Erzählerin Stephanie Riemenschneider (r.) und ein Balalaikaquartett entführten im Theater Kinder und Erwachsene in eine Märchenwelt. - © FOTO: EUGENIE KUSCH
Erzählerin Stephanie Riemenschneider (r.) und ein Balalaikaquartett entführten im Theater Kinder und Erwachsene in eine Märchenwelt. | © FOTO: EUGENIE KUSCH

Gütersloh Vom Nussknacker verführt

Perfekte Musikbildungsstunde mit den Wolga-Virtuosen im Theater

Eugenie Kusch

Gütersloh. „Ich wende mich an dich selbst, sehr geneigter Leser oder Zuhörer – Fritz – Theodor – Ernst – oder wie du sonst heißen magst“ – diese Worte richtete der Schriftsteller E. T. A Hoffmann in seinem Weihnachtsmärchen „Nussknacker und Mäusekönig“ unmittelbar an die Kinder. Vergleichbar direkt sprach die Moderatorin Stephanie Riemenschneider das junge Publikum am zweiten Weihnachtstag im Gütersloher Theater an, als sie die 200 Jahre alte Geschichte des Nussknackers zu erzählen begann und mit deren Hilfe die Kinder in die gleichnamige Ballettmusik von Peter Tschaikowsky einführte. Zwischen Realität und Traum pendelt jene Erzählung von dem Geschwisterpaar Maria und Fritz, das am Heiligabend gespannt auf die Bescherung wartet. „Kennt ihr das Kribbeln im Bauch vor Aufregung, besonders an diesem einen Abend?“ – so fragend fand die Erzählerin prompt die gemeinsame Sprache mit den kleinen Zuhörern und blieb zugleich für die begleitenden Erwachsenen unterhaltsam. Natürlich kannten die Gütersloher Kinder dieses Gefühl, was sie mit lautem Bejahen kund gaben. Auf die spannende Geschichte „mit Kribbeln im Bauch“ wartend, lernten sie zunächst ungewöhnliche Instrumente kennen, die auch für die versierteren Musikliebhaber Exemplare von Seltenheitswert waren, wie die Domra und Altdomra oder die dreieckige, große Bass-Balalaika. Das bei uns wesentlich besser bekannte Knopfakkordeon komplettierte die kleine Instrumentalgruppe. Die vier aus Russland und der Ukraine stammenden, dort und dann auch in Deutschland ausgebildeten Musiker Elena Olenchyk, Valerij Kisseljow, Alexander Pankov und Jurij Kostew tragen, wie sich bald herausstellte, den verlockenden Namen „Wolga Virtuosen“ absolut zu Recht. Orchesterähnliche Klangbilder zauberten sie in der „Nussknacker-Suite“ oder in der aus dem Ballett zugefügten sechsten Szene, die ein Tor zum Magischen öffnet: Der geschenkte Nussknacker wird um Mitternacht lebendig, bekämpft eine Mäusearmee, verwandelt sich in einen Prinzen, der Marie in das winterliche Reich der Süßigkeiten entführt. Die Moderatorin zog dabei die kleinen Zuschauer in die Aktion hinein, animierte sie, die Rhythmen der Musik von den Rohrflöten und der Zuckerfee mit kleinen Choreographien, das Hüpfen der Zuckerguss-Pferde im Trab und Galopp oder das Knacken der sich als „Kastagnetten“ tarnenden Nüssen mit exaktem Klatschen nachzuempfinden. Gewappnet mit bescheidenen Requisiten, einigen grünen verwendungsfähigen Kartons, die einen Weihnachtsbaum genauso gut wie die Mäusearmee versinnbildlichten sowie mit zwei Kleiderstücken von Marie und ihrem Bruder, unterstützt jedoch umfassend von den hervorragenden Musikern, bot Stephanie Riemenschneider den Kindern eine poetisch-musikalische, mustergültige Bildungsstunde. „Musikalische Bildung hat eine höhere Wertschätzung verdient, als sie derzeit in der Gesellschaft erkennbar wird“, sagte jüngst Bundespräsident Joachim Gauck. Das dürften die im Theater anwesenden Erwachsenen genauso sehen.

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