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BIELEFELD "Charme durch Doppeldeutigkeit"

INTERVIEW: Professor Martin Carrier über das ungewöhnliche Namenskonzept auf dem Campusgelände

08.02.2012 |
Philosoph Dr. Martin Carrier. - © FOTO: BARBARA FRANKE
Philosoph Dr. Martin Carrier. | © FOTO: BARBARA FRANKE

Bielefeld. Hypothese, Dynamik oder Einsicht - das sind ungewöhnliche Namen für Straßen und Wege. Rund um Universität und neuer Fachhochschule sollen demnächst 30 solcher Bezeichnungen die Eigenständigkeit des Bielefelder Campus-Geländes unterstreichen. Die Namens-Ideen stammt von Dr. Martin Carrier, Professor für Wissenschafts-Philosophie an der Universität Bielefeld. Carrier, Leibniz-Preisträger, erklärt im Gespräch mit NW-Redakteur Ansgar Mönter das Konzept.

Herr Carrier, wollen sich Universität und Fachhochschule mit diesen Namen abheben vom Rest der Stadt?
MARTIN CARRIER: Nein, es soll überhaupt nicht als Abgrenzung verstanden werden. Das Gegenteil ist beabsichtigt. Darin steckt sehr viel Potenzial für eine Öffnung nach außen.

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Wenn man Wegenamen liest wie etwa "Extrapolation" oder "Iteration", kommt man darauf zunächst nicht. Die sind ja schwer auszusprechen. Können Sie mir den Sinn erklären . . .
CARRIER: (grinsend) Also, die wirklich schweren wissenschaftlichen Begriffe wie Imkommensurabilität haben wir ja nicht verwendet. Und fast jede Benennung beinhaltet eine Doppeldeutigkeit. Zum Beispiel die Straße, die von der Haltestelle Wellensiek zum neuen Campus führt, soll "Hypothese" heißen. Eine Hypothese schließt sich gut an Erfahrung und Experiment an. Und sie ist im griechischen Wortsinn eine Unterstellung, wodurch auf die Tieferlegung der Straße angespielt wird.

Diese Doppeldeutigkeit braucht Zeit, damit sie sich erschließt.
CARRIER: Ja, ich denke aber, das Konzept entwickelt auf den zweiten Blick einen gewissen Charme, auch durch die Selbstironie, die dahinter steht wie etwa bei "Lauf der Dinge", der Fußweg vor dem neuen Unigebäude, in dem zukünftig die Historiker arbeiten werden, oder beim "Sozialen Feld" an der Mensa, wo auch die Soziologen zu finden sind.

Warum haben Sie nicht Namen von renommierten Wissenschaftlern verwendet? Davon gab und gibt es doch viele in Bielefeld?
CARRIER: Das machen alle. Außerdem gibt es nicht genug Wissenschaftler, die anerkannt und auch schon tot sind für 30 Benennungen.