Erfreut über den Versuch: Sigrun Kreier (62) fährt jeden Tag mit ihrem Fahrrad von Gütersloh nach Rheda und nutzt dafür auch die Kahlertstraße. Den Radweg meidet sie. "Der ist buckelig und aufgrund der vielen Ein- und Ausfahrten unsicher." Dank der neuen Piktogramme stelle sie bereits größeres Verständnis bei den Autofahren fest. "Ich werde seltener angehupt." - © FOTOS: LUDGER OSTERKAMP
Erfreut über den Versuch: Sigrun Kreier (62) fährt jeden Tag mit ihrem Fahrrad von Gütersloh nach Rheda und nutzt dafür auch die Kahlertstraße. Den Radweg meidet sie. "Der ist buckelig und aufgrund der vielen Ein- und Ausfahrten unsicher." Dank der neuen Piktogramme stelle sie bereits größeres Verständnis bei den Autofahren fest. "Ich werde seltener angehupt." | © FOTOS: LUDGER OSTERKAMP

Gütersloh Stadt lockt Radfahrer mit Verkehrsversuch auf die Straße

Verkehrsversuch an der Kahlertstraße / Initiatoren erwarten einen Gewinn an Sicherheit

Gütersloh. Auf der Kahlertstraße hat ein ungewöhnlicher, für Gütersloh neuartiger Verkehrsversuch begonnen. Seit einigen Tagen ermuntern Piktogramme die Radfahrer, statt des Radweges die Straße zu benutzen. Stadt, Polizei und Verkehrsverbände erhoffen sich davon eine Senkung der Unfallzahlen. Die etwa zwei Kilometer lange Kahlertstraße, beidseitig um Radwege ergänzt, ist für Radfahrer heikel. Laut Statistik der Polizei haben sich dort in den vergangenen drei Jahren 37 Unfälle ereignet. Bis auf drei Ausnahmen waren die Radfahrer immer auf ihren rot markierten Radwegen unterwegs. "Das zeigt, dass diese Radwege eine Sicherheit nur vorgaukeln; in Wahrheit sind sie tückisch und setzen den Radfahrer Gefahren aus", sagt Daniel Neuhaus vom Kreisvorstand des ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club). Schon seit Jahren plädiere der ADFC daher dafür, statt der Radwege die Straßen zu benutzen. Dort seien die Radfahrer besser aufgehoben, weil sie dann Teil des allgemeinen Straßenverkehrs seien und besser von den Autofahrern wahrgenommen würden. Diese Ansicht sei von zig wissenschaftlichen Studien belegt. Die Gesetzesnovellierung von 1997 (siehe Info-Kasten), die die Benutzungspflicht im Grundsatz aufgehoben hat, sei Ausbund dieser Erkenntnis. Auch an der Kahlertstraße gilt die Benutzungspflicht für Radfahrer schon seit Jahren nicht mehr. Die Stadt hat die blauen Gebotsschilder vor geraumer Zeit demontiert. Dennoch, so die Beobachtung des ADFC und auch der Stadt, ist der weitaus größte Teil der Radfahrer weiterhin auf den rot markierten Hochbords unterwegs. "Mir war gar nicht klar, dass ich auch die Straße benutzen darf", bestätigen gestern heimische Radfahrer wie Jovanka Djukic oder Martina Theophil. "Die Kahlertstraße bietet sich gut für diesen Versuch an", sagte Thomas Habig, Leiter des Fachbereiches Ordnung. Die Stadt habe die trockenen Tage genutzt, um beidseitig Piktogramme auf die Fahrbahn zu zeichnen. Etwa alle 50, 60 Meter sind sie angebracht. Kommende Woche, wenn der Versuch auch offiziell starte, würden zusätzlich Hinweisschilder angebracht und Flyer verteilt. "Wir wollen das mit einer Kampagne begleiten", sagte Habig. Der Versuch sei auf ein Jahr angelegt. Die Stadt sei gespannt, ob sich das Verhalten der Rad- und Autofahrer ändere und ob es sich auf die Unfallhäufigkeit auswirke. Auch die Polizei sei daran interessiert, sagte Sprecher Karl-Heinz Stehrenberg. Auf den Versuch gedrängt hatte die "Bürgerinitiative Energiewende" mit deren Sprecher Kurt Gramlich. Die Initiative, der sich neben dem ADFC der Verkehrsclub Deutschland (VCD) und eine Reihe Bürger angeschlossen hat, hatte bemängelt, viele Rad- und Autofahrer wüssten noch immer nicht, dass die Benutzungspflicht für Radwege weitenteils aufgehoben sei. Sie analysierte die Verkehrsstatistik und extrahierte die Kahlertstraße als bestmögliches Terrain. Ehrenamtlich werden sich Vertreter der Initiative an die Straße stellen, Zählungen vornehmen, Beobachtungen anstellen. Lediglich Piktogramme auf die Fahrbahn zu zeichnen und auf gestrichelte Linien oder gar ein weiteres Rot zu verzichten, sei Absicht, sagte ADFC-Sprecher Neuhaus. "Wir wollen diese Abtrennung nicht. Auto- und Radfahrer sollen sich die Straße teilen, das ist das Sicherste." Selbst wenn der Versuch das bestätigt, an einen Rückbau der Radwege sei nicht gedacht, versicherte Thomas Habig. "Der Stadt kommt es auf die Wahlmöglichkeit an. Wer sich auf dem Radweg wohler fühlt, soll ihn weiter benutzen können. Kinder und Ältere sind dort ohnehin besser aufgehoben."

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