Polizeibeamte und Mitarbeiter des Arbeiter-Samariter-Bundes reden auf aufgebrachte Flüchtlinge ein. Der Rettungsdienst kam mit zahlreichen Fahrzeugen und Notärzten. - © Christian Mathiesen
Polizeibeamte und Mitarbeiter des Arbeiter-Samariter-Bundes reden auf aufgebrachte Flüchtlinge ein. Der Rettungsdienst kam mit zahlreichen Fahrzeugen und Notärzten. | © Christian Mathiesen

Bielefeld Massenschlägerei am Oldentruper Hof - festgenommene Flüchtlinge wieder frei

Tschetschenische und jesidische Flüchtlinge gehen bei Bielefelder Flüchtlingsunterkunft aufeinander los. Fünf Verletzte. 100 Jesiden versuchen ehemaliges Hotel zu stürmen

Bielefeld-Oldentrup. Ein Glaubenskrieg scheint am Samstagabend im Umfeld der Flüchtlingsunterkunft Oldentruper Hof zwischen Muslimen und Jesiden eskaliert zu sein. Die beiden am Samstag vorläufig festgenommenen Tschetschenen sind nach den polizeilichen Maßnahmen wieder entlassen worden. Die Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung und Landfriedensbruch. Auslöser war eine Massenschlägerei, die gegen 18 Uhr etwa 500 Meter vom Oldentruper Hof entfernt auf der Potsdamer Straße stattfand. Dort hatte eine Gruppe von etwa 15 Tschetschenen eine ebenso große Zahl von Jesiden vermutlich abgepasst und sie unvermittelt angegriffen. Alle an der Schlägerei Beteiligten leben in der Flüchtlingsunterkunft. Bei der Attacke setzten die Tschetschenen Knüppel und Messer ein und verletzten die Opfer zum Teil erheblich. Am späten Abend versuchten laut Polizeibericht dann 100 Jesiden, das ehemalige Hotel zu stürmen. Doch Sicherheitsmänner und die Polizei konnten das verhindern. Eine aufmerksame 37-jährige Autofahrerin hatte die Schlägerei beobachtet und die Rettungskräfte sowie die Polizei informiert. Weil sie gesehen hatte, dass die Angreifer bereits flüchteten, stieg sie aus und leistete vor Ort Erste Hilfe. Die Feuerwehr löste aufgrund der unübersichtlichen Lage einen MANV-I-Alarm aus. Der sogenannte "Massenanfall von Verletzten" hat eine umfassende Rettungsdienstalarmierung zur Folge, wenn eine größere Zahl von Verletzten zu erwarten ist. So eilten zur Versorgung der Verletzten fünf Rettungswagen und zwei Notärzte innerhalb kürzester Zeit zum Tatort. Fünf Männer kamen ins Krankenhaus Fünf Männer mussten ins Krankenhaus transportiert werden. Sie erlitten unter anderem ein Schädel-Hirn-Trauma, eine Gesichtsschädelfraktur, eine Handfraktur und Schnittverletzungen unterhalb der Achsel. Insgesamt traf die Polizei kurz nach der Alarmierung auf etwa 80 Menschen vor der Unterkunft. Zu Beginn war die Situation laut Polizei "sehr unübersichtlich", die tschetschenische Gruppe hatte sich bereits in ein angrenzendes Wäldchen entfernt. Nach gut einer Stunde konnten die Beamten in Grundzügen ermitteln, wer Beteiligter, wer Zeuge, wer Schaulustiger war. Die genauen Ursachen für diese Schlägerei standen auch am Sonntagmorgen noch nicht fest, die Ermittlungen der Kriminalpolizei und des Staatsschutzes dauern noch an. Aufgebrachte Jesiden wollen sich rächen Währenden der polizeilichen ‚Ermittlungsarbeiten und der Suche nach den Tätern wurde die Lage vor dem Oldentruper Hof immer brisanter. Durch den Angriff auf ihre Landsleute aufgebracht verließen alle Jesiden die Flüchtlingsunterkunft und bauten sich auf der Straße auf. Immer mehr Polizeikräfte wurden vor Ort zusammengezogen, Verstärkung aus Detmold, Herford und Gütersloh angefordert. Sogar die Autobahnpolizei wurde aktiviert. Über das Internet mobilisiert, trafen aus dem Umland, teilweise sogar aus Oldenburg, etwa einhundert weitere jesidische Kurden ein. Anwohner konnten beobachten, wie sie teilweise mit Knüppeln und Messern bewaffnet waren. Es hieß, dass man gemeinsam die Flüchtlingsunterkunft stürmen wolle, um Rache für den Angriff auf die Opfer der Massenschlägerei zu nehmen. Mit Hilfe von Dolmetschern gelang es den Polizeikräften, die angereisten Jesiden hinter eine Straßensperre zurückzudrängen. Laut Polizei gibt es erste Hinweise, dass es schon seit Tagen Schwierigkeiten zwischen jesidischen und tschetschenischen Familien gegeben haben soll. Im Laufe der Nacht wurden ein 24-jähriger und ein 42-jähriger Tschetschene festgenommen. Weinende Kinder und schockierte Eltern campieren draußen Inzwischen waren gegen 23 Uhr mehrere Fahrzeuge des Technischen Hilfswerks eingetroffen, um das Gelände vor der Flüchtlingsunterkunft taghell auszuleuchten. Im Straßengraben, am Straßenrand, an Zäune gelehnt waren jetzt die unzähligen verängstigten, aufgebrachten und ratlosen Menschen jesdischen Glaubens zu erkennen. Mütter versuchten, ihre weinenden Kinder zu beruhigen, ein unbeschreiblicher Anblick. Und keiner der Menschen ließ sich bewegen, in den Oldtentruper Hof zurückzukehren. Auch das Versprechen, zwei tschetschenische Familien, die sich vermutlich schon sein längerem aggressiv gegenüber den Jesiden verhielten, in eine andere Unterbringung zu verlegen, konnte sie nicht umstimmen. Über Dolmetscher hatten die Jesiden erfahren, dass nun auch in der Einrichtung lebende Syrer muslimischen Glaubens sich gegen sie stellen wollten. Erst in den frühen Morgenstunden beruhigte sich die Lage. Um eine räumliche Trennung der Gruppen zu erreichen, veranlasste die Bezirksregierung Detmold als zuständige Behörde für diese Landesunterkunft im Laufe der Nacht einen Umzug aller jesidischen und tschetschenischen Familien in jeweils andere Städte innerhalb Ostwestfalens. Der Arbeiter-Samariter-Bund stellte Busse zur Verfügung, die alle draußen campierenden Jesiden in eine Flüchtlingseinrichtung nach Herford brachte. Die tschetschenischen Familien wurden in Bad Driburg und in Detmold untergebracht. Danach beruhigte sich die Lage im "Oldentruper Hof". Die genauen Ursachen für die Massenschlägerei stehen zurzeit noch nicht fest, die Ermittlungen der Kriminalpolizei und des Staatsschutzes dauern noch an. Nach NW-Informationen soll es sich um den jetzt auf Bielefelder Boden ausgetragenen Glaubenskonflikt zwischen Muslimen und Jesiden handeln.

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