Feinschliff: Kurz vor Beginn der Trauerfeier stellt Bestatter Matthias Lohmann noch ein Porträtfoto der verstorbenen Person auf eine Staffelei. Pro Jahr organisiert das Team von Bestattungen Lohmann rund 290 Beerdigungen. - © Christian Geisler
Feinschliff: Kurz vor Beginn der Trauerfeier stellt Bestatter Matthias Lohmann noch ein Porträtfoto der verstorbenen Person auf eine Staffelei. Pro Jahr organisiert das Team von Bestattungen Lohmann rund 290 Beerdigungen. | © Christian Geisler

Gütersloh Reportage: Unterwegs mit einem Gütersloher Bestatter

Bestatterverband registriert ein erhöhtes Interesse am Beruf

Christian Geisler

Gütersloh. Matthias Lohmann öffnet die Tür zur Garage. Unter seinem rechten Arm trägt er eine unscheinbare Schachtel, gerade einmal so groß wie ein Schuhkarton. Schlicht sieht sie aus, sie ist weder eingefärbt noch hat sie Verzierungen an den Seiten. Einfach nur gepresste Pappe. Lohmann stellt die Schachtel auf den asphaltierten Boden der Garage, ganz vorsichtig, sachte - so als wäre ihr Inhalt zerbrechlich. Schließlich faltet er die Deckelklappen auseinander und öffnet somit den kleinen Karton. Zum Vorschein kommt ein runder, schwarzer Behälter, versiegelt mit einem metallenen Deckel. Name. Geburtstag. Sterbedatum. In dem Gefäß, einer Urnenkapsel, liegt ein eingeäscherter Mensch. "Wir bekommen die Urne so vom Friedhof in Bielefeld-Senne. Der Karton dient dem besseren Transport, dann geht nichts kaputt", erklärt Lohmann und ergänzt: "Mittlerweile sind fast 60 Prozent aller Beerdigungen Urnenbestattungen." Matthias Lohmann ist Bestatter bei Bestattungen Lohmann in Gütersloh. Zusammen mit Vater Peter und Bruder Markus leitet er das 1952 gegründete Familienunternehmen. "Wir handhaben das so, als würde der Verstorbene fühlen" In Filmen kommen Bestatter schlecht weg. Sie werden als düstere, hagere Männer dargestellt, die blass aussehen, dafür aber die Körpermaße ihres Gegenübers mit nur einem geschulten Blick registrieren. Im beruflichen Sinn würde Lohmann zwar die Rolle des Charons, des Fährmanns, der die Verstorbenen für einen Obolus unversehrt per Boot in das Reich der Toten führt, einnehmen - optisch passt dieser Vergleich aber keineswegs. Vielmehr sieht Lohmann verschmitzt sympathisch aus, fast pfiffig - von Blässe keine Spur. Sein schwarzer Anzug passt genau, auf seiner Nase trägt er ein modernes Brillengestell. Mit wenigen Handgriffen verstaut der Bestatter die Urnenkapsel in einer roten Schmuckurne, diese wiederum in einer maßgefertigten Tragetasche. Lohmann hebt den Beutel hoch, greift ihn fest mit beiden Händen und geht dann zum Leichenwagen vor der Garage. Bloß nicht fallen lassen. Er öffnet die Beifahrertür und setzt die Tasche auf dem Sitz ab. Vorsichtig schnallt der 32-Jährige die verstorbene Person in der Urne an, so wie eine Mutter das bei ihrem Kind tun würde. "Wir gehen sehr respektvoll damit um. Wir handhaben das so, als würde der Verstorbene noch etwas fühlen", sagt Lohmann. Dann fährt er die Urne auf den Johannesfriedhof. Pro Jahr setzen die Lohmanns etwa 290 Verstorbene bei. "Eine Beerdigung ist der letzte Eindruck, den ein Verstorbener hinterlassen kann", beschreibt Lohmann und fügt hinzu: "Die perfekte Beerdigung gibt es nicht. Die sollte so aussehen, dass die Familien sagen: 'Das war eine schöne Beerdigung.' Die Angehörigen können besser beziffern, was perfekt ist." Am Friedhof angelangt, bereitet Lohmann die Trauerzeremonie in der Friedhofskapelle vor. Dazu legt er den Blumenschmuck zurecht, zupft Schärpen gerade, stellt Kerzen auf und drapiert antik aussehende Säulen vor dem Altar. Als nächstes klappt er eine Staffelei auseinander und baut sie gleich neben der übrigen Dekoration auf. Erst zum Schluss stellt er ein gerahmtes Bild der verstorbenen Person in die Staffelei, ganz am Ende kommt die Urne mit ihren Überresten mittig auf eine Säule. Lohmann, ein modernes Heinzelmännchen - im Idealfall bekommen die trauernden Gäste nichts von den Vorbereitungen mit. "Wir sehen das als Dienstleistung. Wir sind dazu da, die Leute an die Hand zu nehmen und zu beraten", sagt Lohmann. Während der Zeremonie heißt es: warten. Im Hintergrund, denn im Mittelpunkt stehen der Verstorbene und seine Angehörigen. Trauer liegt in der Luft, einige Gäste schluchzen, schniefen sich gelegentlich die Nase. "Man darf diese Trauer nicht an sich heran lassen", mahnt Lohmann und ergänzt: "Wir fühlen mit, aber wir trauern nicht. Sonst würde man daran auf Dauer kaputt gehen." So wartet Lohmann ab und beobachtet das Geschehen in der Kapelle aus der Entfernung. Nach etwa einer halben Stunde ist alles vorbei. Der Trauerzug verlässt die Kapelle, nur Lohmann bleibt einsam zurück und baut die Dekoration ab. Er hinterlässt die Kapelle, wie er sie vorgefunden hat. Die nächste Beerdigung steht schließlich schon bevor.

realisiert durch evolver group