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Mit Freude dabei: Evangelia Sarma dekoriert Lebkuchenherzen, die für das Oktoberfest bestimmt sind. - © Heiko Kaiser
Mit Freude dabei: Evangelia Sarma dekoriert Lebkuchenherzen, die für das Oktoberfest bestimmt sind. | © Heiko Kaiser

Borgholzhausen Weihnachsduft im Sommer: In dieser Lebkuchenfabrik ist bereits Hochsaison

Weihnachten ist noch weit. Die Menschen denken an Abkühlung. Doch in der Lebkuchenfabrik Schulze hat die Produktion längst begonnen

Heiko Kaiser
13.08.2019 | Stand 13.08.2019, 15:43 Uhr

Borgholzhausen. Mon Chérie macht Sommerpause. Auch Küsschen und die Goldene Kugel sind im Handel nicht zu bekommen. Kein Wunder, bei Temperaturen um die 30 Grad ist es so eine Sache mit Schokoladenspezialitäten. Auch in Borgholzhausen brennt die Sonne vom Himmel. Die Eisdiele ist gut besucht. Das Freibad stößt an seine Aufnahmegrenze. An Weihnachten denkt hier niemand. Niemand? Wer das Schulze Ladencafé an der Freistraße betritt, der ist diesem Gedanken hilflos ausgeliefert. Düfte erschließen nämlich einen ungefilterten Zugang zu Gefühlen, heißt es. Stimmt. Die Duftmischung aus Koriander, Ingwer, Nelken, Muskat und Lebkuchen, die beim Betreten entgegenschlägt, lässt Bilder von Weihnachtsbäumen, verschneiten Straßen und Kerzenlicht vor dem inneren Auge erscheinen. Die Produktion startet bereits im März Stopp, es ist August. Da haben solche Bilder nichts zu suchen. Oder doch? Was macht eigentlich eine Lebkuchenfabrik im Sommer? Ich gehe der Frage nach und bekomme eine unerwartete Antwort. „Die Produktion läuft auf Hochtouren", sagt Peter Knaust, Seniorchef der Piumer Lebkuchenfabrik Schulze. Ein Blick hinter die Werkstore bestätigt die Aussage. „Hier läuft der Klassiker", erklärt Knaust. „Herzen, Brezeln, Sterne." Typisches Lebkuchengebäck – mitten im Juli. Das aber ist nichts Ungewöhnliches. „Die Produktion startet bereits im März", erklärt der 65-Jährige. Dann gelte es, die großen Frühjahrsmärkte Send in Münster, Libori in Paderborn oder Sünne Peider in Versmold zu beliefern. "Lebkuchen waren schon immer ein Ganzkahresprodukt" Früher, so Peter Knaust, seien das die Hauptabsatzkanäle gewesen. Früher bedeutet: vor einigen Jahrzehnten. Johann Heinrich Schulze, der das Unternehmen 1830 gründete, zog in den ersten Jahren mit einer Kiepe, die noch heute im Schulze-Ladencafé zu sehen ist, beladen mit Lebkuchen hinaus und trug Borgholzhausener Gebäck zu Markte. „Lebkuchen war schon immer ein Ganzjahresprodukt", erklärt Juniorchef Arne Knaust. „Das besondere Mischungsverhältnis von mindestens 50 Prozent Zucker verlieh dem Lebkuchen seit eh und je eine außerordentliche Haltbarkeit und machte die sogenannten Moppen, große Lebkuchenknöpfe, bei den hart arbeitenden Bauern zu einem gefragten Energielieferanten." Während in der Produktionshalle stündlich 200 bis 250 Kilogramm typisches Lebkuchengebäck über die 150 Meter lange Produktionsstraße mäandert, dort gebacken, veredelt, getrocknet oder gekühlt und schließlich verpackt wird, garnieren ein Stockwerk höher Mitarbeiterinnen die Lebkuchenherzrohlinge zu Präsenten für jeden Anlass. Lebkuchen-Lieferungen reichen von Hochzeiten bis zu den Wiesn „Das hier ist offensichtlich für eine Hochzeit", sagt Peter Knaust. Im Metallregal liegen auf großen Blechen Herzen mit den Namen des Brautpaares. Die leitende Garniererin Bianca Lessing schreibt "Chaosprinzessin" auf ihre Herzen. Eine Spezialbestellung. Gerne würde man die Geschichte kennen, die sich dahinter verbirgt. Wohin der Weg die Lebkuchen führt, die ein paar Meter weiter Evangelia Sarma mit ihrer Spritztüte dekoriert, ist hingegen klar. Ein Bierkrug mit Schaum und der Schriftzug Wiesn lassen keine Frage offen. Jetzt krönt Evangelia Sarma das Ganze mit einem roten Herzchen aus Zuckerguss. Sie lächelt dabei – eine Herzensangelegenheit offensichtlich. Das ist die Stärke von Borgholzhausens bester Lebkuchenstube. „Wir machen das, was die Großen nicht können", sagt Peter Knaust. Bedeutet: Individuelle Produkte – unter anderem beschriftete Lebkuchenherzen schon ab einer Menge von einem Stück. Die Lebkuchen-Saison endet für das Laden-Café erst im Februar Dann geht es wieder hinaus. Hinaus aus dem wohl temperierten Produktionsgebäude in die Sommerhitze davor. Lebkuchen wird also auch im Sommer produziert – oder gerade da. Erst im Februar ruht hier die Produktion. Dann werden die Maschinen gereinigt und intensiv gewartet. Noch einmal gehe ich in das Schulze-Ladencafé. „Wir sind unser bester Kunde", hat Peter Knaust zuvor gesagt. Ein großer Teil des produzierten Gebäcks wird hier verkauft. Besonders im Winter. Im Regal steht eine Tüte Sommer-Lebkuchen. Das hätte ich auch einfacher haben können.

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