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Gütersloh

Buchclub streicht 80 Stellen

Niedergang setzt sich fort / Im Laufe des Jahres werden 41 Filialen schließen / Sozialplan erstellt

VON LUDGER OSTERKAMP
19.01.2014 | Stand 17.01.2014, 21:22 Uhr
Der Club Bertelsmann. In Gütersloh firmiert der Laden an der Königstraße seit zwei Jahren unter der Marke "Zeilenreich", das alte Schild wurde eingemottet. - © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN
Der Club Bertelsmann. In Gütersloh firmiert der Laden an der Königstraße seit zwei Jahren unter der Marke "Zeilenreich", das alte Schild wurde eingemottet. | © FOTO: RAIMUND VORNBÄUMEN

Gütersloh. Der Buchclub, das Fundament, auf dem Reinhard Mohn einen Weltkonzern aufbaute, bröckelt zusehends. Nach einer internen Liste wird Bertelsmann in diesem Jahr in Deutschland 41 Filialen schließen, das ist annähernd jede zweite. Damit einher geht ein Personalabbau in den Verwaltungszentralen Rheda und Berlin.

Geschäftsleitung und Betriebsrat haben eine Betriebsvereinbarung geschlossen, wonach bis Mitte 2015 jede vierte Stelle wegfällt. Statt 226 Ganztagskräfte werden in Rheda und Berlin dann nur noch 146 tätig sein. Ein Sozialplan sieht für die betroffenen Mitarbeiter Kompensationen und Hilfen vor.

"Die Gespräche sind ganz im Sinne der Bertelsmann-Kultur partnerschaftlich und konstruktiv verlaufen", sagte Matthias Wulff, Sprecher der Direct Group, am Freitag. Der Personalabbau und die Schließung unrentabler Filialen sei aus wirtschaftlichen Gründen notwendig. Im vergangenen Jahr seien etwa 50 Filialen geschlossen worden.

Wulff sagte, die Zahl der Clubmitglieder sei weiter im Sinken begriffen. Aktuell liege sie bei rund einer Million. Mitte der Neunziger Jahre zählte der Club noch vier Millionen Mitglieder, freilich auch dank des Zwischenhochs durch die Wiedervereinigung. Mit den Schließungen reagiere man auf diese Entwicklung. In welchem Ausmaß der stationäre Buchhandel Probleme habe, sehe man aktuell ja auch bei "Weltbild".

Von den Schließungen bei der Bertelsmann-Tochter sind gleichermaßen "Club"- wie "Zeilenreich"-Filialen betroffen. 2011 hatte die Direct Group mit "Zeilenreich" ein neues, offeneres Konzept eingeführt. Seither kann jeder Kunde in den Filialen einkaufen, Nicht-Mitglieder kommen allerdings nicht in den Genuss des billigeren Preises. Wulff sagte am Freitag, das Konzept habe sich bewährt. "Es hat geholfen, die Entwicklung abzufedern." Andernfalls wäre der Rückgang deutlicher ausgefallen. Etwa ein Drittel der Filialen firmiert unter "Zeilenreich".

Auch die Gütersloher Filiale an der Königstraße wird nach dem neuen Konzept geführt und benannt. Laut der internen Schließungsliste muss sie sich 2014 keine Sorgen machen. Geschlossen werden dagegen die OWL-Niederlassungen in Bielefeld und Detmold, beide voraussichtlich im April.

Der Betriebsratsvorsitzende Heinz Willikonsky sagte gestern, er habe den Eindruck, das offene "Zeilenreich"-Konzept sei bei den Bürgern noch zu wenig bekannt. "Der Ansatz ist richtig, allerdings wissen einfach zu wenige davon." Was die weitere Entwicklung des Unternehmens angehe, sei er wenig optimistisch, zu befürchten sei eher ein weiterer, schleichender Niedergang. "Da muss man realistisch bleiben."

Der Betriebsratschef sagte, für ihn sei es bereits der "vierte oder fünfte" Sozialplan, den er mit ausgehandelt habe. "Das Erfreuliche daran ist lediglich, dass das bislang immer im Konsens passierte." Die jetzige Betriebsvereinbarung hat eine Laufzeit bis Ende 2015.

Willikonsky gibt die Zahl der Mitarbeiter in Rheda mit 250 an, darunter etliche Teilzeitkräfte. In Berlin arbeiteten derzeit 60 Mitarbeiter. Das Streichen von netto 80 Ganztagsstellen bis Mitte 2015 laufe im Ergebnis auf etwas mehr als hundert Betroffene hinaus. Es werde schwer werden, diesen Abbau ohne betriebsbedingte Kündigungen zu erreichen. Die Betriebsvereinbarung über den Interessenausgleich behält sich diese Möglichkeit ausdrücklich vor. Zudem ist sie flexibel angelegt: Sollten sich bis Ende 2015 im Geschäft inhaltliche Änderungen ergeben, werde sich das auch auf den Interessenausgleich auswirken. Aktuell ist der Stellenabbau über alle Bereiche hinweg geplant.

Der Club bietet den betroffenen Mitarbeitern in Rheda an, in die Bertelsmann-Transfer-Gesellschaft (BTG) zu wechseln. Dort können sie bei einem um 7,5 Prozent abgesenkten Bruttolohn bis zu 24 Monate bleiben und sich auf einen anderen Job innerhalb des Konzerns fortbilden. Hat Bertelsmann bis dahin keine weitere Verwendung für sie gefunden, wechseln sie in die BTG II, wo sie bei erneuter Lohnkürzung (fünf Prozent) weitere zwölf Monate bleiben können. Für die Betroffenen in Berlin gibt es diese Optionen nicht.

Alternativ zum Bertelsmann-Angebot können die Mitarbeiter (auch die Berliner) auch in ein externe Transfergesellschaft wechseln. Die dritte Variante schließlich wäre, eine Abfindung anzunehmen und komplett auszuscheiden; wählt der Mitarbeiter diese Variante früh, erhält er zusätzlich eine "Entscheidungsprämie".

Die Mitarbeiter der Filialen werden abgefunden, sie haben keine Möglichkeit, in eine der Transfergesellschaften zu wechseln.

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