Schweißtreibender Auftakt: Studentinnen der Bielefelder "DansArt Academy" stellten vor Hunderten Zuschauern auf dem Berliner Platz in einer Tanzperformance die Frage nach dem Glück. Antworten konnte man bei der "Langenachtderkunst" reichlich finden. - © Matthias Gans
Schweißtreibender Auftakt: Studentinnen der Bielefelder "DansArt Academy" stellten vor Hunderten Zuschauern auf dem Berliner Platz in einer Tanzperformance die Frage nach dem Glück. Antworten konnte man bei der "Langenachtderkunst" reichlich finden. | © Matthias Gans

Gütersloh Die Langenachtderkunst macht glücklich

Bei lauschigen Temperaturen wurde das Flanieren durch die Innenstadt zu einem Vergnügen

Gütersloh. "Bist du glücklich?" Diese Frage stand am Anfang der "Langenachtderkunst", gestellt in einer Tanzperformance der "DansArt Academy" auf dem Berliner Platz. Hunderte säumten die Aufführung und schauten entspannt, doch konzentriert zu, was Schulleiter Tchekpo Dan Agbetou unter dem Titel "Das verstecke Glück" mit seinen Elevinnen erarbeitet hatte. Ein Auftakt, der glücklich stimmen konnte. Denn ungeachtet, dass der Veranstalter - federführend ist die Bürgerstiftung Gütersloh - Glück mit dem Wetter hatte, erwies sich die 17. Auflage als geglückte Gesamtschau auf die Gütersloher Kulturszene, die sich an 27 Stationen in der Innenstadt facettenreich präsentierte. Schon das entspannte, aber aufmerksame Verfolgen der Tanzdarbietung ließ erahnen, dass die die Tausenden Besucher der Traditionsveranstaltung nicht zufällig in die Stadt gekommen waren. Die Stimmung war auf Entdeckung aus, die Kulturflaneure wollten sich überraschen, berühren, inspirieren, zuweilen bereitwillig ärgern und nicht zuletzt auch gut unterhalten lassen. Und dazu wurde eine Menge geboten. Was natürlich dazu führen konnte, dass man der Gefahr erlag, in Windeseile die einzelnen Stationen abzuklappern, um schnell dahinter einen Haken zu setzen. Doch Vollständigkeit sollte nicht das Ziel dieser Kunstnacht sein. In der Beschränkung lag das Glück, um sich und der Kunst Zeit zur Wirkung zu geben. Das galt etwa für die Schwarzlichtinstallation im Stadtwerke-Kundenzentrum, vor dem sich lange Schlangen bildeten, da immer nur wenige eingelassen wurden. Sich auf die stille Schönheit dieses von Quallen bestimmten Raumes einzulassen, konnte im Stress der Kultur-Tour schon schwerfallen. Das galt auch für sperrige Angebote wie den pausenlosen fünfstündigen Improvisationsmarathon des "Ensembles freie Musik" in der Apostelkirche, das seine Klangfantasie in großer Ruhe, aber mit einiger Radikalität auslebte. Nicht jedermanns Sache, und deshalb genau richtig hier. "Weiter, genau so!" Diese Anfeuerungsrufe galten einem (erfolglosen) Angriff des BVB aufs Bayern-Tor an der Kneipenmeile vor der Stadthalle, wo auch draußen das Pokalspiel verfolgt wurde. Ungerührt davon stellte Johannes Zoller auf dem stimmungsvoll illuminierten Dreiecksplatz, der von seinen Skulpturen und auf Leinwänden projizierte Malerei flankiert war, seine Performance "Solarte" vor, an den Keyboards begleitet von seinem Sohn Izumi Yamamoto. Es ist ein hymnischer Sonnengesang, der auf manche Besucher sicherlich esoterisch wirkte, und doch faszinierte. Handfester ging es da bei Oksana Rakosy im Haus Klangfarben zu, wo unter ihrer Anleitung Besucher eine Schlaufe an die Handtasche nähen konnten, während nebenan Tamara Reimer einer um einen Tisch sitzenden Gruppe Kurzunterricht in Malen mit Wasserfarben gibt. Die dramatische Sparte ist mit Claudia Biebers Liebes-Multi-Kulti-Spiel "Strange(r) lovers" in der Stadthalle sowie der einstündigen Adoleszenz-Collage des Spielclubs im Theater stark vertreten. Auch diese Konzentration fordernden Stücke fanden viele Zuschauer. Im Stadtmuseum fiel einer Besucherin die Kinnlade herunter, als ihr erklärt wurde, was denn diese großformatigen Fotos darstellen, die sie für "extrem vergrößerte Wassertropfen" hielt: der Anus einer Echse, der Bartagame. Museumsleiter Rolf Westheider war mit seiner Arschlochschau sichtlich zufrieden. Noch lange vor Mitternachts sah er er die Chance gekommen, dass sie den bisherigen Rekord von rund 1.500 Besuchern erreichen könnte. Rekordverdächtig auch der Besuch der Martin-Luther-Kirche zum Konzert des Gospelchores "Akuna Matata". Pfarrer Andreas Walczak-Detert ist überrascht: "Es ist voller als zu Weihnachten." Und überall glückliche Gesichter. Man musste schon BVB-Fan sein, um schlechte Laune zu haben.

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