Vater der Schädelbasis-Chirurgie: Als Neurochirurg erschloss Iraner Madjid Samii neue Bereiche, die zuvor als inoperabel galten. Im Alter von 78 Jahren ist er noch immer aktiv. Die Fragen von Moderator Christoph Kucklick beantwortete er beim Bertelsmann Forum. - © Privat
Vater der Schädelbasis-Chirurgie: Als Neurochirurg erschloss Iraner Madjid Samii neue Bereiche, die zuvor als inoperabel galten. Im Alter von 78 Jahren ist er noch immer aktiv. Die Fragen von Moderator Christoph Kucklick beantwortete er beim Bertelsmann Forum. | © Privat

Gütersloh Koryphäe der Hirnforschung zu Gast beim Bertelsmann Forum

Vortrag des Neurochirurgen Madjid Samii: "Das Gehirn - ein biologischer Computer"

Gastgeber des Forums: Thomas Rabe, Christoph Mohn und Liz Mohn mit Madjid Samii. - © N.N.
Gastgeber des Forums: Thomas Rabe, Christoph Mohn und Liz Mohn mit Madjid Samii. | © N.N.

Gütersloh. Das menschliche Gehirn ist ein Wunderwerk der Natur und von enormer Komplexität. Wie es im Detail funktioniert, ist längst noch nicht vollständig ergründet. Das erschwert die Heilung neurologischer Erkrankungen. Doch spektakuläre Fortschritte in der medizinischen Forschung und Behandlung auf dem Gebiet der Neurologie lassen Patienten wie Wissenschaftler hoffen.

Einen nicht unbedeutenden Anteil an diesen Fortschritten hat Madjid Samii. Er war jetzt Diskussionsgast beim "Bertelsmann Forum" im Gütersloher Corporate Center. Der iranische Chirurg und Wissenschaftler hat neue Operationsmethoden entwickelt, die weltweit als bahnbrechend gelten. Inzwischen ist Samii 78 Jahre alt, aber noch immer eine Koryphäe auf seinem Gebiet und auch als Chirurg noch aktiv.

Information

Madjid Samii


  • Der Arzt ließ sich in Deutschland zum Neurochirurgen ausbilden und studierte mit einer Förderung an der Universität Mainz.

  • Mit 33 Jahren wurde Samii dort Professor für Neurochirurgie und erschloss neue Operationsbereiche.

  • Er gilt heute als Vater der Schädelbasischirurgie und stand über 20.000 Mal im OP.

Liz Mohn und der Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende Thomas Rabe begrüßten rund 400 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aus der Region zu der Vortrags- und Diskussionsrunde. Die Moderation übernahm Christoph Kucklick, Chefredakteur der Zeitschrift GEO.

Vor den Zuhörern des Forums sprach Samii unter dem Titel "Das Gehirn - ein biologischer Computer" über den neuesten Stand der Hirnforschung und der Behandlung von Hirnerkrankungen. "Computer werden zwar immer schneller und leistungsfähiger", sagte Samii. "Aber was ihnen immer fehlen wird, sind eine für viele Entscheidungen nötige Intuition oder natürlich Gefühle." Deshalb betrachte er auch das autonome Fahren eines Autos mit Skepsis: "In den nächsten 20 Jahren glaube ich nicht daran."

Bis zu 16 Stunden im OP

Im Fokus seiner Ausführungen standen jedoch die Möglichkeiten der modernen Forschung, wie sie unter anderem am von Samii gegründeten Neuroscience Institute in Hannover passiert. So schilderte der Chirurg anschaulich einen Fall, bei dem ein Mädchen trotz der schwierigen Position eines Gehirntumors weitgehend ohne Folgen operiert werden konnte - dank neuster, präziser Bildübertragungen. Diese machten es möglich, die exakte Lage des Tumors festzustellen. Bei einem Jungen habe nach einem Schlaganfall durch ebenso präzise Vorbereitungen und eine entsprechende genaue Operation noch funktionsfähiges Gewebe wieder aktiviert werden können. Das ursprünglich vollständig gelähmte Kind erlangte so seine verlorene Bewegungsfähigkeit zurück.

Es seien diese rührenden und motivierenden Momente, die ihm die Kraft gäben, die bis zu 16-stündigen Operationen durchzustehen, sagte Samii. "Das ist dann nicht mehr Arbeit, sondern Faszination, einem Menschen geholfen zu haben. Da ist keine Müdigkeit, sondern Euphorie."

Voraussetzung für diese modernen Methoden seien natürlich jahrzehntelange Forschungen von Wissenschaftlern rund um den Globus gewesen, die der Chirurg für seine Zuhörer in einem kurzen historischen Abriss darstellte, sowie auch eigene Erkenntnisse. Samii selbst war so 1966 einer der weltweit wenigen Ärzte, die bereits Eingriffe an Nerven und Gefäßen im Gehirn mit Hilfe von Operationsmikroskopen vornahmen und damit die Mikrochirurgie weiterentwickelten.

Zudem gilt er als einer der Pioniere der bildgebenden Verfahren - der vor rund zehn Jahren mit der Kernspintomographie der endgültige Durchbruch gelang. Nur mit Hilfe solcher Verfahren sei es möglich, die erkrankte Region eines Gehirns genau zu lokalisieren, sagte Samii, der auch Träger des Bundesverdienstkreuzes ist. Mit der Einführung der Nerventransplantation machte er sich weltweit einen Namen.

Der nächste Schritt seien elektrische Implantate, zum Beispiel für gelähmte Patienten, sagte Samii. Eine Pause gibt es für ihn nicht. "Die technische Entwicklung geht immer weiter."

Copyright © Neue Westfälische 2019
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

Kommentar abschicken
realisiert durch evolver group