Mit solch einem heute fast historisch anmutenden Waffeleisenbereitete Marianne Stertkamp das Gebäck einst zu. - © Michael Schuh
Mit solch einem heute fast historisch anmutenden Waffeleisenbereitete Marianne Stertkamp das Gebäck einst zu. | © Michael Schuh

Gütersloh Ausstellung über die Zubereitung der Waffel

Von Kucheneisen und Eiserkuchen

Gütersloh. Es schmeckt nach Sonntagnachmittag, nach Kindheit und ein bisschen auch nach Heimat. Beißen sie in eine frische Waffel, so denken viele Menschen zurück an den Kaffeetisch im Elternhaus und an das aus fünf Herzen bestehende Gebäck, das man sich im Kreise der Familie schmecken ließ. Diesen Erinnerungen trägt das Stadtmuseum ab Sonntag mit der Ausstellung "Von Kucheneisen und Eiserkuchen" Rechnung. Wer kann mehr über die Gütersloher Essgewohnheiten im Wandel der Zeit erzählen als eine 87-jährige Frau, die seit vielen Jahrzehnten auf einem Bauernhof in Blankenhagen lebt? Tatsächlich erinnert sich Marianne Stertkamp noch an schwere Waffeleisen, die im Feuer erhitzt wurden: "Meine Schwiegermutter hatte die im Keller", erzählt die rüstige Frau, "aber benutzt wurden sie schon damals nicht mehr." Aus gutem Grund: Bereits in den 1920er-Jahren erhielt der Hof, auf dem früher Hühner, Schweine und Kühe gehalten wurden, einen Anschluss ans Stromnetz. Was nicht heißen soll, dass es im Hause Stertkamp keine Waffeln gab - die wurden aber dank der Elektrizität auf etwas komfortablere Art und Weise zubereitet. In einem, im Vergleich zu heutigen Alu-Modellen allerdings noch gewichtigen Waffeleisen, dessen metallene Füße ebenfalls heiß wurden und deshalb auf ein spezielles Brett gestellt wurden. "Waffeln gab es nur zu besonderen Anlässen wie Ostern oder Pfingsten", fährt Marianne Stertkamp fort, denn auch auf dem Bauernhof besaßen Lebensmittel einen hohen Stellenwert. Außerdem musste das Eisen gut mit Fett bestrichen werden - ansonsten blieben die Waffeln kleben. Teflonbeschichtungen waren noch unbekannt. Tatsächlich sei die Waffel-Tradition in heimischen Gefilden nicht so verbreitet gewesen wie beispielsweise im Münster- oder Emsland, verdeutlicht Martin Wedeking, der die Ausstellung im Obergeschoss des Museums gemeinsam mit Norbert Ellermann gestaltete. Dieser Aussage kann sich Liesel Renninghoff nur anschließen. Die aus Burgsteinfurt stammende Gütersloherin staunte nicht schlecht, als sie eine Ankündigung für "Von Kucheneisen und Eiserkuchen" in den Händen hielt, in der ein Foto ihre Familie beim Backen von Neujahrskuchen in ihrer alten Heimat zeigte. Sie selbst war zwar nicht abgebildet, doch Liesel Renninghoff erinnert sich noch gut daran, dass es auf münsterländischen Höfen üblich war, sich zwischen Weihnachten und Silvester zum gemeinsamen Backen solcher Leckereien zu treffen. Eine ähnliche Tradition gab es indes auch in Blankenhagen, weiß Marianne Stertkamp: "Bei uns wurden zu Silvester immer Berliner gebacken, in Schweineschmalz. Da war man den ganzen Nachmittag mit beschäftigt, denn zunächst musste der Hefeteig ja aufgehen." Die süße Köstlichkeit wurde dann zu Silvester oder Neujahr im Kreis von Freunden und Familie verzehrt: "Deshalb haben wir auch immer eine ordentliche Schüssel voll gebacken." Doch zurück zur aktuellen Ausstellung: Rund 80 Exponate haben die Macher bei verschiedenen Heimatvereinen und Privatleuten zusammengetragen; das älteste Stück stammt vermutlich aus dem 18. Jahrhundert, das neueste besitzt digitale Technik. Außerdem erfahren die Museumsbesucher etwas über Zubereitung und Geschichte der Spezialität. Denn wie sagt Museumsleiter Dr. Rolf Westheider so treffend: "Heimat geht durch den Magen."

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