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Letzter Ausweg: Ernst Venjakob betreut das Babyfenster am Pfarrhaus der katholischen Kirchengemeinde Heilige Familie. Einmal musste der 80-Jährige bereits für ein anonym abgegebenes Baby ausrücken. - © Patrick Menzel
Letzter Ausweg: Ernst Venjakob betreut das Babyfenster am Pfarrhaus der katholischen Kirchengemeinde Heilige Familie. Einmal musste der 80-Jährige bereits für ein anonym abgegebenes Baby ausrücken. | © Patrick Menzel

Gütersloh In Plastiktüte gewickeltes Baby ausgesetzt

Frau findet nackten Säugling in der Innenstadt / Polizei fahndet nach der Mutter

Patrick Menzel
16.06.2015 | Stand 16.06.2015, 10:02 Uhr

Gütersloh. Mutterseelenallein, nackt und in eine Plastiktüte gewickelt - so wurde am Sonntagabend in der Innenstadt ein erst wenige Stunden alter Junge aufgefunden. Das Wichtigste vorweg: Das Baby ist gesund, es wird momentan in der Kinderklinik in Bethel versorgt. Hinweise auf die Mutter gebe es derzeit nicht, heißt es von der Polizei. Eine Anwohnerin hatte den wimmernden Säugling am Sonntagabend in der Innenstadt entdeckt. Wann und wo genau, dazu macht die Polizei mit dem Hinweis auf "ermittlungstaktische Gründe" keine Angaben. Auch zu weiteren Einzelheiten halten sich die Beamten bedeckt. Man wolle keine Details an die Öffentlichkeit geben, die möglicherweise nur die Mutter kennt, heißt es. Die Polizei verweist in der Sache auf die Staatsanwaltschaft Bielefeld. Doch auch deren Sprecher, Staatsanwalt Christoph Mackel, reagiert auf Nachfragen ziemlich einsilbig. "Es gibt zur Zeit keine weiteren Auskünfte in der Sache", sagt Mackel und verweist wiederum auf die Pressemitteilung der Polizei. Darin heißt es wörtlich: "Wer kann Angaben zu diesem Sachverhalt machen oder hat verdächtige Beobachtungen gemacht?" Nach NW-Recherchen wurde der in eine Plastiktüte gewickelte, unbekleidete Neugeborene an einem "offen zugänglichen Ort am Rande der Innenstadt" gefunden. Offenbar hatte die Mutter den Säugling nicht versteckt. Dennoch liegt eine Straftat vor. Als Tatbestand kommt nach Aussage von Mackel "Aussetzung" (Paragraf 221 Strafgesetzbuch) in Frage. Dafür sieht das Gesetz eine Freiheitsstrafe von ein bis zehn Jahren vor. Noch am Abend des Auffindens hat eine Ermittlungskommission unter der Leitung des Bielefelder Staatsanwalts Veit Walter ihre Arbeit aufgenommen. Die Ermittler sollen herausfinden, wer die Mutter ist und warum sie ihren Sohn ausgesetzt hat. Der Säugling befindet sich momentan in der Kinderklinik Bethel. Ihm gehe es gut, sagt eine Sprecherin auf NW-Anfrage. Der Neugeborene hat auch bereits einen Namen; das ist wegen der Bestimmungen des Meldegesetzes so vorgeschrieben. "Die Klinik hat einen vorläufigen Funktionsnamen ausgesucht, mit dem der Junge behördenintern benannt wird", sagt Jugendamtsleiter Joachim Martensmeier. Verraten wollte er den Namen allerdings nicht. Wenn das Kind aus dem Krankenhaus entlassen wird, dann werde es, so Martensmeier, in eine Pflegefamilie gegeben. Um das lebensgefährliche Aussetzen von Babys zu verhindern, gibt es seit 2013 am Pfarrhaus der katholischen Kirchengemeinde Heilige Familie in Blankenhagen ein sogenanntes Babyfenster. Neugeborene können dort von Müttern, die das Kind nicht annehmen wollen, abgegeben werden. Im Frühjahr 2013 wurde das erste und bislang einzige Baby abgelegt. "Die Kinder werden dann dem Jugendamt gemeldet und an Pflegeeltern vermittelt", sagt Ernst Venjakob, der das Babyfenster betreut. Seit vergangenem Jahr gibt es für werdende Mütter auch das Angebot der vertraulichen Geburt. Die neue Regel ermöglicht einer Schwangeren, ihr Kind in einem Krankenhaus oder bei einer Hebamme zur Welt zu bringen und trotzdem vorerst anonym zu bleiben. Die Personendaten der Mutter werden zwar gespeichert, bleiben aber mindestens bis zum 16. Geburtstag des Kindes unter Verschluss. Das Gesetz war im vergangenen Mai in Kraft getreten und soll Schwangeren in Not eine Alternative zur anonymen Babyklappe bieten.Das sagen unsere Facebook-Leser Gabi Tammoschath: Hinter jedem Schicksal steht ein Mensch! Ich hoffe, dem Kind geht es gut, und die Mutter meldet sich, damit ihr (...) geholfen werden kann. Laura Hollmann: Wie kann man nur so etwas tun? Ich bin fassungslos. Der arme kleine Kerl. Mona Lutter: Es gibt heutzutage so viel Hilfe, die man sich holen kann, oder eben die Babyklappe. Yvonne Siekmann: Wenn ich mein Kind (...) nicht bei mir behalten kann, wickel’ ich es nicht in eine Plastiktüte und entsorge es. Die Strafe für die Dame sollte sehr empfindlich sein. Navin Ya: So was ist versuchter Totschlag an einem Baby und sollte hart bestraft werden. Tatjana Winkelgrund: Ich bin Mutter eines viermonatigen Jungen, und wenn ich so was lese... Einfach nur schrecklich.

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