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Handlich: Die Rettungsassistenten Thorsten Strube, Thorsten Glashörster und Boris Voßhans (v. l.) zeigen wie einfach es geht: Mit nur wenigen Handgriffen lassen sich Notfall-Rucksack (l.) und auch die transparente Tasche (m.) öffnen und die einzelnen Module (r.) daraus entnehmen. FOTOS: PATRICK MENZEL|| - © Patrick Menzel
Handlich: Die Rettungsassistenten Thorsten Strube, Thorsten Glashörster und Boris Voßhans (v. l.) zeigen wie einfach es geht: Mit nur wenigen Handgriffen lassen sich Notfall-Rucksack (l.) und auch die transparente Tasche (m.) öffnen und die einzelnen Module (r.) daraus entnehmen. FOTOS: PATRICK MENZEL|| | © Patrick Menzel

Gütersloh Retter rüsten auf Rucksack um

Sperrige Alukoffer haben ausgedient - Feuerwehr konzipiert eigenes Notfall-System

Patrick Menzel
16.07.2015 | Stand 15.07.2015, 21:22 Uhr

Gütersloh. Die Idee ist so simpel und einfach, dass sie eigentlich schon längst jemand gehabt haben müsste. Aber es hatte sie niemand außer der Gütersloher Feuerwehr. Ihre Erfindung - ein auf ihre Bedürfnisse maßgeschneiderter Notfall-Rucksack - könnte ein Vorbild für andere Rettungsdienste sein. Wenn Andreas Pollmeier und seine Kollegen vom Rettungsdienst zu einem Einsatz gerufen werden, muss es schnell gehen. Nicht selten entscheiden Sekunden über Leben und Tod ihrer Patienten. Klar, dass jeder Handgriff sitzen muss. Mit dem Notfall-Rucksack, so sagt Pollmeier, ist die Hilfe perfektioniert worden. Die Besonderheit, wodurch sich das Gütersloher Modell von herkömmlichen Rettungsrucksäcken von der Stange und den bisher eingesetzten Alukoffern unterscheidet, ist die übersichtliche Aufteilung. In sechs kleinen herausnehmbaren Taschen, den sogenannten Modulen, haben die Retter sofort all das zur Hand, was sie für ihre Arbeit am Patienten benötigen. In der blauen Tasche beispielsweise ist medizinische Ausrüstung zur Intubation und Beatmung untergebracht, in der gelben befinden sich Diagnosegeräte, in der roten Tasche werden Ampullen aufbewahrt. Die Module lassen sich je nach Bedarf einzeln herausnehmen und gezielt rund um den Körper des Patienten platzieren. "Bisher wurde der wuchtige Notfallkoffer irgendwo an der Einsatzstelle aufgeklappt und darin je nach Leiden des Patienten nach dem notwendigen Arbeitsgerät gesucht", so Pollmeier. Eine Atemmaske habe jedoch nichts an den Füßen eines Patienten zu suchen, andersherum brauche das Blutdruckmessgerät nicht am Kopf herumliegen, sagt er. Als weiteren Vorteil gegenüber den schweren Aluminiumkoffern bezeichnet der Abteilungsleiter Rettungsdienst bei der Berufsfeuerwehr das deutlich geringere Gewicht und die bessere ergonomische Eigenschaft der Rucksäcke. "Wer einen Koffer mehrmals am Tag ins dritte Stockwerk eines Hauses geschleppt hat, spürt das am Ende einer Schicht in den Knochen", weiß Boris Voßhans. Daher habe bei vielen seiner Kollegen schon seit länger Zeit der Wunsch nach einer Rucksacklösung bestanden, sagt der Rettungsassistent. So bildete die Feuerwehr eine Projektgruppe, die sich mit diesem Wunsch befasst und sich Rucksäcke von sechs Herstellern zeigen lassen hat. Ein Produkt, das den Anforderungen der Gütersloher Retter gerecht geworden wäre, war allerdings nicht darunter. Die Sanitäter ergriffen schließlich selbst die Initiative und entwickelten zusammen mit dem Hövelhofer Sonderanfertiger für Taschen und Rucksäcke Becatex und der Gesellschaft für Homecare und Medizintechnik (HUM) einen eigenen Prototypen. Nach einer ausgiebigen Testphase bei Einsätzen und einigen Anpassungen - unter anderem ist das Außenmaterial verstärkt und eine Öse für ein Kohlenmonoxid-Messgerät angebracht worden - fertigte Becatex die Rucksäcke ganz nach den Vorstellungen der Gütersloher Wehr. Zusätzlich haben sich die Retter eine spezielle Infektionsschutztasche für Einsätze mit Kontakt zu Risikopatienten anfertigen lassen. Bislang hat die Feuerwehr jeden ihrer sechs Rettungswagen mit jeweils einem Rucksack und einer Tasche ausgestattet. Andreas Pollmeier hofft darauf, dass auch die drei Notarzt-Einsatzfahrzeuge in naher Zukunft damit ausgerüstet werden. Das scheitere momentan aber noch am fehlenden Platz in den deutlich kleineren Fahrzeugen, so der Abteilungsleiter. Plus für die Hygiene Der Rettungsrucksack zeichnet sich laut Feuerwehr durch seine leicht zu reinigende Kunststoff-Oberfläche aus. Dadurch werde das Keimrisiko erheblich verringert. Die Infektionsschutztasche kommt bei Einsätzen mit Kontakt zu resistenten Keimen und lebensgefährlichen Erregern zum Einsatz. In ihr befindet sich Ausrüstung in drei Schutzstufen. Die handgefertigten Rucksäcke kosten pro Stück etwa 550 Euro, die Taschen berechnet der Hersteller mit rund 100 Euro.

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