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"Große Herausforderung": Schulleiter Dr. Siegfried Bethlehem. - © Foto: R. Vornbäumen
"Große Herausforderung": Schulleiter Dr. Siegfried Bethlehem. | © Foto: R. Vornbäumen

Gütersloh Unterricht wird auf jeden Schüler abgestimmt

Lernsystemwechsel am Gymnasium

Rainer Holzkamp
05.12.2015 | Stand 05.12.2015, 17:29 Uhr

Gütersloh. Unterricht mit Lebensbezug; Unterricht, der die individuellen Möglichkeiten und Talente der einzelnen Schüler berücksichtigt - das gehörte bislang nicht oder nur selten zum Alltag an einem Gymnasium. Pauken bis zum Abi - lautete gleichsam die Devise einer Schulform, die sich daher oft dem Vorwurf aussetzte, Fächer statt Schüler zu unterrichten. Am Städtischen Gymnasium wird jetzt ein Systemwechsel eingeleitet. Mit zwei Pilotprojekten haben Schüler wie Lehrer ihre ersten Erfahrungen gemacht. Sie sind durchaus ermutigend, wie ein Besuch in der Schule zeigt. Lernen in Vielfalt Die Heterogenität in der Schule wachse, sagt Schulleiter Siegfried Bethlehem. Der Umgang damit stelle für die Zukunft eine der wichtigsten Herausforderungen dar. Zu dieser Überzeugung seien das gesamte Kollegium gelangt. Zunehmende Verschiedenartigkeit betreffe die Herkunft der Schüler, gelte freilich auch in sprachlicher, leistungsbedingter und sozial-kultureller Hinsicht. Die aktuellen Themen Inklusion und Flüchtlinge verstärkten diesen Trend noch. "Die Spannweite wird weiter zunehmen." Aber waren Schüler nicht schon immer verschieden? Gewiss, räumt Referendarin Karin Kochjohann ein. Aber erst seit einiger Zeit sei das Bewusstsein dafür gewachsen. "Das begann vor etwa zehn Jahren und hat sich in den vergangenen drei, vier Jahren verstärkt", sagt der stellvertretende Schulleiter Axel Rotthaus. "Ein Weg für 30 Schüler, das funktioniert nicht mehr." Mit Beginn des laufenden Schuljahres hat das Gymnasium Experimente gestartet, um den Regelunterricht auf Dauer weiterzuentwickeln und den Schülern zu individuellen Lernwegen zu verhelfen. Es gehe darum, dies in die ganze Breite des Schulalltags zu bringen, sagt Bethlehem, und nicht um einmaliges Projekt. Als besonders ertragreich, das lasse sich schon jetzt sagen, erweisen sich Lernphasen, die mit greifbaren Produkten abschließen. Fachliche Lernzeiten Im Fach Biologie der Jahrgangsstufe 8 ist beispielsweise in der wöchentlichen Zusatzstunde als Ergänzung des Regelunterrichts ein Karton entstanden. Ein Behältnis, mit dem die Schüler zum Thema Recycling alte Handys einsammeln. "Wir haben festgestellt, dass die Geräte zu einem Großteil aus Coltan bestehen", berichten Justus und Philipp (beide 13). Dieser seltene Rohstoff werde beispielsweise im Kongo unter schwierigen Bedingungen abgebaut, auch mit Kinderarbeit. Zudem leide der Lebensraum der Tierwelt darunter. Insofern sei die Wiederverwertung sinnvoll. "Dann muss weniger Coltan abgebaut werden, dann gibt es weniger Kinderarbeit und weniger Kämpfe um diese Bodenschätze." Ohne die Fachliche Lernzeit wäre ein solches Projekt nicht möglich gewesen, sagt Lehrerin Sybille Geißler. Epochenunterricht Positive Erfahrungen hat auch Geschichts- und Erdkundelehrer Wolfgang Büscher gemacht, und zwar mit dem neu eingeführten Epochenunterricht in der 9. Jahrgangsstufe. Dabei können sich die Schüler im ersten Halbjahr jeweils vier Wochenstunden auf das Fach Geschichte konzentrieren, im zweiten Halbjahr auf Erdkunde. Anhand der konkreten Historie des Flughafens Gütersloh werden so die im offiziellen Lehrplan vorgegeben Themen wie Nazi-Deutschland und Kalter Krieg abgearbeitet. Die Schüler forschten dazu im Stadtarchiv, sprachen mit Zeitzeugen wie Dr. Peter Zinkann und werteten einen dicken Band mit Zeitungsberichten aus. Auch interviewten sie den Verbindungsoffizier Kenneth Crichton und waren zu Besuch auf dem Flughafen. Die Ergebnisse werden demnächst als Teil einer Ausstellung im Stadtmuseum zum Flughafen zu sehen sein. "Ich habe Sachen erfahren, die im normalen Unterricht niemals herausgekommen wären", sagt Fynn (14) und nennt die Torpedo-Produktion bei Miele während des Kriegs. Am konkreten Beispiel Gütersloh zu arbeiten, sei viel interessanter als die reine Schulbuchlektüre. "Wir können hier Geschichte hautnah erleben", bestätigt Mitschülerin Pauline (14). Deshalb sitze der Stoff auch besser, sagt Wolfgang Büscher. Obendrein gebe es für jeden Einzelnen mehr Erfolgserlebnisse. Das tue zudem der Atmosphäre innerhalb der Klasse gut. Selbstverständlich dürfe bei aller Exemplarität der Gesamtzusammenhang nicht aus dem Blick geraten, sagt Schulleiter Bethlehem. "Man muss schon wissen, wer Hitler war." Letztlich komme es auf den Lehrer an, die Balance zwischen Freiheit und Führung zu finden. Benotung Die Schüler arbeiten im Epochenunterricht unter Auflösung des Klassenverbands gruppenweise verschiedene Aufgabenstellungen ab. Am Ende wird ein Gesamtergebnis präsentiert. Gleichwohl bekommt jeder eine individuelle Note. "Die Bewertung sei sehr viel schwieriger als beim normalen Unterricht, aber machbar", sagt Büscher. Auch stille Schüler könnten sehr gute Noten bekommen, meint Referendarin Kochjohann. Denn sie würden ihre Aufgaben schriftlich oft überdurchschnittlich präzise erledigen. Und dies werde sehr wohl registriert. Mit den beiden Pilotprojekten steht das Städtische Gymnasium beim Thema Lernen in Vielfalt erst "ganz am Anfang", wie Siegfried Bethlehem einräumt. "Aber ein Zurück", da sind sich alle einig, "wird es auf keinen Fall geben."

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