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Revisionsprozess: Verhandelt wird am Bielefelder Landgericht. - © Archivfoto: dpa
Revisionsprozess: Verhandelt wird am Bielefelder Landgericht. | © Archivfoto: dpa

Gütersloh/Bielefeld Urteil im Prozess um den Doppelmord von Gütersloh fällt Dienstag

Ankläger und Verteidigung hielten am Freitag ihre Schlussplädoyers

29.01.2016 | Stand 29.01.2016, 18:58 Uhr

Gütersloh. Die Plädoyers im Revisionsprozess um den gewaltsamen Tod der Geschwister Helgard G. (74) und Hartmut S. (77) können unterschiedlicher nicht sein. Staatsanwalt Christoph Mackel begründete akribisch und routiniert zwei Morde. Die Verteidiger Carsten Ernst und Sascha Haring hielten mit ihrer Forderung nach einem Freispruch für den Angeklagten Jens S. (30) wie schon im ersten Prozess nicht minder selbstbewusst dagegen.

Mehr als 20 Zeugen hat das Gericht an den vergangenen sieben Verhandlungstagen angehört. Keiner davon konnte einwandfrei klären, was an Heiligabend 2013 in dem Haus am Stadtpark tatsächlich geschah. Auch neue Beweise hat der zweite Prozessanlauf nicht zutage gefördert. Bei der Urteilsfindung wird sich der Vorsitzende Richter Wolfgang Korte daher vor allem auf etliche Indizien und die Glaubwürdigkeit einiger umstrittener Zeugenaussagen verlassen müssen – „keine einfache Aufgabe", wie einige Zuschauer befanden.

Für Staatsanwalt Christoph Mackel dagegen ist die Sache klar. Er ist nach wie vor der festen Überzeugung, dass Jens S. die wohlhabenden Geschwister heimtückisch ermordet hat. Vermutlich sei es dem Angeklagten darum gegangen, nach dem Mord an der Ärztin Schmuck zu erbeuten. Ihren Bruder soll er niedergestochen haben, um die erste Tat zu verdecken, so die Vermutung Mackels. Sein Plädoyer stützte der versierte Strafverfolger insbesondere auf die am Tatort gesicherten DNA-Spuren und das lange Schweigen des Angeklagten über seinen Besuch in dem Haus.

Forderung der Staatsanwaltschaft: 14 Jahre Haft

„Bis zum bitteren Ende hat der Angeklagte kein einziges Wort zu den Angehörigen – immerhin seinen Freunden – darüber gesagt, dass er am 24. Dezember am Tatort war", sagt Mackel, der sich noch über eine weitere Seltsamkeit sehr wunderte: „Wie kommt der Angeklagte bei einem Gespräch mit seiner Familie auf eine Weinflasche, die zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt keine Rolle in den Ermittlungen der Mordkommission gespielt hat. Woher wusste er, dass diese Flasche noch auf dem Tisch im Esszimmer gestanden hat?"

Auch den umstrittenen Belastungszeugen Christian P. ließ Mackel in seinem fast eineinhalbstündigen Schlussvortrag nicht unerwähnt. „P. ist ein Betrüger. Aber er ist nicht so dumm, dass er jedem im Gefängnis erzählt, den Angeklagten in die Pfanne hauen zu wollen", so der Staatsanwalt. Ehemalige Mitinsassen hatten behauptet, P. habe ihnen gegenüber eingeräumt, dass sein Wissen über Details der Bluttat aus der Ermittlungsakte stamme und er sich damit einen Vorteil für sein eigenes Verfahren verschaffen wolle. Zudem habe P. den Ermittlern Details verraten, die zum Zeitpunkt seiner polizeilichen Vernehmung nur der Angeklagte wissen konnte – unter anderem ein Geldversteck und eine Datei mit „20 Techniken des lautlosen Tötens".

Über das Motiv kann Mackel auch am Ende des zweiten Prozesses nur spekulieren. Er gehe davon aus, dass Jens S. ein Motiv für die Bluttat hatte, man es aber nie endgültig aufklären könne. Nach seiner Auffassung könne es folglich nur eine Strafe geben: 14 Jahre Haft wegen zweifachen Mordes.

Dieser Strafforderung vermochte sich Nebenklägerin Sibylle G., Tochter der getöteten Ärztin und Bekannte des Angeklagten, nicht anzuschließen. Sie forderte über ihren Rechtsanwalt Andreas Trylla „eine Entscheidung, mit der man leben kann, um Genugtuung zu bekommen."

Verteidigung: "Im Zweifel für den Angeklagten"

Eine ganz klare Position bezogen dagegen Carsten Ernst und Sascha Haring. Auch der „zweite Prozessaufguss" habe keine Beweise ans Licht gebracht, die eine Verurteilung wegen Mordes oder Totschlags rechtfertigen würden. Die Verteidiger teilten sich ihre Plädoyers inhaltlich auf. Zunächst zeichnete Ernst von seinem Mandanten das Bild eines sehr eigenwilligen Menschen. Das allein mache einen Menschen allerdings noch lange nicht zu einem Mörder. Verteidiger Sascha Haring griff in seinen Schlussworten die Arbeit der Ermittler an. Polizei und Staatsanwaltschaft hätten sich sehr schnell darauf eingeschossen, dass der Angeklagte der Mörder sein müsse. Gegen die Täterschaft seines Mandanten spreche allerdings insbesondere das Fehlen eines Motivs und ein konkreter Nachweis für die grausame Bluttat. Einzig eine lückenhafte Indizienkette reiche für eine Verurteilung nicht aus. Deshalb sei S. nach dem Grundsatz "in dubio pro reo" (Im Zweifel für den Angeklagten) freizusprechen.

Urteil soll am Dienstag folgen

Die Verteidiger äußerten sogleich aber auch ihre Zweifel daran, dass das Gericht zu einem Freispruch kommen wird. „Wir haben einen sehr außergewöhnlichen Prozess erlebt – mit allem, was man für einen guten Krimi braucht", sagt Ernst. „Am Ende kann es aber doch nicht sein, dass ein solches Verfahren ausgeht, ohne einen Verantwortlichen für das Verbrechen gefunden zu haben."

Jens S. selbst nutzte sein Schlusswort vor allem für eine persönliche Spitze gegen Staatsanwalt Christoph Mackel: „Eine Sache muss ich rügend anmerken: In der Anklageschrift ist der männliche Getötete als Helmut S. genannt. Dabei heißt er Hartmut. Das finde ich pietätlos."

Das Urteil soll am kommenden Dienstag, 2. Februar, um 15 Uhr verkündet werden.

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