Mit der kleinen Aylin im Arm: Elchin und Elnura Baymarov hatten sich mit einer Gynäkologin und im Städtischen Klinikum bestens auf die Geburt vorbereitet, doch dann kam alles ganz anders. Die dreijährige Aychu freut sich über ihr Schwesterchen. Und Elke Schmidt-Terkhorn wird diesen Tag nie vergessen. - © Patrick Menzel
Mit der kleinen Aylin im Arm: Elchin und Elnura Baymarov hatten sich mit einer Gynäkologin und im Städtischen Klinikum bestens auf die Geburt vorbereitet, doch dann kam alles ganz anders. Die dreijährige Aychu freut sich über ihr Schwesterchen. Und Elke Schmidt-Terkhorn wird diesen Tag nie vergessen. | © Patrick Menzel

Gütersloh Mutter bringt ihr Baby ganz allein in der Küche ihrer Unterkunft zur Welt

3.200 Gramm pures Glück

Gütersloh. Der Vierfüßlerstand wird auf den Hebammenseiten im Internet als angenehme Geburtshaltung beschrieben. Er lindere Rückenschmerzen, erlaube das freie Kreisen des Beckens und vermindere das Risiko eines Dammrisses. Davon, auf diese Weise ein Kind auch gut alleine auf die Welt bringen zu können, steht da nichts.

Elnura Baymarova, vor zehn Monaten aus Aserbaidschan geflohen, hatte das auch keineswegs so geplant. Die 28-Jährige hatte sich im Gütersloher Klinikum längst den Kreißsaal angesehen; die Schwestern hatten ihr die Wochenstation, das Bad und die Bettchen gezeigt.

Elnura war im neunten Monat schwanger. Als sie am Freitag vor der Geburt zur niedergelassenen Gynäkologin ging, begleitet von einer Dolmetscherin und der ehrenamtlichen Flüchtlingshelferin Barbara Remmert, wurde ihr von der Ärztin gesagt, alles sei gut, der Muttermund noch geschlossen, sie solle am Dienstag wieder vorbeischauen. Doch dazu kam es nicht mehr.

Am Samstagmorgen, einen Tag nach der Visite bei der Gynäkologin, verspürte Elnura Schmerzen. Sie hielt sich im Wohnzimmer ihrer Flüchtlingsherberge in Blankenhagen auf, Ehemann Elchin und die dreijährige Tochter Aychu waren bei ihr. Elnura war noch unentschlossen, Elchin nicht: Der 33-Jährige, der in Baku als Handwerker und Hausmeister gearbeitet hat, rief bei Elke Schmidt-Terkhorn an; sie ist eine pensionierte Lehrerin, die es sich wie Barbara Remmert zur Aufgabe gemacht hat, den Flüchtlingen zu helfen - falls nötig, in allen Lebenslagen.

Elchin berichtete ihr von Schmerzen, die schubweise stärker würden, Elke Schmidt-Terkhorn entschied sich, ihren VW Bulli zu nehmen, vorsorglich, es könne ja sein, dass Transportkapazitäten gebraucht würden. Doch auch dazu kam es nicht mehr.

Haus Nr. 29 am Spiekergarten gehört zu einem Wohnblock, in dem zuvor jahrelang britische Soldatenfamilien gelebt hatten. Dort beschleunigten sich nun die Dinge. Als Elnuras Wehen in immer kürzeren Abständen einsetzten, entschied Elchin, die dreijährige Tochter zu den Nachbarn zu bringen und alles vorzubereiten für die Fahrt ins Krankenhaus. Elnura wartete, setzte sich auf die Treppe. Eine Hockposition.

