Fast fertig: Der Trockentisch wird durch Feuer erhitzt. - © Ingo Kalischek
Fast fertig: Der Trockentisch wird durch Feuer erhitzt. | © Ingo Kalischek

Hillegossen Handwerk: Papier-Firma wirbt um Mitarbeiter - auf Mittelaltermärkten

Mitsubishi HiTec Paper Europe tourt über Mittelaltermärkte und zeigt Besuchern, wie vor 5.000 Jahren Papier hergestellt wurde

Ingo Kalischek

Hillegossen. Diese Handwerkskunst ist mehr als 5.000 Jahre alt, in Bielefeld aber aktueller denn je: Das traditionelle Papierschöpfen per Hand erfährt in Hillegossen eine Art Renaissance. Für die Azubis des Unternehmens Mitsubishi HiTec Paper Europe gehört es mittlerweile zum Ausbildungsprogramm. Und davon dürfen sich jetzt auch die Bielefelder überzeugen. Markus Kerker steht über einer großen Holztruhe und blickt auf weißlich anmutendes Wasser. Darin befinden sich winzig kleine Fasern, sie bestehen aus Hanf und Flachs. Die Stoffdichte beträgt knapp zwei Prozent. Daraus will Kerker gleich Papier gewinnen - per Hand und ohne Strom. Kerker ist Papiertechnologe im Unternehmen Mitsubishi HiTec Paper Europe. Das zählt zu den wichtigsten Spezialpapierherstellern weltweit. Die Papierfabrik in Hillegossen wurde 1799 gegründet, stellt heute jährlich rund 150.000 Tonnen gestrichene Spezialpapiere für den Weltmarkt her. Natürlich mit modernster Technik - unter anderem einer riesigen Maschine. In der Berufsschule gelernt, wie man per Hand Papier schöpft Das war früher anders. Im Jahr 106 nach Christus soll erstmals Papier geschöpft worden sein, davor wurde auf Tierhaut, also auf Pergament, geschrieben, sagt Kerker. Diese Ursprünge will er den Azubis ins Bewusstsein führen. "Ich habe früher in der Berufsschule gelernt, wie man per Hand Papier schöpft. Das ist heute aber nicht mehr die Regel", sagt Kerker. Deshalb lehren er und sein Kollege Andreas Born die jahrhundertealte Handwerkskunst selber. In das trübe Wasser taucht Kerker nach und nach ein Sieb, das er langsam und in großen Bewegungen nach oben zieht. Dann schüttelt er das Sieb leicht, um ein gleichmäßiges Blatt zu erzeugen. Als nächstes drückt er das Wasser aus dem Sieb, dann überträgt er das Papiervlies auf ein feuchtes Tuch, im Fachkreis "abgautschen" genannt. Mehrere dieser wässrigen Papiere legt Kerker nun auf eine Spindelpresse. Die haben die Azubis aus altem Eichenholz selber gebaut. Mit ihr presst er das restliche Wasser mit rund 36 Bar aus dem Papier und legt es zuletzt auf einen alten Trockentisch. "Den muss man sich wie eine riesige Raclette-Platte vorstellen." Auch sie kommt komplett ohne Strom aus, da eine Feuerschale die Bodenfliesen auf der Platte erhitzt. Nach rund 15 Minuten ist der Vorgang fertig - und Kerker hält selbst hergestelltes Papier in der Hand, ohne Strom, ohne moderne Technik, mit selbstgebautem Werkzeug. Natur pur. Die alte Kunst sei bei den Azubis längst nicht nur ein Pflichtprogramm, sondern ein Event: Seit einigen Jahren nehmen sie gemeinsam mit ihren Ausbildern an Mittelalter-Märkten in der Region teil - und stellen Besuchern dort ihre ungewöhnliche Handwerkskunst vor. Vor wenigen Tagen waren sie auch mit Stand und Zelt auf dem Sparrenburgfest vertreten. "Das wurde super angenommen. All unsere Vorräte wurden aufgebraucht, das Papier hat man uns förmlichst aus den Händen gerissen", sagt Kerker. Rund 15 Azubis waren mit dabei, zum Teil verkleidet. Neben Spaß und Abwechslung erhofft sich das Unternehmen von den Mittelaltermärkten noch etwas anderes: "Wir suchen Nachwuchskräfte und so schaffen wir es, Aufmerksamkeit zu erzeugen", sagt Ausbildungsleiter Andreas Born. Tatsächlich erhalte das Unternehmen anschließend verstärkt Anfragen für Besichtigungen und Praktika. An der alten Handwerkskunst wollen Kerker und Born so oder so festhalten. Anfragen für Mittelaltermärkte erhalten sie mittlerweile aus ganz Deutschland.

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