Auto gestiegen. Mehrere Eier wären kurz darauf an seinem Wagen zerschellt. „Eine verwaiste Bushaltestelle bietet ein größeres Risiko" Die Vorfälle in Gütersloh finden auch Beachtung beim Lesben- und Schwulenverband Deutschland. Der LSVD zeigt sich „entsetzt darüber, dass solche Angriffe heute in unserer Gesellschaft noch stattfinden können. Die Taten zeigen, dass wir in Deutschland von Respekt und Akzeptanz noch weit entfernt sind", sagt der Bund-Länder-Koordinator René Mertens. Sich vor solchen Angriffen zu schützen, sei nur schwer möglich. „Wir empfehlen erste Treffen unbedingt in einem öffentlichen Raum stattfinden zu lassen. Eine verwaiste Bushaltestelle bietet hier ein höheres Risiko, als ein Café oder eine Bar", betont Mertens. Der LSVD sieht ganz klar die Behörden in der Pflicht, die Taten aufzuklären. Doch trotz der Vielzahl der Fälle kann die Gütersloher Polizei die Ermittlungen nicht aufnehmen. Da keiner der betroffenen Männer bislang den Mut aufbringen konnte, Anzeige zu erstatten, sind ihr die Hände gebunden. „Bei den geschilderten Vorfällen handelt es sich um Antragsdelikte. Das heißt, wir können erst dann tätig werden, wenn jemand Anzeige erstattet", so Polizeisprecherin Corinna Koptik. Anders gestalte sich die Sachlage, wenn einer der betroffenen Männer verletzt worden wäre. Körperverletzungen seien Offizialdelikte, denen die Polizei von Amts wegen nachgehen müsse. Bei versuchten Körperverletzungen sieht die Rechtslage anders aus. Stefan M. bereitet die Gesetzeslage große Bauchschmerzen: „Dieses Mal ist es noch glimpflich abgelaufen. Irgendwann reichen denen aber vielleicht Steine und Eier nicht mehr." Fotoaktion der NW: Ein Zeichen gegen Homophobie. Machen Sie mit und zeigen Sie, wie bunt Gütersloh ist.

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