Nicht, dass Elchin sich Zeit gelassen hätte. Aber als er vom Nachbarn zurückkehrte, fand er seine Frau in der kleinen Küche wieder, hockend, im Vierfüßlerstand, unter sich, auf dem Teppichläufer, lag das Neugeborene. Elnura blickte ihn an, neben ihr brummte die Waschmaschine. Elchin wusste nicht, was er in diesem Moment tun sollte, und so war es gut, dass Elke Schmidt-Terhorn erschien. Die 63-Jährige hat selber mal ein Kind zur Welt gebracht, und während ihres Studiums hat sie einen Schwesternhelferinnenkurs absolviert. Aber zu behaupten, sie hätte Erfahrung in Geburtshilfe, wäre vermessen. Doch eines wusste sie: Das Baby muss schreien, es muss Luft in seine Lungen pumpen, und zwar schnell.

Doch das Baby, über und über mit Schmiere bezogen, ließ sich kaum fassen. Schmidt-Terkhorn packte die Kuscheldecke aus dem Kinderwagen und erlangte so endlich festen Zugriff. An den Beinchen hob sie das Kind in die Höhe, bis es Fruchtwasser spuckte und schrie. "Ich war so unglaublich erleichtert." Die Nabelschnur ließ sie dran.

Nach 15 Minuten, Schmidt-Terhorn hatte sich das Handy eines Flüchtlings geliehen, fuhren Notarzt und Rettungswagen auf den Hof. Elnura und dem Baby gingen es gut. Die Fahrt führte ins Klinikum, zur Neugeborenenstation, wo die Nachgeburt kam und die Ärzte alles weitere übernahmen.

Nun, zwei Wochen später, hat das Kind einen Namen. Es heißt Aylin. Es liegt schlafend in einem Kinderwagen, den Blankenhagener Bürger gespendet und zuvor noch repariert haben. Aylin trägt einen weiß-rosafarbenen Strampler mit der Aufschrift "My little princess". Die Eltern sind glücklich, und jene, die zusehen, dass es der jungen Familie gut geht, nicht minder. Es ist nicht das erste Baby einer Flüchtlingsfamilie,, um dessen Wohlergehen sie sich kümmern. Im Frühjahr geschah es, dass eine serbische Mutter aus der Flüchtlingsunterkunft Holzheide ihr sechstes Kind gebar. Barbara Remmert erzählt, die sechs Kinder schlafen nie in ihren Betten, sondern liegen im Wohnzimmer nebeneinander auf Matratzen. Sie kuscheln sich aneinander und spenden sich Geborgenheit und Wärme. "Das", so Remmert, "ist die Krippe von heute."

Information

Blankenhagener spenden für die Unterkünfte

  • In der Flüchtlingsunterkunft am Spiekergarten leben 16 Familien. Sie zogen ab November ein. Die Stadt hatte die Häuser, in denen zuvor britische Soldatenfamilien lebten, Mitte des Jahres gekauft.
  • Die Sozialraum-Arbeitsgemeinschaft und der Bürgerverein Blankenhagen haben es mit Hilfe der Bürger geschafft, die Einrichtung der Häuser zu komplettieren, sie wohnlich zu machen. Spendenaufrufe ergingen, Basare wurden veranstaltet. Mal wurde speziell um Geschirr, Küchenutensilien, Kuscheltiere und Spielzeug gebeten, mal um Polstermöbel, Tische und Fahrräder.
  • Die Bürger erwiesen sich als sehr spendabel: Sie verschenkten komplette Garnituren, auch Sofas und Betten. Die Initiatoren um Andrea Stickling, Ludger Klein-Ridder und Ursula Höffer konnten dabei auch auf die Unterstützung der Kirchengemeinde, der Grundschule, der katholischen Frauengemeinschaft und vieler Ehrenamtlicher zählen.
  • Gestern, am Tag vor Heiligabend, verteilten sie Weihnachtspäckchen an die Flüchtlingsfamilien – Malpapier, Stifte, Äpfel, Nüsse, Mandarinen und andere Aufmerksamkeiten. In vielen Flüchtlingswohnungen stehen Kinderwagen, Wickelkommoden und Gitterbetten, ebenfalls gespendet von den Blankenhagener Bürgern.

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