0

Gütersloh Aus Gütersloh ins Paderborner Dorf

Das Stahlsche Haus steht heute im Westfälischen Freilichtmuseum Detmold

VON EIKE J. HORSTMANN
08.10.2014 | Stand 07.10.2014, 19:18 Uhr

Diese Aufnahme vom Stahlschen Haus stammt aus dem Jahr 1906. - © FOTO: NW
Diese Aufnahme vom Stahlschen Haus stammt aus dem Jahr 1906. | © FOTO: NW

Gütersloh. Dass Häuser eine bewegte Geschichte haben können, ist in unserem Mittwochsrätsel schon häufiger beschrieben worden. Im wahrsten Sinne des Wortes bewegt ist wiederum die Geschichte des Gebäudes, das wir vergangene Woche gesucht hatten: Es ist das "Stahlsche Haus", das einst am Domhof Nr. 4, Ecke Dalkestraße stand. Doch im Gegensatz zu den meisten anderen Häusern seiner Nachbarschaft existiert es noch heute - allerdings an einem anderen Ort.

Die filigran gestaltete Rokoko-Tür ist vielen Güterslohern in Erinnerung geblieben, auch wenn das Stahlsche Haus bereits vor 43 Jahren abgerissen und abtransportiert wurde - ins Lipperland und irgendwie auch in den Hochstift. Denn seit 1986 ist es in voller Pracht im Westfälischen Freilichtmuseum Detmold zu sehen, und zwar als Schmuckstück des "Paderborner Dorfes".

Der fest mit dem Haus verbundene Name "Stahl" hat wie unschwer auf den Bildern zu erkennen nichts mit der Architektur des Gebäudes, sondern eher mit seinen langjährigen Eigentümern. Errichtet wurde es im Jahr 1730 vom Schnapsbrenner Peter Friedrich Hoffbaur, dessen Tochter 1790 den Kaufmann Johann Heinrich Stahl ehelichte. Deren Sohn wiederum gründete 1837 am Domhof eine Destillerie, die der Enkel des ersten Stahl, Carl Stahl jun., schließlich zusammen mit seinem Bruder Gottfried im Jahr 1884/85 zur ersten westfälischen Cognac-Brennerei ausbaute. Die Brüder importierten Wein aus dem französischen Anbaugebiet Charente und destillierten so "echten französischen Cognac" - Made in Gütersloh. 1922 wandelte der umtriebige Geschäftsmann seine Firma in die "Carl Stahl AG Weinbrennerei und Domhofdestillerie" um, die dem Rückforth-Konzern in Stettin angegliedert wurde. Zu diesem Zeitpunkt wurde im Stahlschen Haus schon lange kein Schnaps mehr gebrannt, die Destillerie wurde abgerissen und das Haus 1928 an die Stadt Gütersloh verkauft. Diese richtete 1934 darin das Heimatmuseum ein.

Aber nicht mehr das Stahlsche Haus. Heute steht dort die Stadtbibliothek Gütersloh. - © FOTO: EIKE J. HORSTMANN
Aber nicht mehr das Stahlsche Haus. Heute steht dort die Stadtbibliothek Gütersloh. | © FOTO: EIKE J. HORSTMANN

Die Preziosen der Gütersloher Lokalgeschichte wurden allerdings nur rund 22 Jahre im Stahlschen Haus aufbewahrt und gezeigt, woran sich NW-Leser Rainer Wimmelbücker erinnert - wenngleich nur aus Erzählungen. "Meine Eltern haben mir immer erzählt, dass ich 1956 im Stahlschen Haus registriert wurde. Demnach muss es zu jener Zeit das Standesamt gewesen sein." Tatsächlich dürfte Wimmelbücker einer der ersten Gütersloher Babys gewesen sein, deren Geburt im Stahlschen Haus aktenkundig wurde. Denn das Standesamt wurde dort genau im Jahr 1956 eingerichtet. Auch Ehen wurden dort geschlossen, wie die von Leser Joachim Kriele. "1962 bin ich in diesem Hause - in der vormaligen Lübkerschen Wohnstube - getraut worden", sagt Kriele. "Die Trauung war seinerzeit sehr prosaisch. Dafür hat die Ehe bis heute gehalten."

Das Stahlsche Haus steht heute im Freilichtmuseum Detmold. - © FOTO: NW
Das Stahlsche Haus steht heute im Freilichtmuseum Detmold. | © FOTO: NW

Nicht gehalten hat sich hingegen das Stahlsche Haus an seinem damaligen Standort. 1967 zog das Standesamt wieder aus, danach stand das schmucke Gemäuer rund vier Jahre lang leer. 1971 rückte schließlich ein Abbruchunternehmen an, das jedoch sehr behutsam vorging. Immerhin sollte das Haus rund 30 Kilometer weiter östlich wieder aufgebaut werden. Mit den Häusern der Nachbarschaft wurde danach weniger zimperlich umgegangen. Sie wurden abgerissen. Heute steht dort die Stadtbibliothek.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group