Größtenteils billiger Tand: Jan Erdl untersucht liegengelassene Schwimmwesten - und stößt auf zahlreiche Imitate. - © Jan Erdl
Größtenteils billiger Tand: Jan Erdl untersucht liegengelassene Schwimmwesten - und stößt auf zahlreiche Imitate. | © Jan Erdl

Mytilene/Gütersloh Lesbos-Tagebuch (6): Die Gefahr der gefälschten Rettungswesten

Tag 5 auf Lesbos: Der Gütersloher Jan Erdl berichtet für die NW von seiner Arbeit als Flüchtlingshelfer auf der griechischen Insel Lesbos. Am fünften Tag landen zwar keine weiteren Boote, dafür sorgt die Gier ruchloser Geschäftemacher für Aufregung - und die Nachricht, dass in den kommenden Tagen wieder mehr Flüchtlinge erwartet werden

10.01.2016 | Stand 08.01.2016, 21:55 Uhr

Mytilene/Gütersloh. Seit einiger Zeit schon kursieren Berichte darüber, dass gefälschte Rettungswesten auf Seiten der Türkei unter den Flüchtlingen verteilt werden. Gestern wurde nun zum ersten Mal eine dieser illegalen Fabriken von der türkischen Polizei geschlossen. Wir wollen der Sache hier vor Ort nachgehen, daher machen wir uns auf zum Lighthouse-Camp, ein Erstaufnahme-Camp am Strand, das keine zwei Kilometer von unserem Hotel entfernt liegt.

In praktisch allen Camps liegen Berge von Rettungswesten, die nach der Überfahrt am Strand zurückgelassen wurden. Als wir ankommen, sind Helfer der "Drop in the Ocean"-Organisation und einige Rettungsschwimmer gerade vor Ort und säubern den Strand. Sie bestätigen, dass ein großer Teil der im Camp liegenden Rettungswesten offenkundig gefälscht ist - sie würden in der Türkei erheblich günstiger an die Flüchtlinge verkauft als die echten. Meist werde in den Kopien ein billiger Schaumstoff als Füllung benutzt, der nicht gut schwimme. Wir schneiden verschiedene Rettungswesten auf und merken sofort den Unterschied. Wir sind schockiert. Wie können Menschen so etwas verantworten? Es geht hier schließlich um Leben und Tod. Nach einer ersten groben Schätzung besteht ungefähr die Hälfte aller Rettungswesten auf dem Haufen im Lighthouse-Camp aus minderwertigem Material. Bei manchen Westen wurden sogar Firmenname und Logos der Originale imitiert.

Später werden wir von einem griechischen Lebensretter eingeladen, am Leuchtturm den Sonnenuntergang zu beobachten. Es ist zwar unglaublich windig, aber die Aussicht ist atemberaubend und lässt uns die Krise für einen Moment vergessen.

Boote landen an diesem Tag keine mehr, dafür ist der Sturm viel zu stark. Seit Tagen schon gleichen Überfahrten einem Himmelfahrtskommando, wie die Tragödie mit über 30 ertrunkenen Flüchtlingen Mitte der Woche gezeigt hat. Die Hilfsnetzwerke auf Lesbos gehen nun von einem Rückstau aus und befürchten, dass sich in den nächsten Tagen viele Menschen auf den Weg machen werden. Es ist milderes Wetter angekündigt.

Um auf den Ansturm vorbereitet zu sein, haben auch wir uns gewappnet und extra eine wasserdichte Anglerhose aus Spenden gekauft, die wir von Familie und Freunden bekommen haben. Jetzt können wir bis zur Hüfte ins Wasser, wenn Boote auf den Strand zusteuern. Nachdem wir in den ersten Tagen auf Lesbos viele Informationen gesammelt, gefilmt und dokumentiert haben, wollen wir in den nächsten Tagen mehr selbst mit anpacken an den Stränden, in Kleiderkammern und einer Camp-Großküche. Es gibt viel zu tun!

Die vorausgegangenen Teile unseres Lesbos-Tagebuchs finden Sie hier:
Teil 1: Zwei Gütersloher leisten Flüchtlingshilfe am Mittelmeer
Teil 2: Ankunft auf der Insel
Teil 3: Ersthilfe bei der Bootslandung
Teil 4: Jubel und Trauer liegen nah beieinander
Teil 5: Schlamm, Stacheldraht und erschütternde Schicksale

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